Fall Kachelmann: «Das war dilettantisches Herumermitteln»
Aktualisiert

Fall Kachelmann«Das war dilettantisches Herumermitteln»

Der neue Verteidiger von Jörg Kachelmann hat sich bereits zu seinem neuen Fall geäussert. Johann Schwenn ging dabei scharf ins Gericht mit der Staatsanwaltschaft.

von
amc

Mittwochmorgen tritt Johann Schwenn das erste Mal vor die 5. Strafkammer des Landgerichtes Mannheim. Freunde wird der neue Anwalt von Jörg Kachelmann dabei wohl nicht treffen: In einem Artikel für die Dezember-Ausgabe des deutschen Polit-Magazins «Cicero» hat Schwenn den bisherigen Prozess zerpflückt. Mit spitzer Feder kommentierte er die bisherige Arbeit des Gerichtes und der Staatsanwaltschaft. Vor allem an Letzter lässt der Hamburger Star-Anwalt kein gutes Haar. Die bisherige Arbeit sei ein «dilettantisches Herumermitteln» gewesen, schreibt Schwenn und sagt, dass es nur einen Effekt gehabt hat: «die Vernichtung der Reputation» von Kachelmann.

Die Staatsanwaltschaft und das Gericht hätten sich aufgrund von «fehlender Sachkunde auf dem Gebiet der forensischen Psychiatrie» einen Sachverständigen an Bord geholt und dessen Urteil einfach geglaubt. «Statt sich von dem auf Demontage des Angeklagten angelegten Verfahren der Staatsanwaltschaft abzusetzen, haben es die Richter der Strafkammer ihr gleichgetan und eine frühere Kachelmann-Gespielin nach der anderen vernommen.» Für Schwenn ein No-Go. «Wer mit der Zeit geht, hält den sexuellen Missbrauch für die Pest unserer Tage. Da mögen die fallenden Zahlen der Kriminalstatistik sagen, was sie wollen: Gegen den Glauben an den Missbrauch scheint kein Kraut gewachsen. Dass dieser Glaube inzwischen auch jene erfasst hat, die es von Amts wegen besser wissen sollten, ist im Verfahren gegen Jörg Kachelmann zu besichtigen.»

Kachelmann: Der zweite Prozesstag

«Kachelmann hat Anrecht auf Entschädigung»

Schwenn kritisiert im zwei Seiten langen Artikel vor allem, dass Staatsanwaltschaft und Gericht dem Traumatologen und Therapeuten des mutmasslichen Opfers so viel Glauben schenkten. Die Theorie, dass die Erinnerungslücken von Sabine W. aufgrund des Traumas durch die Tat zu erklären seien, tut Schwenn als «Modekonstrukt» ab und zitiert Psychiater Klaus Dörner mit seinem Schluss: «Die posttraumatische Belastungsstörung ist ein interessengeleitetes Modekonstrukt, an dem Sie Ihre Patienten nach Möglichkeit vorbeisteuern sollten.» Gemäss Schwenn hätte diese Haltung der Staatsanwaltschaft und den Richtern «die schmerzhafte Kollision mit den Tatsachen erspart».

Seinen Artikel schliesst Schwenn mit einer möglichen Klage Kachelmanns ab: «Für die Staatsanwaltschaft Mannheim steht […] mehr auf dem Spiel als ein Gesichtsverlust. Wird der Angeklagte freigesprochen, so muss das Gericht ihm das Anrecht auf Entschädigung für die erlittene Freiheitsentziehung zusprechen», heisst es im «Cicero»-Artikel. Zeigt sich Schwenn am Mittwoch vor Gericht nur halb so angriffig, werden Richter und Staatsanwaltschaft einiges zu hören kriegen. Ob er das tatsächlich tun wird, bleibt allerdings noch offen: Der neue Verteidiger war bisher für 20 Minuten Online nicht zu sprechen. Man darf also gespannt sein auf die Wiederaufnahme des Prozesses am Mittwoch.

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