Machtwechsel im Iran: Das war Mahmud Ahmadinedschad

Aktualisiert

Machtwechsel im IranDas war Mahmud Ahmadinedschad

Am Samstag endet die Ära Ahmadinedschad. Ein Blick auf die Höhe- und Tiefpunkte einer achtjährigen Präsidentschaft, die das Bild des Irans in der Welt geprägt hat, wie kaum eine davor.

von
K. Ramezani

1. Das Zitat

Wenn es einen Moment gibt, der Ahmadinedschads Präsidentschaft prägte, dann sein Auftritt an der Anti-Israel-Veranstaltung «Die Welt ohne Zionismus» im Oktober 2005 in Teheran. Dort zitierte er den Gründer der Islamischen Republik Iran, Ajatollah Chomeini, wonach «das Besatzungsregime in Jerusalem aus den Geschichtsbüchern getilgt werden müsse». Eine iranische Nachrichtenagentur machte daraus: «Israel muss von der Landkarte ausradiert werden». Ahmadinedschad flogen die Herzen der Araber zu, Israel jene des Westens – also liessen es beide bei der Falschübersetzung bewenden.

2. Die Homestory

Man mag Ahmadinedschad vieles vorwerfen – medienscheu war er nicht. Auch ausländischen Journalisten gewährte er in seinen zwei Amtszeiten viele Interviews. Allerdings brachte er sie mit seinen ausweichenden, langatmigen Antworten regelmässig an den Rand der Verzweiflung. Der amerikanische Fernsehsender NBC versuchte 2011 einen neuen Ansatz: Keine kritischen Fragen mehr, dafür durfte Reporterin Ann Curry den iranischen Präsidenten während eines Arbeitstages begleiten: Beim Joggen, im Kraftraum, im Präsidentenjet. Das Resultat war eine Art Homestory mit PR-Charakter.

3. Die Homosexuellen

2007 hielt Ahmadinedschad am Rand der UNO-Vollversammlung in New York eine umstrittene Rede an der renommierten Columbia-Universität. Deren Präsident Lee Bollinger stellte ihn dem Publikum als «engstirnigen und grausamen Diktator» vor. Als der iranische Präsident schliesslich das Wort ergriff, kritisierte er die unfreundliche Einführung, die einer Eliteschule unwürdig sei – und erntete dafür Applaus. Diesen Goodwill verspielte er umgehend, als er behauptete, im Iran gebe es keine Homosexuellen: «Wir haben im Iran dieses Phänomen nicht. Ich weiss nicht, wer Ihnen das gesagt hat.» Das Publikum quittierte diese Aussage mit lautstarkem Gelächter.

4. Das Kopftuch

Der iranische Präsident war eine derart kontroverse Figur, dass er sogar Menschen im Ausland gegen einander aufbrachte. Als die damalige Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey 2008 persönlich nach Teheran reiste, um einen Gasvertrag zwischen der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg und der iranischen Regierung zu unterschreiben, trug sie beim Fototermin mit Ahmedinedschad ein Kopftuch. Frauenrechtlerinnen und rechtskonservative Kreise in der Schweiz liefen Sturm. Auch ihr Bundesratskollege Hans-Rudolf Merz tappte 2009 in die Fotofalle, als er sich am Rand der UNO-Weltkonferenz gegen Rassismus in Genf mit dem iranischen Präsidenten traf.

5. Die UNO

Ahmadinedschads grösste internationale Bühne war die UNO-Vollversammlung, für die er jedes Jahr nach New York reiste. Das Ganze hatte etwas Rituelles: Er nutzte einen Grossteil seiner Sprechzeit, um gegen Israel und die USA zu wettern, worauf deren Vertreter demonstrativ den Saal verliessen. Es gab aber auch Aussergewöhnliches: 2006 hätte der Secret Service fast auf ihn gefeuert. 2007 wollte er Ground Zero besuchen, was ihm US-Präsident George W. Bush nicht erlaubte. 2010 kam er auf das Thema zurück, als er behauptete, die USA selbst steckten hinter 9/11. Bei seinem letzten Auftritt 2012 gab er sich ungewohnt zahm.

6. Die Wiederwahl

Wenn seine erste Amtszeit im Zeichen des Israel-Zitats (siehe Punkt 1) stand, dann war seine zweite von der blutigen Niederschlagung der Unruhen nach seiner umstrittenen Wiederwahl 2009 geprägt. Millionen von Iranern gingen im ganzen Land auf die Strasse und warfen dem Regime Wahlbetrug vor. Zum Symbol gegen die Gewalt wurde die erschossene Iranerin Neda. Das Video, in dem sie blutüberströmt das Bewusstsein verliert und verstirbt, ging um die Welt. Die Anführer der oppositionellen grünen Bewegung, Mir Hossein Mussawi und Mehdi Karrubi, stehen noch heute unter Hausarrest.

7. Der Rauswurf

Nach seiner umstrittenen Wiederwahl gelang Ahmedinedschad nur noch wenig. In Europa hatte er den letzten Kredit verspielt, die Sanktionen wurden weiter verschärft, mit der Wirtschaft ging es noch steiler bergab. Wenig überraschend wuchsen auch im Inland die Probleme. Mit dem obersten Führer Ali Chamenei verkrachte er sich ebenso wie mit dem Parlament, der Justiz und weiten Teilen der schiitischen Geistlichkeit. Besonders offen traten die Spannungen zwischen ihm und Parlamentspräsident Ali Laridschani zutage. Sie gipfelten im Februar 2013 im Rauswurf Ahmadinedschads aus dem Parlament.

8. Der Schwager

Noch kritischer als Ahmadinedschad selbst wurde sein enger Vertrauter und Schwager Esfandiar Rahim Mashaei von der Geistlichkeit beäugt. Dessen unorthodoxe Ansichten – er bezeichnete Israelis als «Freunde Irans» und die USA als «eine der besten Nationen der Welt» – führten dazu, dass die Entourage des Präsidenten bald den Übernamen «abweichende Strömung» erhielt. Als der oberste Führer Ahmadinedschad befahl, Mashaei aus seinem Kabinett zu entlassen, weigerte sich dieser zunächst. Dann machte er ihn zu seinem Stabschef. Mashaei galt als Wunschkandidat Ahmadinedschads bei der Präsidentschaftswahl 2013. Doch der Wächterrat blockierte seine Kandidatur.

9. Die Umarmung

Gegen Ende seiner zweiten Amtszeit konnte Ahmadinedschad tun was er will, seine Kritiker an der Heimatfront nahmen daran Anstoss. Das wurde überdeutlich, als er zur Beerdigung von Hugo Chávez reiste. Der venezolanische Präsident, einer seiner letzten Verbündeten auf dem internationalen Parkett, war im März an einem Krebsleiden verstorben. Bei den Trauerfeierlichkeiten in Caracas tröstete er die Mutter des Verstorbenen und nahm sie in den Arm. Diese Geste ging der iranischen Geistlichkeit zu weit. Das islamische Recht verbietet den physischen Kontakt mit Vertretern des jeweils anderen Geschlechts.

10. Der Schuhwurf

Ahmedinedschads grosser Traum, den Iran an die Spitze der Befreiungsbewegungen in der arabischen Welt zu setzen, war schon immer unglaubwürdig gewesen: Den eigenen Volksaufstand 2009 (siehe Punkt 6) liess er brutal niederschlagen und im syrischen Bürgerkrieg schlug er sich auf die Seite von Baschar Assad. Die endgültige Bestätigung für sein Scheitern erhielt er bei seinem historischen Besuch in Kairo im Februar 2013. Vor der Hussein-Moschee wurde er Opfer einer Schuh-Attacke. Ein Jugendliche mit syrischem Akzent beschuldigte den hohen Gast, «seine Brüder zu töten».

Deine Meinung