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SRF-Korrespondentin im Katastrophengebiet«Das war wie ein Tsunami»

SRF-Deutschland-Korrespondentin Bettina Ramseier berichtet nach der verheerenden Flut aus der Region Ahrweiler. Im Interview sagt sie, es sehe aus wie in einem Erdbebengebiet. Sie ist beeindruckt, wie die Leute nach vorne schauen.

von
Jeremias Büchel
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Bettina Ramseier berichtet für SRF aus Deutschland. 

Bettina Ramseier berichtet für SRF aus Deutschland.

Screenshot SRF
In der Region Ahrweiler traf sie auf diese Bilder. «Wie in einem Erdbebengebiet.»

In der Region Ahrweiler traf sie auf diese Bilder. «Wie in einem Erdbebengebiet.»

twitter.com/RamseierBettina
Der Fluss ist normalerweise rund 60 Zentimeter hoch. 

Der Fluss ist normalerweise rund 60 Zentimeter hoch.

twitter.com/RamseierBettina

Darum gehts

  • Im Grossraum Ahrweiler hinterliessen Wassermassen ein Bild der Zerstörung und forderten dutzende Todesopfer.

  • SRF-Deutschland-Korrespondentin Bettina Ramseier berichtet aus dem Gebiet.

  • Sie ist tief beeindruckt von der Naturgewalt sowie der Solidarität mit den Betroffenen.

Bettina Ramseier, du berichtest aus dem Katastrophengebiet in Deutschland. Bei all den schrecklichen Bildern: Was hat sich bei dir eingebrannt?

Es sieht aus wie in einem Erdbebengebiet. Aus einem Bach wurde ein reissender Fluss, der Autos und Häuser mitriss. Katastrophal, wie ein Tsunami. Gleichzeitig sind die Leute trotz des Elends anpackend, helfen einander und schauen dennoch nach vorn. Das ist beeindruckend.

Haben die Leute in der Region Ahrweiler überhaupt je damit gerechnet, dass der Fluss sie bedrohen könnte?

Es gab zwar eine Hochwasserwarnung und die Anweisung, die Autos in höhere Lagen zu bringen, aber mit diesem Ausmass hatte man nicht gerechnet. Die Wassermassen kamen dann auch urplötzlich. Wie ein grosse Welle. Das ist nicht wie in der Schweiz, wo man zuschauen kann, wie der See oder Flusspegel allmählich steigt.


«Die Leute im Tal hatten einfach unglaubliches Pech. Auf so eine urplötzliche Flutwelle kann man sich kaum vorbereiten.»

Nach dem Unwetter sind über hundert Tote zu beklagen und das in einem hochentwickelten Land wie Deutschland. Das würde man so nicht erwarten.

Das war eben nicht bloss ein Hochwasser, es war ein Jahrhundertereignis. Es war eine Sintflut, die über das Tal hereinbrach. Wo sich normalerweise ein kleiner Fluss mit rund 60 Zentimetern Tiefe durch das Tal schlängelt, sieht es nun aus, als ob sich der Amazonas breitgemacht hätte. Das Wasser kam flutartig und hat alles mitgerissen. Wenn man sich ein Bild vor Ort macht, ist es nicht erstaunlich, dass leider Menschen ihr Leben verloren haben. Das war wie ein Tsunami. Man spricht von Wasserständen von sechs bis sieben Meter.

Die Bilder aus Deutschland zeigen die Wucht der Flut.

War man schlecht vorbereitet?

Die Leute im Tal hatten einfach unglaubliches Pech. Auf so eine urplötzliche Flutwelle kann man sich kaum vorbereiten.

Du hast mit vielen Betroffenen in der Region Ahrweiler gesprochen, was hat dich am meisten beeindruckt

Trotz des grossen Elends und Schreckens machen die Leute hier das Beste draus und helfen einander. Sie meistern so die unfassbare Situation gemeinsam. Davor habe ich grossen Respekt.

Wie zeigt sich die Solidarität unter der Bevölkerung?

Am Nürburgring wurde spontan ein Hilfszentrum eingerichtet. Dieses wurde überrannt mit Kleider- und Nahrungsmittelspenden, dass nun mitgeteilt wurde, man solle vorläufig keine Hilfsgüter mehr bringen. Erst müsse sortiert und verteilt werden. Die Zivilbevölkerung hilft sich gegenseitig – Freunde und Verwandte reisen in die betroffenen Gebiete, um zu helfen. Dorfläden öffnen ihre Türen und verteilen alles, was sie haben. Vor allem Wasser ist gefragt. Es gibt kein fliessendes Wasser mehr.

«Auch Private nehmen Leute auf, deren Zuhause nicht mehr bewohnbar ist.»

TV-Journalistin Bettina Ramseier

Wie handhabt man das? Man kann ja nicht einfach auf die Toilette.

Das habe ich die Leute auch gefragt. Man gehe halt einfach in die Büsche, beschied man mir. Ja klar, was bleibt einem sonst übrig. Einige Leute kommen nun in Hotels in der Region unter, welche die Betroffenen eingeladen haben, sich dort einzuquartieren. Auch Private nehmen Leute auf, deren Zuhause nicht mehr bewohnbar ist.

In Deutschland läuft der Wahlkampf an. Die Parteien bringen sich in Stellung und äussern sich zur Hochwasser-Katastrophe. Wie kommt das bei den Leuten an?

Ich glaube, es ist für sie wichtig, dass hohe Politikerinnen und Politiker Betroffenheit zeigen und Unterstützung anbieten. Auch tröstliche Worte des Bundespräsidenten kommen gut an. Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) ist, als derzeitiger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, in der Verantwortung und muss sich zeigen. Wenn er aber nun betont, beim Klimaschutz müsse mehr Tempo gemacht werden, dann wirkt das für viele zynisch, weil er sich diesbezüglich bislang nicht als Kämpfer an vorderster Front gezeigt hatte.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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