Muslime über Attentat: «Das waren Leute im Auftrag der USA!»
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Muslime über Attentat«Das waren Leute im Auftrag der USA!»

Was denken eigentlich junge Muslime über das Attentat in Paris? Einige glauben an eine Verschwörung des Westens gegen Muslime.

von
D. Pomper
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Verschwörungstheorien zum Attentat in Paris haben Hochkonjunktur. Dieser Facebook-Post wurde über 9500 Mal gelikt. User sind sich sicher: «Da ist etwas faul.»

Verschwörungstheorien zum Attentat in Paris haben Hochkonjunktur. Dieser Facebook-Post wurde über 9500 Mal gelikt. User sind sich sicher: «Da ist etwas faul.»

Die Morde dienten nur dazu, Muslime zu neuen Sündenböcken und dem neuen Feind der Welt zu machen: «Jetzt haben die Kannibalen Futter um noch mehr Moscheen und Moslems zu vernichten», schreibt ein User.

Die Morde dienten nur dazu, Muslime zu neuen Sündenböcken und dem neuen Feind der Welt zu machen: «Jetzt haben die Kannibalen Futter um noch mehr Moscheen und Moslems zu vernichten», schreibt ein User.

Keystone/AP/Thibault Camus
Saida Keller-Messhali vom Forum für einen fortschrittlichen Islam glaubt, dass viele Muslime Verschwörungstheorien verfallen, weil sie nicht selbstkritisch sind: «Es ist einfacher den Bösewicht ausserhalb der eigenen Kreise zu suchen, als hinzustehen und sich einzugestehen, dass wir Muslime ein Problem haben und dieses lösen müssen.» Im Islam bestehe keine Kultur der Kritik.

Saida Keller-Messhali vom Forum für einen fortschrittlichen Islam glaubt, dass viele Muslime Verschwörungstheorien verfallen, weil sie nicht selbstkritisch sind: «Es ist einfacher den Bösewicht ausserhalb der eigenen Kreise zu suchen, als hinzustehen und sich einzugestehen, dass wir Muslime ein Problem haben und dieses lösen müssen.» Im Islam bestehe keine Kultur der Kritik.

Keystone/Alessandro Della Bella

Gleich nach den Attentaten in Paris verurteilten muslimische Organisationen und geistliche Führer die Tat. Die islamischen Nationalverbände der Schweiz zeigten sich zutiefst betroffen davon, dass ein Massenmord im Namen des Islams begangen wurde. Der Islam verurteile jeglichen Mord. Doch wie denken eigentlich junge Muslime über das Attentat? Zurzeit erfreut sich ein Kommentar auf Facebook in Deutschland und der Schweiz grosser Beliebtheit.

«Bereits kurz nach der Tat war man sich sicher, die Täter seien Moslems und es sei ein religiöser Racheakt wegen der Karikaturen?!?!?! Ach, wozu ermitteln oder abwarten. Ist doch schon alles klar (Sarkasmus). Und selbstverständlich hat einer der Täter mal wieder seinen Personalausweis im Fluchtwagen verloren, was für ein Zufall. Hmmm, kommt mir bekannt vor. Achjaaa 9/11. Da wurde ja auch zufälligerweise ein Ausweis der Täter gefunden. Ganz unversehrt. Und man war sich direkt sicher: DER BÖSE MOSLEM.»

«Moslems sollen Sündenböcke sein»

Der Post von User Rabie wurde fast 10'000-mal gelikt und hunderte Male geteilt. Viele Facebook-User sehen sich darin bestätigt, dass es sich bei den Attentaten um eine Verschwörung handelt. «Kein Blut am Tatort, die Bilder vom Auto der Täter sind unterschiedlich … DA IST ETWAS FAUL!», schreibt Akin. «Nie im Leben waren das muslimische Terroristen. Das waren Leute im Auftrag der USA, hundert Prozent!», so Sarah. «Die Moslems sollen nur Sündenböcke sein und als neuer Feind der Welt gelten. Aber wem gehören denn die grossen Banken und Konzerne? Welchen Glauben haben Rothschild, Lehmann, Rockefeller, Zuckerberg und Goldman?», schreibt Tony. «Jetzt haben die Kannibalen Futter, um noch mehr Moscheen und Moslems zu vernichten», legt Tülay Y. nach. «Das waren ein paar Ungläubige, die bezahlt wurden, oder Aleviten oder Shiiten, die Allahu akbar gerufen haben. Das kann jeder», findet Danijel.

Zahlreiche junge Muslime fühlen sich ungerecht behandelt: «In Paris sterben zwölf Leute und die ganze Welt macht terratz! In Palästina gibt es täglich 500 bis 1000 Tote und NIEMANDEN JUCKTS!», schreibt Enes. « Als Anders Breivik 73 Jugendliche erschossen hat, wurde der Religion auch nicht die Schuld dafür gegeben. Aber wenn Moslems Fehler machten, wird die ganze islamische Welt angeklagt und gegen sie gehetzt», findet Ahmed. Djellza pflichet bei: «Wir Moslems sind ja alle Terroristen in den Augen eines Christen.» «In jeder Religion gibt es schlechte Menschen. Christliche Pfarrer vergewaltigen Kinder. Aber wird darüber berichtet? Nein!», empört sich Mehmet.

Ein vielzitierter Spruch lautet: «Wenn Schwarze beleidigt werden, nennt man es Rassismus. Wenn Juden beleidigt werden, nennt man es Antisemitismus. Wenn Muslime beleidigt werden, nennt man es Meinungsfreiheit.»

Andere sind selbstkritisch: «Wir Moslems sind selber schuld. Anstatt dass alle muslimische Länder aufstehen und sich wehren, sitzen alle rum», schreibt Ikram. «Es geht hier um einen nicht akzeptablen Zustand und da helfen Verschwörungstheorien nichts», schreibt Baros. «Wir sollten alle zusammenhalten gegen diese Gewalt.»

«Keine Kultur der Kritik»

Saida Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam glaubt, dass viele Muslime Verschwörungstheorien verfallen, weil sie nicht selbstkritisch sind: «Es ist einfacher den Bösewicht ausserhalb der eigenen Kreise zu suchen, als hinzustehen und sich einzugestehen, dass wir Muslime ein Problem haben und dieses lösen müssen.» Im Islam bestehe keine gelebte, offene, tabulose Kultur der Kritik. «Wer mit einem kritischen Geist aus der Masse sticht, muss damit rechnen, verurteilt und bedroht zu werden.»

Blerim Shabani von der albanisch-schweizerischen Newsplattform Albinfo stellt fest, dass solche Verschwörungstheorien weit verbreitet sind: «Man hört das überall.» Shabani vermutet, dass es sich dabei um eine psychologische Gegenreaktion handelt: «Wenn man sich angegriffen fühlt, führt das zu einer Gegenreaktion.» Das sei bedauerlich. Die Moscheen seien in der Pflicht, mit Muslimen darüber zu sprechen.

Ahmed Sadaqat, Imam der Mahmud Moschee Zürich, appelliert an die Selbstkritik: «Wenn im Namen des Islam solche Attentate gemacht werden, sollte man die Schuld nicht bei anderen suchen.» Viele Junge seien halt emotional und Emotionen verführten Menschen zu solchen Verschwörungstheorien.

«Verschwörungstheorien gibt es auch umgekehrt»

Der Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS), Afshar Farhad, dagegen gibt zu bedenken: «Diese Weltverschwörungstheorien gibt es auch umgekehrt. Es gibt Gruppen in der Schweiz, die meinen, der Islam wolle die Schweiz missionieren.» Zwar seien junge Muslime, die keine berufliche Perspektiven hätten, besonders anfällig für einfache Erklärungen. Aber: «Diese finden in der Schweiz relativ wenig Resonanz, weil für die jungen Menschen hier dank der Berufslehre eine berufliche Perspektive besteht», sagt Farhad.

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