«Time-Out»: Das Warten auf den «Big Bang»

Aktualisiert

«Time-Out»Das Warten auf den «Big Bang»

Siege und ehrenvolle Niederlagen häufen sich zu Beginn der Olympia- und WM-Turniere. Nach dem 3:4 n.V. gegen Kanada sind wir einer WM-Medaille nähergekommen.

von
Klaus Zaugg
Kosice
Wann jubelt die Schweiz wieder einmal über eine WM-Medaille? (Bild: Keystone/AP)

Wann jubelt die Schweiz wieder einmal über eine WM-Medaille? (Bild: Keystone/AP)

Als die Schweizer 2000 in St. Petersburg Russland 3:2 besiegten, haben wir Listen der grössten Sensationen in der Geschichte unseres Mannschaftssportes erstellt. Inzwischen kommen Siege oder Remis nach 60 Minuten unserer Hockey-Nationalmannschaft an WM- oder Olympia-Turnieren gar nicht mehr auf solche Listen. Weil sie im 21. Jahrhundert Alltag geworden sind.

Die Kanadier haben inzwischen die drei letzten Partien an grossen Turnieren gegen die Schweiz nicht mehr nach 60 Minuten gewonnen: Eine Niederlage (1:4) bei der letzten WM, ein Sieg nach Penaltys beim Olympischen Turnier 2010 und ein Sieg nach Verlängerung hier in Kosice. Einst unbesiegbare Titanen wie die USA oder Tschechien oder Deutschland verlieren gegen uns an der WM inzwischen zwar nicht immer, aber immer häufiger.

Der Schritt von ruhmreichen Siegen in den Gruppenspielen und der Zwischenrunde zu einer WM-Medaille ist indes unendlich lang. Seit die Schweiz 1953 WM-Bronze geholt hat, teilen sich die Titanen (Russland, Schweden, USA, Kanada, CSSR bzw. Tschechien und Slowakei) die WM-Medaillen. Nur einem einzigen Land ist es seit 1954 gelungen, neu und regelmässig in die WM-Medaillenränge aufzusteigen: Finnland. Aber nach ersten WM-Siegen Ende der 1960er-Jahre dauerte es gut und gerne 20 Jahre bis zur ersten Medaille (1988 Olympia-Silber, 1993 WM-Silber).

Das Warten auf den «Big Bang»

Die Schweiz gewinnt erst seit 1998 wieder regelmässig WM- und Olympia-Spiele gegen die Grossen. Es ist also nur logisch, dass wir nach wie vor auf den «Big Bang», auf eine WM-Medaille warten. Wir haben erst einmal einen Viertelfinal gewonnen (1992 3:1 gegen Deutschland). 1998 gelang der Vorstoss unter die besten vier bei einem Modus ohne Viertelfinals.

Siege gegen die Titanen schaffen heute in der Vor- und Zwischenrunde einer WM immer mehr vermeintlich Kleine. Wie zuletzt an dieser WM Norwegen gegen Schweden oder Deutschland gegen Russland. Siege ab dem Viertelfinale sind hingegen nach wie vor nur den Grossen vorbehalten.

Die Schweiz steckt nicht mehr zurück

Aber gerade das 3:4 n.V. gegen Kanada spricht dafür, dass die Schweizer den «Big Bang», den Vorstoss ins Halbfinale und den Gewinn einer Medaille, als nächste Nation schaffen werden.

Erstens brauchte es nicht mehr eine «Jahrhundertleistung» des Torhüters (wie 2006 jene von Martin Gerber beim 2:0 in Turin), um die Kanadier in Schwierigkeiten zu bringen. Eine gutes Spiel von Leonardo Genoni bei seinem ersten WM-Einsatz genügte. Der Siegestreffer der Kanadier war, gemessen am allerhöchsten Standard der Schweizer Torhüterkunst, sogar haltbar.

Zweitens hatten die Schweizer keine Angst, als die Kanadier «den Knüppel auspackten». Selbst der fürchterliche Check von Dion Phaneuf gegen Simon Moser schüchterte die Schweizer nicht mehr ein.

Drittens ist es inzwischen möglich, mit den Titanen mitzuspielen. Unter Ralph Krueger brauchte es den Schweizer Riegel. Ein taktisches «Réduit». Die totale Konzentration auf die Defensive, die sich auch bei der Zusammenstellung der Mannschaft zeigte, die unter Krueger immer zu mindestens einem Drittel aus Defensivsoldaten bestand. Nun haben wir endlich mehr Kavallerie als «Réduit» in unserem WM-Team: Wir können vorwärts jeden Gegner ins Wanken bringen und mit vier Linien Druck machen. Die Partie Schweiz gegen Kanada brachte phasenweise spektakuläres «Run and gun»-Hockey.

Viertens sind die Schweizer nun so stark, dass sie selbst nach einem missglückten Drittel und miserabler Chancenauswertung (Matthias Bieber scheiterte mit einem Penalty und einem Solo bei numerischer Unterlegenheit) gegen einen Titanen im Spiel bleiben. Noch in den Zeiten von Ralph Krueger hatten wir nur mit einem praktisch fehlerlosen Spiel eine Chance. Nun haben wir auch eine Chance, wenn der Puck nicht unseren Weg gehen will.

Auf dem richtigen Weg

Die drei Gruppenspiele haben die Einschätzung vor dem Turnier – dass die Schweizer die spielerisch beste Mannschaft der Neuzeit haben - bestätigt. Für den «Big Bang», für die Medaille, braucht es diese offensive Öffnung. Nur mit Defensivhockey reicht es nicht fürs Halbfinale. Die WM 2010 brachte unter Sean Simpson den ersten Schritt zur offensiven Perestroika, die Gruppenspiele hier in Kosice nun den zweiten Schritt.

Vor einem Jahr hatte der Kanadier bei der WM das seltene Glück, ohne Verletzungspech durchs Turnier zu kommen und scheiterte im Viertelfinale ganz knapp an Deutschland (0:1). 2011 in Kosice hat unser Nationalcoach dieses Glück nicht mehr. Mathias Seger kann mit ziemlicher Sicherheit nach dem Ausfall gegen Kanada wieder spielen – aber er ist nicht hundertprozentig fit. Und mit Goran Bezina hat Simpson in der Schlussphase des Spiels gegen Kanada seinen komplettesten und wichtigsten Verteidiger verloren.

Es ist nach wie vor nicht hundertprozentig sicher, ob wir die Viertelfinals erreichen. Doch selbst dann, wenn dieses Minimalziel nicht erreicht werden sollte, und wenn wir weiterhin auf den «Big Bang» warten müssen – eines steht fest: Unsere Nationalmannschaft hat sich spielerisch in die richtige Richtung entwickelt. Wir sind bei der WM 2011 der ersten WM-Medaille seit 1953 wieder ein Stück näher gekommen.

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