Aktualisiert 25.01.2012 10:38

Treffen der Mächtigen

«Das WEF wird überschätzt»

Altbundesrat Adolf Ogi war mehrmals am WEF. Er hat die Mächtigen getroffen: offiziell, in Bars und auf der Skipiste.

von
Sandro Spaeth
Altbundesrat Adolf Ogi (SVP) ist lieber in seiner Heimat Kandersteg als am WEF in Davos.

Altbundesrat Adolf Ogi (SVP) ist lieber in seiner Heimat Kandersteg als am WEF in Davos.

Im Jahr 2000 haben Sie als Bundespräsident die Eröffnungsrede am WEF gehalten. Erinnern Sie sich an Ihre Worte?

Ja, ich erinnere mich genau. Es war eine unübliche Rede. Ich habe von meinem Vater gesprochen. Und davon, was man erreichen kann, wenn ein Wille da ist. Ich erzählte, wie mein Vater in Kandersteg eine Lawinenverbauung erstellt hat, um das Lötschbergportal zu schützen. Damit wollte ich ausdrücken, dass er etwas bewegt hatte. Diesen Willen spürt man am WEF zu wenig. Es wird viel vorgeschlagen, die Umsetzung ist dann schwierig.

Ihrer Rede entstammt auch das Zitat 'es geht nicht darum, wer zuerst auf dem Gipfel ist, sondern dass alle dort oben ankommen'.

Ich habe das gesagt, weil das WEF ein Forum der Elite ist. Globalisierungskritiker haben keinen echten Zugang. Wenn man Bergführer ist, muss man mit allen auf dem Gipfel ankommen und mit allen wieder absteigen. Dass man Lösungen für alle erarbeiten muss, wird am WEF vergessen. Etwas Linderung hat das Open Forum Davos gebracht, das Andersdenkenden eine Plattform gibt.

Wenn Sie die Wirtschaft heute betrachten: Ist Ihre Botschaft angekommen? Sind tatsächlich alle oben angekommen?

Am WEF sagen viel zu viele Manager und Politiker 'man sollte'. Es wird viel vorgeschlagen und diskutiert, aber wenig umgesetzt. Man muss aber bedenken: Das WEF steht in Konkurrenz mit Uno-Konferenzen, G20-Gipfeln oder anderen Wirtschaftsforen. Trotzdem will ich festhalten: Keines dieser Treffen konnte die Finanz- und Wirtschaftskrise verhindern. Das zeigt die Grenzen des WEF auf. Der Anlass wird überschätzt. Für die Schweiz ist das Weltwirtschaftsforum aber sehr wichtig!

Was sollte am WEF anders werden?

Am WEF sind sehr viele eitle Leute, die grosse Auftritte mögen. Sie sollten sich aber überlegen, wie man das WEF konkreter gestalten könnte. Ich hätte als Motto 2012 den Arabischen Frühling thematisiert – besprechen, wie man in Nordafrika echte Demokratien aufbauen und einführen kann. Doch die WEF-Mottos sind zu intellektuell. (Anm. 2012 «Der Grosse Wandel. Die Gestaltung neuer Modelle»)

Welche Ihrer WEF-Begegnungen ist Ihnen noch am besten in Erinnerung?

Ich eröffnete das WEF zweimal, 1993 und 2000. Mein erster Besuch war nur kurz nach dem EWR-Nein. Ich musste allen europäischen Staatschefs die direkte Demokratie erklären, dass in der Schweiz das Volk das letzte Wort hat. 2000 war US-Präsident Bill Clinton am WEF. Er hatte Verständnis und Gehör für unsere Position ausserhalb der EU.

War die Begegnung mit Clinton auf Augenhöhe?

Natürlich war das auf Augenhöhe. Es waren zudem noch drei weitere Bundesräte dabei. Wir versuchten Clinton die Schweiz zu erklären. Clinton hatte Sympathie für die neutrale Position und die guten Dienste der Schweiz. Wir sprachen über Friedenspolitik, Sicherheitspolitik und die Beschaffung von Kampfjets, auch wenn damals kein Kauf anstand. Später war ich dann zu einem sechsstündigen Besuch im Weissen Haus. Clinton wusste, wer ich bin.

Spielt die Grösse des Landes, welches man vertritt, eine Rolle?

Ich habe mich nie untergeordnet, ob im Gespräch mit einer Supermacht oder mit einem kleinen Land. Wir müssen Respekt für unsere Demokratie und unser Land erreichen. Es gilt zu verhindern, dass man die Schweiz vergisst. Das ist simpel, aber entscheidend. Es besteht die Gefahr, dass die umliegenden Länder wegen ihrer eigenen Probleme die Schweiz vergessen. Sarkozy und Obama waren hierzulande noch nie offiziell auf Besuch. Angela Merkel erst einmal ganz kurz.

Hat einer Ihrer WEF-Besuche politisch Wichtiges bewegt?

Wir wären in meiner Zeit als Bundesrat nie auf eine graue Liste der Steuerparadiese gekommen. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, Frankreichs Präsident François Mitterand oder der Brite Tony Blair mochten uns – auch wegen der guten Kontakte aus Davos. Sie hätten mit der Schweiz vorher das Gespräch gesucht.

Was haben Sie am WEF sonst noch erreicht?

Ich erklärte den Regierungschefs der Nachbarländer unsere Verlagerungspolitik mit der Neat. Der Güterverkehr über die Alpen muss auf die Schiene. Zwar war ich vorher mehrmals in Deutschland, Italien und Österreich, doch in Davos konnte ich es den Chefs persönlich sagen. In Kulissengesprächen und im Smalltalk.

Finden die ganz wichtigen Gespräche in Bars statt?

Ich bin kein grosser Bargänger. Aber es gibt in der Tat zwei Phasen, jene des offiziellen Gesprächs und jene danach. Läuft der erste Teil gut ab, führt das zu einem persönlichen Kontakt. Dieser wiederum kann dazu führen, dass man sich noch zu einem Bier trifft. Der Kontakt muss aber auch dazu führen, dass man sich in Zukunft jederzeit anrufen kann.

Wen haben Sie angerufen?

Wegen meiner Kontakte am WEF im Jahr 2000 war ich sozusagen der Briefträger zwischen den Franzosen, den Deutschen und den Österreichern. Jörg Haider war damals in Österreichs Regierung, was Deutschland und Frankreich verunsicherte. Die Kommunikation lief über mich, ich hatte den deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau und Frankreichs Präsidenten Jaques Chirac oft am Telefon.

WEF-Kritiker fordern mehr Transparenz. Würde das nicht dazu führen, dass wirklich wichtige Dinge nicht mehr diskutiert werden könnten?

Wir müssen realistisch sein. In Davos werden keine Entscheide von weltpolitischem Ausmass gefällt. Es ist vor allem ein Diskussionsforum. Mehr Transparenz wäre dem WEF nicht abträglich. Als Politiker muss man sich aber immer fragen, was es transparent zu gestalten gilt und wann man ein Vorhaben mit ungeschickter Kommunikation zerstören könnte.

Blieb ihnen Zeit, um während des WEF die Skier anzuschnallen?

Während meiner Teilnahmen als Bundespräsident hatte ich nie Zeit, um Ski zu fahren. 2006 war ich hingegen gemeinsam mit dem damaligen Uno-Generalsekretär Kofi Annan als UNO-Botschafter am WEF. Da gab es Gelegenheit. Ich wagte mich damals mit dem polnischen Präsidenten Aleksander Kwaniewski und dem Lufthansa-Chef auf die Piste. Man wusste, der Ogi kann Ski fahren und kennt die Pisten. Kofi war aber nicht dabei. Er kann nicht Ski fahren.

Bedauern Sie es, diese Woche nicht am WEF zu sein?

Nein, ich will in Davos nicht mehr dabei sein. Ich habe keine offizielle Funktion mehr. Und nur herumstehen, damit ein Bild von mir in der Zeitung ist, mag ich nicht. Da geht es mir besser in Kandersteg.

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