Risiko für Geburtskomplikationen - Das weibliche Becken ist ein «evolutionärer Kompromiss»
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Risiko für GeburtskomplikationenDas weibliche Becken ist ein «evolutionärer Kompromiss»

Die Geburt ist für Mutter und Kind ein heikler Moment. Denn die Enge des Geburtskanals und die Kopfgrösse des Babys harmonieren nicht wirklich. Doch die Natur hat sich dabei etwas gedacht.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Bevor man sein Neugeborenes erstmals in den Händen halten kann, gibt es bange Minuten. 

Bevor man sein Neugeborenes erstmals in den Händen halten kann, gibt es bange Minuten.

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Der Grund: Wenn enger Geburtskanals und grosser Babykopf aufeinandertreffen, sind Mutter und Kind potenziell in Gefahr. Denn das Schädel-Becken-Verhältnis erhöht das Risiko für Geburtskomplikationen.

Der Grund: Wenn enger Geburtskanals und grosser Babykopf aufeinandertreffen, sind Mutter und Kind potenziell in Gefahr. Denn das Schädel-Becken-Verhältnis erhöht das Risiko für Geburtskomplikationen.

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Ein US-österreichisches Forscher-Team hat nun die Antwort darauf gefunden, warum die Natur das nicht anders gelöst hat. 

Ein US-österreichisches Forscher-Team hat nun die Antwort darauf gefunden, warum die Natur das nicht anders gelöst hat.

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Darum gehts

  • Schmales Becken, grosser Kopf: Der Ausdruck «eine schwierige Geburt» kommt nicht von ungefähr.

  • Doch es gibt gute Gründe, warum die Natur kein anderes Schädel-Becken-Verhältnis geschaffen hat.

  • Davon berichten Forschende im Fachjournal «Pnas».

Verglichen mit vielen anderen Primaten ist die menschliche Geburt relativ schwierig, da der Kopf des Babys im Vergleich zum Geburtskanal sehr gross ist. Das Problem: Dieses Schädel-Becken-Verhältnis erhöht das Risiko für Geburtskomplikationen. Doch warum ist das eigentlich so?

Lange wurde vermutet, dass der aufrechte Gang des Menschen eine evolutionäre Vergrösserung des Beckens verhinderte. Eine alternative Erklärung, wonach ein kleinerer Beckenkanal die Funktionalität des Beckenbodens verbessert und so zum Beispiel besser vor Inkontinenz schützt als ein weiterer, liess sich bis dahin nicht belegen.

Ein Potpourri von Beckenböden

Doch genau das ist einem US-österreichischen Forscher-Team nun gelungen, wie sie im Fachjournal «Pnas» berichten: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Ekaterina Stansfield von der Universität Wien nutzten einen neuen biomechanischen Ansatz, um diese Hypothese zu testen.

Sie konstruierten sogenannte Finite-Elemente-Modelle des menschlichen Beckenbodens mit unterschiedlichen Grössen und Dicken und simulierten, wie sich diese unter Druck verformten. «Diese Analysen ermöglichten es uns, den Effekt der Geometrie des Beckenbodens zu untersuchen, unabhängig von anderen Faktoren wie Alter, Anzahl der Geburten und Gewebeschwäche», wird Stansfield in einer Mitteilung zitiert. Dieser Ansatz ermöglichte es dem Team auch, eine grössere Vielfalt an Beckenbodengrössen zu modellieren als sie heute bei modernen Menschen vorkommt.

Vor- und Nachteil

Die Auswertungen zeigten, dass sich ein grösserer Beckenboden tatsächlich disproportional stärker als ein kleiner deformiert. «Unsere Ergebnisse bestätigen, dass ein kleinerer Beckenboden – und daher ein kleinerer Geburtskanal – biomechanisch von Vorteil für die Unterstützung der Organe und des Fötus ist, trotz der gleichzeitigen Nachteile bei einer Geburt», so Stansfield.

Die Forschenden fanden auch heraus, dass ein dickerer Beckenboden weniger bieg- und dehnbar wäre, was die durch einen vergrösserten Geburtskanal erhöhte Beckenbodensenkung teilweise kompensieren könnte. Also warum ist die Evolution nicht diesen Weg gegangen und hat einen vergrösserten Geburtskanal mit einem dickeren Beckenboden ausgeglichen?

Auch darauf haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Antwort: Ein solcher «benötigt auch einen bedeutend höheren Druck im Fall einer Dehnung, was Voraussetzung für eine Geburt ist», so Stanfields Kollegin Nicole Grunstra. Der enorme Druck, den eine Frau bei der Geburt aufbauen muss, ist wahrscheinlich nicht ohne weiteres steigerbar. «Wenn die Mutter den Fötus trotz eines grösseren Geburtskanals nicht durch den Beckenboden pressen kann, würde dies ebenfalls die Geburt erschweren», folgert Grunstra. Demnach scheinen sowohl die Grösse des Geburtskanals als auch die Dicke des Beckenbodens «evolutionäre ‹Kompromisse›» zu sein, die durch die entgegengesetzten Selektionsdrücke entstanden sind.

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