Aktualisiert 15.12.2014 16:49

Krawallnacht in Zürich«Das Weihnachtsgeschäft ist hinüber»

Der Tag danach: Die Zürcher Langstrasse und Europaallee gleichen einem Scherbenhaufen. Viele Kleingewerbler verstehen die Welt nicht mehr und stehen unter Schock.

von
C. Holzer

Es knirscht unter den Schuhen, das Trottoir ist mit Scherben übersät. Etliche Scheiben entlang der Langstrasse und der Europaallee in Zürich sind zerstört, an den Hausfassaden leuchten frische Graffitis in Neon-Farben. Rund 200 Demonstranten zogen in der Nacht auf Samstag eine Schneise der Verwüstung durch Zürich. «Ich wollte nur Brötchen holen gehen und fühle mich plötzlich wie in einem Kriegsgebiet», meint eine ältere Passantin kopfschüttelnd.

Eine Ladenbesitzerin, die anonym bleiben möchte, hatte am Vorabend den gleichen Eindruck. «Ich arbeitete bis nach zehn Uhr, als ich plötzlich Schreie und laute, dumpfe Knalle hörte.» Sie habe gerade die Ladentüre aufmachen wollen, als sie realisierte, dass vermummte Personen mit einem Café-Tisch versuchten, das Schaufenster des benachbarten Juweliers zu zerstören. «Ich habe sofort die Ladentüre verriegelt, das Licht abgeschaltet und mich versteckt.»

Krawalle in Zürich

Auch Sandro B., Inhaber des kleinen Töffladens Holliger, musste mit ansehen, wie seine Schaufenster zu Bruch gingen. Die Krawallbrüder schmissen Steine durch die Scheiben: «Wir sind nicht reich und Leute, die hier etwas leasen, haben meist wenig Geld. Wieso attackieren sie ausgerechnet uns?»

Unschuldige Opfer

Viele Ladenbesitzer und Angestellte mussten nicht erleben, wie ihr Geschäft beschädigt oder zerstört wurde. Für sie begann der Arbeitstag jedoch damit, die Schäden der vergangenen Nacht zu beseitigen – so gut es eben ging. Susanne Prinz, Inhaberin des Beauty Centers 2000, kehrt gerade die Überreste des Schaufensters zusammen. «Ich habe langsam genug. Es wird Zeit, dass sich etwas ändert», sagt sie erschöpft. Die Demonstranten der letzten Nacht verschafften sich über ihr Schaufenster Zutritt zum Geschäft und warfen Mobiliar umher.

Versprayte Wände ist man hier gewohnt, Krawalle wie in der vergangenen Nacht jedoch nicht: «So schlimm wie heute war es schon lange nicht mehr», meint eine Apothekerin. Mit Haushaltspapier und Aceton entfernt sie gerade ein grosses «F.T.P.» («Fuck the Police») vom Schaufenster. Etwas weiter unten rubbelt ein Ladeninhaber ebenfalls am Fenster: «Ich möchte mich lieber nicht dazu äussern. Ich hatte Glück, bei mir ging keine Scheibe kaputt. Das soll sich nicht ändern.»

Europaallee: Bilder der Zerstörung

Die Schäden in der Innenstadt sind gewaltig. Die Polizei schätzt die Summe derzeit auf mehrere hunderttausend Franken. Diese dürfte jedoch noch nach oben korrigiert werden. Der grösste Teil davon wird wohl an der Europallee entstanden sein. Besonders schwer traf es etwa das neue Restaurant Neo. Praktisch alle der riesigen Scheiben wurden zerstört, das Gebiet um die Fenster ist eine Sperrzone. Die zersplitterten Scheiben könnten jeden Moment in sich zusammensacken.

Wenige Meter weiter vorne blickt Geschäftsführer Roberto Lesunja mit betrübtem Blick in sein Schaufenster. Nicht nur seine Augen sind leer – auch die Schmuckablage des Goldschmieds. «Das war keine Demonstration, das war bewusster Diebstahl», meint er. Ihm wurde Schmuck im Wert von mehreren hunderttausend Franken gestohlen. Nicht einmal das sichere Panzerglas konnte die Ware des Juweliers beschützen. Das Schlimmste seien jedoch nicht die gestohlenen Schmuckstücke, sondern das vollkommen zerstörte Schaufenster. Das Panzerglas könne erst in einem Monat ausgetauscht werden: «Das Weihnachtsgeschäft ist für uns hinüber. Dabei wäre das die mit Abstand wichtigste Zeit des Jahres», so Lesunja.

Auch beim Modegeschäft Comepony ist das Unverständnis gross. Drei Scheiben wurden zerstört, die Türe mit Farbe beworfen. «Wir feierten erst gestern unser einjähriges Bestehen, heute stehen wir auf einem Scherbenhaufen», sagt Geschäftsführerin Yvette Morkos. Die Demonstranten seien wie ein Schwarm über die Europaallee hergefallen und hätten alles zerstört. «Ich verstehe es einfach nicht», sagt die Berlinerin. Sie sei auch für Freiräume und alternative Lebensformen, aber: «Was hat Revolution mit kleine Läden zerstören zu tun?» Demonstrieren sei richtig und wichtig, aber bitte friedlich und gezielt an die richtige Adresse.

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