Traditions-Schwinget: Das Woodstock der Urchigen
Aktualisiert

Traditions-SchwingetDas Woodstock der Urchigen

Unspunnen ist viel mehr als ein Schwingfest. Es ist ein Mythos, geschaffen im Jahr 1805 von vier Stadtbernern, die den Patriotismus stärken wollten.

von
Klaus Zaugg

Gäbe es Unspunnen nicht, würde das Fest wahrscheinlich heute von der SVP erfunden. Die Verknüpfung mit der SVP ist vielleicht politisch nicht ganz korrekt und eine saloppe Formulierung. Aber sie hilft uns, das Wesen und Wirken des Unspunnen-Spektakels besser zu verstehen: Die Ursprünge dieses Festes sind nämlich nicht sportlicher oder schwingtechnischer, sondern politischer und kultureller Natur.

Die Französische Revolution hat am Ende des 18. Jahrhunderts die bestehende Ordnung in Europa gestürzt und die Menschen in der Schweiz verunsichert. Neue revolutionäre Ideen («Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit») drohen über alle Grenzen hinweg auch das überlieferte Schweizer Brauchtum zu verdrängen. Ein klein wenig gemahnt diese Ausgangslage ja an die heutige Zeit.

In dieser bewegten Epoche leidet die Schweiz zudem unter französischer Fremdherrschaft, und es steht nicht gut um die innerschweizerischen Verhältnisse. Tief sind die Gräben zwischen Stadt und Land.

Festfreude für das Schweizer Volk

Weitsichtige Männer aus der Stadt Bern «erfinden» 1805 Unspunnen: Der Offizier Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833), der Regierungsbeamte Friedrich Ludwig Thormann (1762-1839), der Kunstliebhaber Franz Sigmund Wagner (1759-1835) und der geschäftstüchtige, zeitweise im Schloss Interlaken wohnende Maler Franz Niklaus König (1765-1832). Nach langen Jahren des Diktates und der Demütigung durch die Franzosen soll dem Schweizer Volk endlich wieder einmal Gelegenheit zu echter Festfreude geboten werden, sollen schweizerische Kampfspiele und Lieder das Selbstvertrauen und das Nationalbewusstsein stärken.

Die vier «Unspunnen-Erfinder» ahnen kaum, dass dieses Folklore-Festival mit dem so urtümlich klingenden Namen einer verlassenen Burgruine bei Interlaken auch 200 Jahre später im 21. Jahrhundert die Massen faszinieren wird. Das erste, zweitägige Unspunnen-Fest von 1805 wird für das Schweizer Brauchtum sozusagen das, was die drei Tage von Woodstock 1969 für die Hippies sein werden: Mythos und Erweckungserlebnis.

Heimatgefühl und wiederbelebte Volksbräuche

Mit Unspunnen wird die alte Hirtenkultur vor dem Untergang bewahrt und in die neue Zeit hinübergerettet. Zahlreiche Publikationen verbreiten die wiederbelebten Schweizer Volksbräuche in Wort und Bild in ganz Europa. Die Bedeutung von Unspunnen für das Heimatgefühl der Schweizer und die Anerkennung der schweizerischen Eigenart und Kultur in ganz Europa kann im Rückblick gar nicht hoch genug bewertet werden. Und ganz nebenbei gelingt es auch, ein wenig den Tourismus zu befeuern und die einsetzenden Ströme des Fremdenverkehrs nach Interlaken umzuleiten.

Es geht also um Politik und nicht um Sport. Das Schwingen spielt bei den ersten Unspunnen-Festen noch keine zentrale Rolle. Es sind vielmehr «alpenländische Spiele». Neben Schwingern wetteifern auch Steinstösser, Schützen, Alphornbläser und Jodler um Naturalpreise. Der Eidgenössische Schwingerverband wird erst 1895 gegründet.

Vom grossen und kleinen Unspunnen-Fest

Die heutige Struktur bekommt der «Mythos Unspunnen» allerdings erst in der zweiten Hälfte 20. Jahrhunderts. Und dabei gilt es zwischen dem grossen und dem kleinen Unspunnen-Fest zu unterscheiden.

Das grosse, ursprüngliche Alphirtenfest in der Form von 1805 (mit Schwingen, Umzug, Volkstänzen und Festspiel) ist zuletzt 1946, 1955, 1968, 1981, 1993 und 2006 durchgeführt worden. Im Unterschied dazu gibt es zusätzlich den Unspunnen-Schwinget, der in den Jahren 1949, 1962, 1976, 1987 und 1999 über die Bühne gegangen ist und nun am Sonntag wieder auf dem Programm steht. Dieser Unspunnen-Schwinget ist das kleine Unspunnenfest.

Revanche für das Eidgenössische

Seit 1987 ist das Unspunnen-Schwingfest abwechselnd mit dem Kilchberg-Schwinget alle sechs Jahre offiziell die Revanche für das Eidgenössische. Es findet also alternierend mit dem Kilchberg-Schwinget jeweils im Jahr nach dem Eidgenössischen statt. 2008 war Kilchberg die Revanche für Aarau 2007, nun ist Unspunnen jene für Frauenfeld 2011 und Kilchberg 2014 wird die Retourkutsche für das Eidgenössische von 2013 in Burgdorf sein.

Das bessere Woodstock

Erst seit 1987 ist Unspunnen ein Fest mit eidgenössischem Charakter: Wie beim Eidgenössischen nehmen die «Bösen» aus allen Teilverbänden teil. Zuvor war es vor allem ein Fest der Berner und Innerschweizer gewesen. Der nächste Unspunnen-Schwinget ist für 2017 im Rahmen des grossen Alphirtenfestes und als Revanche fürs Eidgenössische 2016 geplant. Fürs Eidgenössische 2016 laufen drei Kandidaturen: Genf, Neuenburg und Estavayer-le-Lac.

Unspunnen ist eigentlich noch besser als Woodstock. Woodstock ist einmalig geblieben. Eine Wiederholung hat es nie mehr gegeben. Unspunnen aber erlebt immer und immer wieder Neuauflagen.

Programm, Sonntag, 4. September:

07.20 Uhr: Einmarsch der Schwinger

07.45 Uhr: Anschwingen, 1. Gang

09.15 Uhr: Anschwingen 2. Gang

10.15 Uhr: Ausschwingen 3. Gang

11.45 – 13.00 Uhr: Mittagspause

13.00 Uhr: Ausschwingen 4. Gang

14.00 – 14.45 Uhr: Festakt

14.45 Uhr Ausstich 5. Gang

15.45 Uhr: Final Steinstossen

16.00 Uhr: Ausstich 6. Gang

17.00 Uhr: Schlussgang

Unspunnen-Sieger

1805 Stähli Hans, Brienz

1808 Brog Peter, Oerhasle

*1895 Niklaus Alfred, Köniz, Michel Hans, Brienz und Haueter Fritz, Erlenbach

1905 Stucki Hans, Konolfingen und Schnyder Albert, Trub

1946 Fink Arnold, Büetigen und Abplanalp Ernst, Innertkirchen

*1949 Kopp Hans, Niederönz

1955 Münger Hans, Biel und Gasser Hansueli Ersigen

*1962 Schild Kurt, Biel

1968 Gasser Peter, Ersigen und Hunsperger Rudolf, Habstetten

*1976 Schläfli Ernest, Posieux

1981 Betschart Leo, Sins

*1987 Gasser Niklaus, Belp

1993 Sutter Thomas, Appenzell

*1999 Abderhalden Jörg, Nesslau

+2006 Grab Martin, Rothenthurm

*kleines Unspunnenfest (nur Schwingen)

+ wegen Unwetter von 2005 auf 2006 verschoben

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