Aktualisiert 07.06.2012 16:07

«Napalm Girl»Das zweifache Opfer des Vietnamkriegs

Kim Phuc wurde vor 40 Jahren zur Ikone des Vietnamkriegs – dank eines schockierenden Fotos. Heute hat sie sich mit der legendären «Napalm Girl»-Aufnahme versöhnt.

von
Peter Blunschi

Es gibt Bilder, die eine ganze Epoche definieren. Im Fall des Vietnamkriegs ist es zweifellos jene Aufnahme vom 8. Juni 1972, die Nick Ut geknipst hatte, ein damals 21-jähriger Fotograf der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). An jenem Tag griff ein südvietnamesisches Flugzeug das Dorf Trang Bang etwa 25 Kilometer nordwestlich von Saigon mit Napalm-Bomben an. Es war nach tagelangen Kämpfen von den kommunistischen Vietcong erobert worden, die damit immer näher an die Hauptstadt des mit den USA verbündeten Südens heranrückten.

Im örtlichen Caodai-Tempel hatte unter anderem die neunjährige Phan Thi Kim Phuc mit ihrer Familie Schutz vor den Kriegshandlungen gesucht. «Wir müssen hier weg! Sie werden uns bombardieren, und wir werden sterben», hörte sie Soldaten rufen. Dann fielen die Brandbomben und entwickelten bei der Explosion eine infernalische Hitze. Kim Phuc fiel das Baumwollkleid vom Leib, ihr Rücken und ihre Arme wurden verbrannt. Im Schock rannte sie hinter ihrem älteren Bruder schreiend über die Landstrasse.

Nacktheit war tabu

Dort befanden sich mehrere Kriegsberichterstatter, die sich in die Nähe der Kampfzone begeben hatten. Unter ihnen war Nick Ut, der sofort seine Kamera hob und abdrückte. «Ich habe geweint, als ich sie laufen sah», sagt der Fotograf. Die Reporter versuchten, Kims Brandwunden mit Wasser zu kühlen. Ut fuhr mit ihr ins nächste Spital, wo man ihm sagte, sie sei zu schwer verletzt, man könne ihr nicht mehr helfen. Er habe seinen amerikanischen Presseausweis gezeigt und verlangt, dass man sich um das Mädchen kümmert, erzählte Ut.

Im AP-Büro in Saigon entwickelte er den Film. Anfangs fürchtete er, das Bild nicht veröffentlichen zu können, denn bei der US-Agentur war Nacktheit absolut tabu. Doch sein AP-Kollege, der kürzlich verstorbene deutsche Kriegsfotograf Horst Faas, erkannte den Wert der Aufnahme und setzte ihre Publikation durch. Das «Napalm Girl» war auf Anhieb eine Sensation und beschleunigte nach Ansicht von Historikern das Ende des Kriegs. US-Präsident Richard Nixon war überzeugt, dass es sich um eine gestellte Aufnahme handelte.

14 Monate und 17 Operationen

Der britische Fernsehreporter Christopher Wain, der die legendäre Szene im Bewegtbild festgehalten hatte (siehe Video), fand zwei Tage später heraus, dass Kim Phuc den Angriff überlebt hatte. Er veranlasste ihre Verlegung ins Barsky-Spital in Saigon, das von Amerikanern betrieben und als einzige Klinik für derartige Behandlungen ausgerüstet war. Kims Fall war gravierend, 30 Prozent ihrer Haut waren verbrannt. Erst nach 14 Monaten, 17 Operationen und teils äusserst schmerzhaften Therapien konnte das Mädchen zu seiner Familie zurückkehren.

Nach der Niederlage des Südens 1975 begann für Kim Phuc eine schwere Zeit. Medikamente gegen die anhaltenden Schmerzen waren kaum erhältlich. Dann erkannten die neuen kommunistischen Herrscher ihren Propagandawert. Kim wurde zum Vorzeige-Opfer des Vietnamkriegs und entsprechend ausgebeutet, ihre Auftritte wurden genau kontrolliert. «Ich wollte dem Bild entkommen, doch dann wurde ich ein weiteres Mal zum Opfer», sagte die heute 49-jährige Kim Phuc im Gespräch mit AP zum 40. Jahrestag des Fotos.

Immerhin konnte sie 1982 zur Behandlung in die BRD reisen und im sozialistischen «Bruderland» Kuba Medizin studieren, wie es ihr Wunsch war. Dort traf sie einen Landsmann, Bui Huy Toan, den sie 1992 heiratete, obwohl sie geglaubt hatte, sie werde wegen ihrer Brandwunden nie einen Mann bekommen. Die Flitterwochen verbrachte das Paar in Moskau. Auf dem Rückflug nach Havanna nutzten die Neuvermählten einen Tankstopp in Neufundland und beantragten politisches Asyl in Kanada.

Ein Foto für den Frieden

In den folgenden Jahren wurde Kim Phuc Mutter von zwei Söhnen. Sie erwarb die kanadische Staatsbürgerschaft und hoffte auf ein normales Leben. Doch das «Napalm Girl» blieb ihr Schicksal, immer wieder wurde sie von Journalisten kontaktiert. Schliesslich arbeitete sie mit an einem Buch, das ihre Version erzählt. Und die UNESCO ernannte sie zur Goodwill-Botschafterin für Kriegsopfer. Eine von ihr gegründete Stiftung kümmert sich um Kinder, die in Kriegen verwundet oder traumatisiert wurden.

Heute ist Kim Phuc mit dem Foto im Reinen, das ihr Leben bestimmt hat. «Ich kann es als mächtiges Geschenk akzeptieren, mit dem ich mich für den Frieden einsetzen kann», sagte sie im Gespräch mit AP. Mit Nick Ut ist sie stets im Kontakt geblieben. Er war für das Foto mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. Zum 40. Jahrestag ist der Fotograf, der heute in Los Angeles lebt und immer noch für AP arbeitet, in das Dorf Trang Bang zurückgekehrt. Kim sei für ihn «wie eine Tochter», betont er.

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