Aktualisiert 15.01.2015 06:50

Leser zu «Charlie Hebdo»

«Dass es so nah ist, macht Angst»

Eine Umfrage unter 14'000 Lesern zeigt: Jeder Zweite hält auch hierzulande einen Terroranschlag für möglich und fühlt sich von den Behörden unzureichend informiert.

von
L. Hüttenmoser
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Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Umfrage schreiben, welche Gefühle das Attentat bei ihnen ausgelöst hat.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Umfrage schreiben, welche Gefühle das Attentat bei ihnen ausgelöst hat.

Fassungslosigkeit. Angst. Wut. Trauer. Das sind die vorherrschenden Gefühle der Schweizer nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Paris. 14 000 Männer und Frauen nahmen an einer Umfrage von 20 Minuten teil und fassten in Worte, was ihnen zwei Tage danach durch den Kopf geht (siehe Bildstrecke). Viele sind verunsichert. Jeder Zweite fürchtet, dass es auch in der Schweiz zu einem Terroranschlag kommt. Noch höher wird die Gefahr in Europa eingeschätzt: 91 Prozent glauben, dass es weitere Attentate geben wird.

Die Mehrheit fühlt sich zwar sicher in der Schweiz (76 Prozent), aber dennoch von den Behörden ungenügend informiert in puncto Terrorgefahr (59 Prozent). Die Sicherheitsvorkehrungen hält lediglich ein Drittel der 14 000 Teilnehmenden für ausreichend. Für eine Erhöhung der Sicherheit würde eine Mehrheit (54 Prozent) mehr Überwachung durch den Staat in Kauf nehmen und eine höhere Polizeipräsenz befürworten (66 Prozent). In der Schweiz sind jedoch die rechtlichen Befugnisse hierfür viel kleiner als in anderen westeuropäischen Ländern, erklärt Terrorexperte Lorenzo Vidino gegenüber 20 Minuten.

Differenzierung zwischen Islam und Islamismus

Auch Präventionsmassnahmen seitens der Regierung vermissen die 20-Minuten-Leser. Zwei Drittel der Befragten finden, dass man unbedingt mehr unternehmen müsse, um Jugendliche vor einer Radikalisierung zu schützen. Was die Wahrnehmung des Islam angeht, so gibt es eine klare Zweiteilung. 49 Prozent sehen den Islam als Bedrohung, 47 Prozent nicht und 4 Prozent geben an, das nicht beurteilen zu können. Man ist sich jedoch einig, dass das Attentat auf «Charlie Hebdo» islamfeindliche Kräfte in Europa weiter stärken wird. Diese Entwicklung lehnt eine grosse Mehrheit (71 Prozent) ab.

Das Blutbad in Paris wird als gezielter Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit gewertet. Die Mehrheit der Umfrageteilnehmer steht geschlossen hinter «Charlie Hebdo». Das Satiremagazin habe mit den Mohammed-Karikaturen keine Grenze überschritten, sind drei Viertel der Ansicht. Den Tweet von Bundesrätin Doris Leuthard, der mit dem Satz «Satire ist kein Freipass» beginnt, finden die meisten (60 Prozent) demnach daneben. Unabhängig vom Zeitpunkt des Tweets ist die Mehrheit inhaltlich nicht mit der Aussage einverstanden und ist der Meinung: Satire darf alles.

Eckdaten zur nicht repräsentativen Umfrage

- 14'026 Teilnehmer

- 70 Prozent männlich, 30 Prozent weiblich

- Altersdurchschnitt: 30 Jahre

- Teilnehmer aus Westschweizer Kantonen waren in der Umfrage stark unterverteten, Bewohner des Kantons Zürich klar übervertreten (28 Prozent).

- Religionszugehörigkeit: 35 Prozent keine, 56 Prozent Christentum, 6 Prozent Islam, 3 Prozent Buddhismus, Hinduismus und andere

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