Nati-Star Ramona Bachmann im Exklusiv-Interview über Frauenfussball
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Nati-Star Ramona Bachmann«Im Schweizer Fussball muss sich dringend etwas verändern»

Meister in Deutschland, Schweden, England und Frankreich: Ramona Bachmann ist die aktuell erfolgreichste Schweizer Fussballerin. Im Exklusiv-Interview spricht sie über Kritiker, die nicht an sie glaubten – und kritisiert Zustände im Frauenfussball.

von
Nils Hänggi
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Ramona Bachmann hat in ihrer Karriere schon viel erreicht. Mit 16 Jahren unterschrieb sie ihren ersten Profivertrag. 

Ramona Bachmann hat in ihrer Karriere schon viel erreicht. Mit 16 Jahren unterschrieb sie ihren ersten Profivertrag.

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Derzeit kickt sie für PSG. Mit den Franzosen ist sie in der letzten Saison französischer Meister geworden. Das will sie wieder schaffen. 

Derzeit kickt sie für PSG. Mit den Franzosen ist sie in der letzten Saison französischer Meister geworden. Das will sie wieder schaffen.

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Die aktuelle Schweizer Nati schätzt sie als stark ein. «Wir haben wirklich eine super Mischung. Und Nils Nielsen ist jetzt auch schon länger Trainer. Wir kennen und vertrauen uns», so Bachmann.

Die aktuelle Schweizer Nati schätzt sie als stark ein. «Wir haben wirklich eine super Mischung. Und Nils Nielsen ist jetzt auch schon länger Trainer. Wir kennen und vertrauen uns», so Bachmann.

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Darum gehts

  • Ramona Bachmann feierte mit Wolfsburg, Umeå IK, Chelsea und PSG unzählige Titel.

  • Im grossen Interview mit 20 Minuten redet sie nun sie über PSG, Erfolg und die Schweizer Nati.

  • Auch weiss sie, was sich im Frauenfussball ändern muss.

  • Am Freitagabend um 19 Uhr spielt sie mit der Schweizer Frauen-Nati in der WM-Quali gegen Rumänien.

Ramona Bachmann, wie geht es Ihnen?

(lacht) Mir geht es eigentlich sehr gut. Auch wenn es gerade eine Phase ist mit vielen Spielen – vor allem mit PSG. Und jetzt kommen noch die wichtigen Nati-Spiele. Die Belastung ist hoch.

Mit PSG stehen Sie in der Meisterschaft derzeit auf Rang zwei. Der Club spielt in der Champions League, hat zweimal gewonnen. Zufrieden mit der bisherigen Saison?

Wir können sicherlich sehr zufrieden sein. Wir haben acht Spiele gemacht, alle gewonnen, kein Gegentor erhalten und haben 27 Tore geschossen. Wenn man das mit unserer Vorbereitung vergleicht, ist das sehr gut. Die war nämlich richtig schlecht, wir gewannen nur ein einziges Spiel! Da waren alle ein wenig gestresst. Aber jetzt sieht man: Wenn es zählt, sind wir da. Und das ist das Wichtigste.

Welche Saisonziele haben Sie mit dem Club?

Letztes Jahr gewannen wir das erste Mal in der Clubgeschichte den Meistertitel. Vorher war Lyon der absolute Serienmeister. 15 Mal! Das war ein riesiger Höhepunkt für PSG. In der Champions League scheiterten wir erst im Halbfinal. Klar wollen wir also den Meistertitel verteidigen, die Champions League und den Cup gewinnen. Bei PSG hat man den Anspruch, alles zu gewinnen.

Für PSG spielt die 30-Jährige seit 2020. Bei den Franzosen gefällt es ihr, wie Ramona Bachmann im Interview erzählt. 

Für PSG spielt die 30-Jährige seit 2020. Bei den Franzosen gefällt es ihr, wie Ramona Bachmann im Interview erzählt.

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Sind Sie eigentlich eine Spielerin, die sich vor der Saison sagt: So viele Tore will ich machen und so viele Assists?

Nein. Natürlich will ich viele Tore schiessen und Assists geben. Das muss ich ja als Offensivspielerin. Schlussendlich schauen ja auch alle nur auf die Statistiken. Ich habe mir einfach vorgenommen, immer gute Leistungen zu zeigen und mich stets weiterzuentwickeln. Und genau wie der Club, will auch ich Meister und Champions-League-Siegerin werden. Ich habe zwar schon viele Titel gewonnen, doch das fehlt mir noch. Aber das erreiche ich nur mit dem Team, nicht alleine.

Und mit Ihren bisherigen Saisonleistungen sind Sie zufrieden?

Sehr. Durch das neue Trainerteam hat sich sehr vieles verändert. Auch kamen wegen der vielen Abgänge im Sommer zehn neue Spielerinnen. Anfangs hat man die Wechsel gemerkt. Als ich nach der Sommerpause zurückkam, dachte ich: Wo bin ich hier? Ich komme sehr gut klar mit dem neuen Trainer, der mir viel Selbstvertrauen gibt. Das brauche ich.

Sie haben schon in Schweden, Italien, in den USA, Deutschland und England gespielt. Jetzt in Frankreich. Was ist Ihr persönliches Highlight?

Es ist schwierig, nur eine Sache zu sagen … (lacht)

Dürfen auch mehrere sein …

Ein grosses Highlight war die WM 2015 in Kanada. Es war mein erstes grosses Turnier für die Schweiz. Das war mega speziell, mein Land zu vertreten. Und klar, ich habe mit verschiedenen Teams mehrere Titel gewonnen. Das war auch immer cool. Der speziellste Titel war aber sicherlich der FA-Cup. Der Final war im Wembley vor 45’000 Zuschauern! Ich schoss zwei Tore, wir gewannen, meine ganze Familie war im Stadion. Und zuletzt der Meistertitel mit PSG. Es ist eigentlich unglaublich, dass der Club vorher noch nie Meister wurde.

Gibt es da überhaupt noch etwas, was Sie erreichen wollen?

Ich will immer Titel sammeln. Mit der Schweizer Nati fehlt das noch. Aber ich darf ja träumen, nächsten Sommer ist die EM und wir haben ein gutes, starkes Team. Wir könnten die Überraschung des Turniers werden. Aber mal schauen.

Schauen wir auf Ihre Anfänge. Mit fünf Jahren haben Sie angefangen beim FC Malters zu spielen. Wieso wollten Sie kicken?

Mein Vater spielte selbst Fussball, nahm mich dann als Juniorentrainer immer mit. Es hat sich einfach so ergeben. Fussball liebte ich einfach schon immer.

Und Sie hatten ja auch früh Erfolg: Wann wurde Ihnen bewusst: «Ja, ich bin gut.»?

(überlegt) Schwierig zu sagen. Bei mir ging es von Anfang an steil nach oben. Das Ziel, Profi zu werden, hatte ich schon immer. Dabei war es damals noch schwieriger als heute. Im TV kam nur Männerfussball, die Menschen kannten nur diesen. Aber das war mir egal. Bei mir funktionierte immer alles. Und dann wechselte ich nach Schweden zu Umea IK. Damals war ich 16 Jahre alt. Ehrlich gesagt, hatte ich nie Zeit zu überlegen. Alles ging immer rasend schnell. Aber wenn ich jetzt einen Zeitpunkt sagen müsste, wäre es Schweden. Da konnte ich mit der besten Spielerin der Welt, Marta, zusammenspielen.

Sie haben mit 16 den ersten Profivertrag unterschrieben und haben Ihre Ausbildung abgebrochen. Gab es auch kritische Stimmen?

Meine Familie und Freunde haben mich immer zu 100 Prozent unterstützt. Von Aussenstehenden kamen die kritischen Kommentare. Sie kritisieren zum Beispiel den Abbruch meiner Ausbildung. Doch ich verfolgte meinen grossen Traum, mir war das egal. Ich wusste: Ich muss diese Chance nutzen. Eine neue Ausbildung hätte ich ja immer anfangen können. (lacht)

Ramona Bachmann spielt seit 2007 in der Schweizer Nati. In 116 Spielen erzielte sie 51 Treffer. Hier zu sehen: Ihr Treffer in der EM-Quali gegen Kroatien im Herbst 2020.

SRF

Momentan sind Sie mit der Schweizer Nati unterwegs. Mit ihr stehen nun die Spiele gegen Rumänien und Kroatien an. Im November gegen Italien. Drei Siege?

Natürlich, wir wollen den Gruppensieg. Die nächsten zwei Spiele müssen wir gewinnen. Die Italienerinnen sind stark, das wissen wir. Der Respekt ist da - gegenseitig. Es ist ein 50:50-Spiel. Aber wir wollen den Sieg und die drei Punkte heim holen!

Die aktuelle Nati ist ein guter Mix zwischen jung und alt. Sie hat viel Erfahrung, aber auch Supertalente wie Riola Xhemaili. Wie stark ist das Team wirklich?

Wir haben wirklich eine super Mischung. Und Nils Nielsen ist jetzt auch schon länger Trainer. Wir kennen und vertrauen uns. Er stellt uns immer perfekt auf den Gegner ein. Und: Wir zeigen immer einen super Fussball!

Dabei ist es ja eigentlich komisch. Sie spielen in der WM-Quali, obwohl die EM noch gar nicht stattgefunden hat.

Das stimmt. Aber wir sind alle professionell und können damit umgehen. Am 28. Oktober findet die EM-Gruppenauslosung statt. Das schwirrt schon irgendwie im Kopf herum, wir reden auch darüber. Aber momentan liegt der Fokus ganz eindeutig auf Rumänien und Kroatien.

Nervt es Sie eigentlich, dass Männerfussball immer mehr Aufmerksamkeit bekommt als Frauenfussball?

Nerven ist das falsche Wort. Ich wünsche mir einfach, dass die Rahmenbedingungen im Frauenfussball besser werden. Und ich rede jetzt nicht von PSG, eher von der Schweiz. Hier gibt es viele Clubs, bei denen es eine Männer- und Frauenabteilung gibt. Und die Frauen haben oft schlechtere Bedingungen. Das muss sich ändern. Das ist der wichtigste Schritt.

Haben Sie Beispiele?

Frauen sollen das gleiche Fitness nutzen können, zu den Club-Physios gehen können, zu den Ärzten. Auch sollten Frauen auf guten Plätzen spielen können. Im Frauenfussball gibt es viele Knieverletzungen. Für mich ist das keine Überraschung. Ein Faktor dafür sind sicherlich die Plätze, auf welchen wir Fussballerinnen manchmal spielen müssen. Ich habe Glück. Bei PSG haben wir ein eigenes Gelände und super Bedingungen.

Die iri­schen Natio­nal­spie­le­rinnen erhalten ab sofort die glei­chen Auf­lauf­prä­mien wie ihre männ­li­chen Kol­legen. Wünschen Sie sich das auch?

Der Lohnunterschied ist immer ein Thema. Mir ist schon bewusst, dass bei den Männern die Stadien voller sind und mehr Geld eingenommen wird. Ich will gar nicht das Gleiche verdienen wie die Männer. Das ist auch total unrealistisch. Aber ja, natürlich wollen wir mehr. Wir verhandeln daher auch immer mit dem Verband und den Vereinen. Gute Leistungen zeigen wir ja.

Mehr Geld ist wohl auch wichtig für die Nati-Kolleginnen, die nicht vom Fussball leben können.

Ja. Es gibt immer noch welche, die neben dem Fussball noch arbeiten müssen. Dabei wäre es wichtig, dass auch sie sich nur auf den Sport konzentrieren können. Sie haben weniger Zeit sich zu erholen, die Verletzungsgefahr steigt.

Vorhin meinten Sie, dass Sie bei PSG ein eigenes Trainingsgelände haben - getrennt von den Männern. Sehen Sie Neymar, Messi und Co.?

Kimpembe oder Mbappé haben schon Spiele von uns angeschaut. Das finde ich cool. Aber ja, da wir nicht auf dem gleichen Gelände sind, findet eigentlich auch kein Austausch statt.

Zum Schluss: Blicken wir nochmals auf die Partie gegen Rumänien. Ihr Tipp?

Sieg für uns.

Und Sie schiessen ein Tor?

Ja, wieso nicht? (lacht)

«Wir müssen von Anfang an bereit sein»

Coach Nils Nielsen ist zuversichtlich vor den WM-Quali-Spielen gegen Rumänien und Kroatien. Er hat einen Matchplan für die Partie gegen die Osteuropäerinnen am Freitagabend. «Wir müssen von Anfang an bereit sein und die Torchancen nutzen. An der EM im nächsten Jahr werden wir gegen Top-Teams nicht Unmengen an Chancen erhalten», so der Coach. Zu den Kroatinnen meint er: «Sie haben seit diesem Jahr ein junges Team, welches nicht gut einzuschätzen ist.» (ape/nih)

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