24-jähriger Bettnässer: «Dass ich ins Bett pinkle, ist mir unendlich peinlich»
Aktualisiert

24-jähriger Bettnässer«Dass ich ins Bett pinkle, ist mir unendlich peinlich»

Stand ein Klassenlager an, meldete er sich als Schüler krank und vor einer Beziehung mit einer Frau graut es ihm: Ein 24-jähriger Bettnässer erzählt.

von
bz
Erwacht der junge Mann morgens wieder in einem nassen Bett, könnte er vor Scham im Boden versinken. (Symbolbild)

Erwacht der junge Mann morgens wieder in einem nassen Bett, könnte er vor Scham im Boden versinken. (Symbolbild)

Es passiert in der Regel nur noch einmal in der Woche. Aber jedes Mal ist für Peter Müller* ein Mal zu viel. Wenn er morgens wieder mit einer nassen Pyjamahose aufwacht, könnte er vor Scham im Boden versinken. «Es ist immer deprimierend», fasst er solche Momente zusammen. Müller ist 24-jährig – und Bettnässer.

«Dass ich in meinem Alter immer noch ins Bett pinkle, ist mir unendlich peinlich.» Richtig erniedrigend wäre es für den Chauffeur, wenn er nachts einen windelartigen Schutz tragen würde. «Windeln trage ich nur in Hotel-Ferien.»

Versteckte Einkäufe

Damit das Bett trocken bleibt, schützt er die Matratze mit Einweg-Bettmatten. Nachschub kauft Müller nur frühmorgens oder spätabends. «Dann ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass mich viele Leute oder sogar Bekannte dabei erwischen.» Auch das Bezahlen an der Kasse fällt dem Bettnässer schwer. «Ich schäme mich. Die Kassierinnen fragen sich bestimmt: ‹Was ist der wohl für einer?›»

Das nächtliche Einnässen hemmt Müller auch im Umgang mit Frauen. «Ich hatte noch nie eine Beziehung. Denn früher oder später müsste ich mein Problem gestehen.» Doch vor diesem Moment graut es ihm. «Ich bin mir sicher, dass Frauen Männer wie mich als unreif abstempeln und zurückweisen würden.»

«Als mein Grossvater starb, gings wieder los»

Als Kind musste Müller Windeln tragen, bis er achtjährig war. Er pinkelte jede Nacht ins Bett. Danach war er ein Jahr trocken. «Doch als mein Grossvater starb, ging es mit dem Bettnässen wieder los.» Auf keinen Fall wollte Müller, dass Menschen ausserhalb seiner Familie von seinem Problem erfahren. Das schränkte sein Sozialleben stark ein. Stand in der Schule ein Klassenlager an, meldete er sich krank. «Auch wenn mich Freunde zum Übernachten einluden, hatte ich immer eine Ausrede parat.»

Die Versuche, das Problem unter Kontrolle zu halten, fruchteten nicht. Obwohl er abends wenig trank, war das Bett am nächsten Tag nass. Die Hormontabletten gegen Harnüberproduktion musste Müller absetzen, weil sie ihn mit Kopfschmerzen plagten. Auch ein Weckalarm, der einen Laut abgibt, sobald Urin in die Hose gelangt, nützte nichts. «Der Alarm konnte mich nicht wecken.»

Diagnose lange unklar

Lange blieb die Ursache für das Bettnässen im Dunkeln. Die Eltern liessen ihn bei zahlreichen Ärzten abklären. «Kein Arzt konnte eine Diagnose stellen.»

Erst vor vier Jahren kamen die Ärzte dem Grund für das nächtliche Pinkeln auf die Spur. Eine Fehlbildung der Harnleiter verursacht Müllers Leiden. Aber auch diese Diagnose konnte ihn nicht davon erlösen. «Auf eine Operation verzichte ich, weil man nicht weiss, ob das Einnässen danach aufhört.» Es sei zudem nicht augeschlossen, dass eine psychische Ursache das ungewollte Pinkeln auslöse.

*Name von der Redaktion geändert.

«Mein Sohn wurde gar nie richtig trocken»

Auch der 12-jährige Martin Moser* pinkelt sich jede Nacht in die Hose. «Er wurde gar nie richtig trocken», erzählt seine Mutter. Seit er zehnjährig sei, habe das nächtliche Einnässen zugenommen. Der Junge leidet an einem sehr starken Urinausfluss. «Die Einlagen können den Urin nachts gar nicht mehr aufsaugen», sagt die Mutter. Die Ursache sei unbekannt. «Ärzte und Psychologen stellten bei ihm weder ein physisches noch ein psychisches Problem fest.»

Mit Tabletten und windelartigen Nachthöschen kann der Schüler das Problem unter Kontrolle halten. Das Bettnässen hindert ihn nicht, an Klassenlagern teilzunehmen und bei Freunden zu übernachten. Die Mutter schreibt jedoch vor, dass der Sohn seine Freunde vorgängig informiert, damit deren Familien sich nicht über nasses Bettzeug aufregen müssen. «Als mein Sohn seinen Freunden sagte, dass er noch in die Hose pinkle, nahmen sie es mit einem lockeren 'Okay' zur Kenntnis.» Ausgelacht sei er noch nie geworden. Das Bettnässen bereite dem Jungen aber innerlich grosse Sorgen. «Er denkt langsam an die Zukunft und fragt mich ab und zu, ob das irgendwann aufhöre.»

*Name von der Redaktion geändert.

Unter dem Motto «Time to Take Action» findet am 17. Oktober 2015 der erste World Bedwetting Day statt.

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