Aktualisiert 22.10.2009 12:30

Koma

«Dass jemand nach Monaten erwacht, ist selten»

Seit 2005 liegt Israels Ex-Ministerpräsident Ariel Scharon im Dauerkoma. Unter welchen Umständen ein Koma auftritt und warum Geschichten von Menschen, die nach Jahren angeblich wieder vollständig erwacht sind, der «Märchenwelt» angehören, erklärt ein Experte im Interview mit 20 Minuten Online.

von
Runa Reinecke

Sie atmen, ihr Herz schlägt - und trotzdem leben Komapatienten in einer für uns unzugänglichen, mysteriösen Welt. Genau wie der ehemalige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon schweben die Betroffenen in einem Zustand des Unbewussten - irgendwo zwischen Leben und Tod. Sie werden künstlich ernährt, einige mit Maschinen beatmet.

Können Menschen im komatösen Zustand ihre Umwelt wahrnehmen? Wie lange dürfen Angehörige auf ein Erwachen des Patienten hoffen? 20 Minunten Online sprach mit Prof. Dr. med. Reto Stocker, Abteilungsleiter der chirurgischen Intensivmedizin des Universitätsspital Zürich.

20 Minuten Online: Wie viele Komapatienten werden momentan am Unispital in Zürich betreut?

Reto Stocker: Zurzeit finden sich ungefähr 20 Patienten in unserer Intensivstation, auf die entweder die eine oder andere Art von Koma zutrifft.

Inwiefern unterscheiden sich diese Patienten voneinander?

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Gruppen von Komapatienten: Patienten im Medikamentenschlaf - also einem absichtlich und aus medizinisch sinnvollen Gründen eingeleiteten künstlichen Koma - und solche in einem Koma, das durch einen Unfall oder eine Erkrankung eingetreten ist. Bei letzterem handelt es sich um eine primäre Funktionsstörung des Gehirns. Bei ersterem kann, wie im Fall des medikamentösen Hirnschutzes bei akuter Hirnschädigung, eine Mischung aus primärer Funktionsstörung des Gehirns und Bewusstseinseinschränkung durch Gabe von Medikamenten vorliegen.

Wie genau muss man sich so einen Zustand vorstellen? Wann liegt ein Mensch im Koma?

Wir sprechen im weitesten Sinne von einem komatösen Zustand, wenn ein Patient keine adäquate Reaktion zeigt und keine Kommunikation mit ihm möglich ist. Dazu gehört beispielsweise, dass er weder über Zeichen mit Händen und Füssen, dem Kopf, Augen oder mit Hilfe der Mimik antwortet. Um die Komatiefe bestimmen zu können, bedienen sich medizinische Fachpersonen der sogenannten Glasgow-Coma-Skala, die zwischen 15 Punkten (bei vollständig wachen Personen) und minimal 3 Punkten (beim tiefsten Koma) die Bewusstseinseinschränkung quantifizieren hilft. Zwischen 3 und 8 Punkten spricht man vom eigentlichen Koma. Zwischen den Punkten 8 bis 15 handelt es sich um weniger ausgeprägte Einschränkungen des Bewusstseins.

Sind die Betroffenen fähig, Schmerz zu empfinden?

Das ist von der Tiefe des Komas abhängig. Tiefst komatöse Patienten reagieren auch nicht auf Schmerzreize.

Welche ist die häufigste Ursache, die einen Menschen ins Koma fallen lässt?

Besonders häufig sind Störungen des Hirnstoffwechsels dafür verantwortlich, durch die die Signalübertragung im Gehirn beeinträchtigt wird. Dieser Zustand kann beispielsweise durch eine Blutvergiftung eintreten.

Hirnverletzungen?

Das ist die zweite grosse Gruppe. Hier liegt eine direkte Schädigung des Gehirns, zum Beispiel durch einen Unfall, eine Entzündung, einen Schlaganfall, einer Hirnblutung, oder einen Tumor vor.

Wie häufig kommt es vor, dass ein Patient nach mehreren Tagen, Wochen oder sogar Monaten aus einem Tiefschlaf erwacht?

Nach Tagen bis Wochen ist das sehr häufig. Bei metabolischen Störungen (schwerstkranke Intensivpatienten) kann es gut zwei Wochen dauern. Damit Koma-Patienten mit schweren Hirnverletzungen geschont werden, belässt man sie durch die Gabe von Medikamenten bis ungefähr drei Wochen im künstlichen Koma. Das jemand erst nach mehreren Monaten aus einem unbeeinflussten Komazustand erwacht, ist sehr selten.

Und was ist mit den zahlreichen Berichten über Koma-Patienten, die nach vielen Jahren aus dem Tiefschlaf erwacht sind?

Diese Geschichten sind wohl eher der Märchenwelt entsprungen. Jemand, der sich gut auskennt, weiss, dass ein Mensch nicht nach so langer Zeit plötzlich aufwacht und dann wieder ein selbstbestimmtes Leben führt. Es gibt Wachkomapatienten, mit denen man im langen Verlauf besser in Kontakt treten kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient dann irgendwann einmal wieder ganz normal zur Arbeit geht, ist nahezu gleich null.

Was muss man sich unter einem Wachkoma vorstellen?

Diese Patienten können die Augen öffnen, wirken deshalb wacher. Aber auch sie kommunizieren nicht mit ihrer Umwelt und sind tief komatös.

Wie lange hält das Gehirn überhaupt einen komatösen Zustand durch, ohne langfristige Schädigungen davonzutragen?

Das lässt sich so nicht sagen – es ist eher umgekehrt: Je länger ein Patient im Koma verweilt, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine schwere organische Schädigung des Gehirns vorliegt.

Gibt es eine zeitliche Grenze, bei der Mediziner das Zurückerlangen des Bewusstseins für unwahrscheinlich halten?

Auch hier gilt, dass die Rückkehr des Bewusstseins mit zunehmender Dauer der Bewusstlosigkeit immer unwahrscheinlicher wird. Nach ungefähr sechs Monaten ist die Wahrscheinlichkeit bereits ziemlich gering. Durch unterschiedliche Diagnoseverfahren, dazu gehört zum Beispiel die Bildgebung (MRI), lässt sich Schwere und Lokalisation der Hirnschädigung zum Teil erkennen.

Muss der Patient nach dem Erwachen mit Folgeschäden rechnen?

Eine Gehirnverletzung, bedingt durch einen Unfall, eine Hirnblutung oder einen Schlaganfall bleiben nie ohne Folgen. Anders gesagt: Es bleibt immer etwas zurück.

Was sind das für Schädigungen?

Je nach betroffenem Areal können kognitive Störungen, Verhaltensstörungen, Störungen der Sprache und/oder des Sprachverständnisses, aber auch sogenannte motorische Störungen (Bewegungsabläufe, Lähmungen) auftreten. In den vergangenen Jahren hat man allerdings viel über die Plastizität des Gehirns gelernt. Diese erlaubt es, dass gewisse Funktionen von zerstörten Hirnarealen durch gesunde Areale teilweise übernommen werden können.

Können diese Patienten etwas tun, um ihre Lebensqualität zu verbessern?

Mit einer guten Rehabilitation kann heute viel erreicht werden. Es ist grundsätzlich schwierig abzuschätzen, was letztendlich zurückbleibt. Die Erfahrung zeigte, dass sich innerhalb der ersten zwei Jahre nach dem Erwachen noch relevante Verbesserungen einstellen, danach eher weniger. Deshalb ist es sehr wichtig, dass sich der Patient in eine gute Neurorehabilitation begibt. Unseren Beobachtungen nach waren ungefähr 50 Prozent unserer Patienten nach einem Jahr wieder in einen Arbeitsprozess integriert.

Was können Komapatienten überhaupt wahrnehmen, wo sind dieser Wahrnehmung Grenzen gesetzt?

Darüber wissen wir noch zu wenig. Was wir wissen ist, dass viele akustische Signale wahrnehmen können. Dies trifft im Besonderen auf die Patienten zu, die wieder erwachen werden. Es lässt sich beobachten, dass die Patienten auf die Stimmen ihrer Angehörigen stärker reagieren als auf fremde. Erwachen die Patienten aus dem Koma, können sie sich an das Geschehene allerdings häufig nicht mehr erinnern.

Besteht die Wahrscheinlichkeit, dass ein künstliches Koma in einen ungewollten und unkontrollierbaren komatösen Zustand übergeht?

Durch die Medikamente selbst kann das nicht geschehen. Wenn so etwas passiert, ist immer die Schädigung des Gehirns dafür verantwortlich.

Wie gehen Ihrer Erfahrung nach Angehörige mit dem Koma eines ihnen nahestehenden Menschen um? Lässt sich die Tatsache, dass ein Mensch zu einer grossen Wahrscheinlichkeit das Bewusstsein nicht mehr erlangen wird leichter ertragen als der Tod?

Von den meisten Angehörigen wird das Koma des ihnen nahestehenden Menschen schlimmer empfunden als der Tod. In der frühen Phase steht dies aber ohnehin nicht im Vordergrund. Dann geht es darum, das Leben des Patienten zu retten. Aber ich beobachte immer wieder, dass das Dauerkoma für die Angehörigen eine enorme Belastung darstellt. Ganze Familien sind schon wegen solcher Zustände zerbrochen.

Haben Sie im Umgang mit Komapatienten schon einmal etwas Überraschendes erlebt?

Das Erwachen eines Patienten ist für uns immer wieder ein spannendes Ereignis. Zum Glück überwiegen bei uns die positiven Erlebnisse – das spornt an. Damit das so ist, steht uns ein grosses Spektrum an medizinischen Behandlungsverfahren zur Verfügung. An Wunder aber glaube ich selbst nicht.

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