Experte für Jugendgewalt : «Dass jemand so früh so aggressiv ist, kommt sehr selten vor»
Publiziert

Experte für Jugendgewalt «Dass jemand so früh so aggressiv ist, kommt sehr selten vor»

Verzweifelt wendet sich die Mutter des 14-jährigen D.B.* an die Medien: Seit ihr Sohn fünf ist, hat er Wutausbrüche und gerät immer wieder in Schwierigkeiten. Experte Allan Guggenbühl im Interview über mögliche Gründe und überforderte Behörden. 

von
Daniel Graf
1 / 4
Allan Guggenbühl ist Experte für Jugendgewalt. Nur etwa eines von 50 Problemkindern sei tatsächlich so früh so aggressiv, wie es die Mutter von D.B. schildert. 

Allan Guggenbühl ist Experte für Jugendgewalt. Nur etwa eines von 50 Problemkindern sei tatsächlich so früh so aggressiv, wie es die Mutter von D.B. schildert. 

privat 
Die Mutter des 14-Jährigen fürchtet, ihr Sohn könnte zum zweiten Fall Carlos werden. Carlos ist einer der bekanntesten Häftlinge der Schweiz, durch seine Gewaltbereitschaft macht er im Strafvollzug Probleme. Er attackierte 2017 einen Aufseher und randalierte mehrfach.

Die Mutter des 14-Jährigen fürchtet, ihr Sohn könnte zum zweiten Fall Carlos werden. Carlos ist einer der bekanntesten Häftlinge der Schweiz, durch seine Gewaltbereitschaft macht er im Strafvollzug Probleme. Er attackierte 2017 einen Aufseher und randalierte mehrfach.

Illustration: Robert Honegger
Ihr Sohn habe auch sie schon angegriffen, die Probleme mit der Polizei häuften sich. (Symbolbild) 

Ihr Sohn habe auch sie schon angegriffen, die Probleme mit der Polizei häuften sich. (Symbolbild) 

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

Wutanfälle, paranoide Züge, Probleme mit der Polizei und der Umzug von einem Heim ins nächste: Der 14-jährige D.B.* bringt seine Mutter an den Rand der Verzweiflung. Um sich selbst zu schützen, hat die Mutter die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde gebeten, für die Platzierung ihres Sohnes zu schauen. Trotzdem häufen sich Beschlüsse, Rechnungen und Vorladungen der Polizei bei ihr. 

Allan Guggenbühl, Experte für Jugendgewalt, spricht im Interview über überforderte Behörden, die Häufigkeit solch aggressiver Jugendlicher und Möglichkeiten, B. vor dem Gefängnis zu bewahren und zu resozialisieren. 

Gibt es solche Fälle in der Schweiz oft?

Allan Guggenbühl: Dass jemand so früh so aggressiv ist, ist sehr selten. Selbst bei problematischen Jugendlichen ist nur etwa jeder fünfzigste so aggressiv. Deshalb gibt es auch kein standardisiertes Vorgehen. Weder die Mutter noch die Kesb, Psychotherapeuten, Schulen oder Heime sind auf so etwas vorbereitet.

Wie kann solchen Jugendlichen geholfen werden?

Therapeutisch stösst man an Grenzen. Oft muss man einfach weiter probieren und deshalb sind auch Sondersettings wie im Fall Carlos durchaus vorstellbar. Wichtig ist immer die Frage, was in den Jugendlichen selbst vorgeht.

«In erster Linie muss verhindert werden, dass etwas Schlimmeres passiert – dem 14-Jährigen selber oder seinem Umfeld.»

Sehen Sie noch eine Chance, D. zu resozialisieren?

Er ist jetzt 14. Da ist es gut möglich, dass er noch andere Persönlichkeitsaspekte entwickelt. Vielleicht findet er eine Bezugsperson, die ihm helfen kann, eine Tätigkeit wo er seine Energie sinnvoll nutzen kann oder auch eine Ideologie oder Religion. Das weiss man im Vornherein nicht, deshalb muss man weitere Möglichkeiten ausloten.

Von D. geht gemäss der Mutter aber auch eine Gefahr aus.

Das ist sicher so. Deshalb muss in erster Linie verhindert werden, dass etwas Schlimmeres passiert – ihm oder seinem Umfeld. Ich kann die Befürchtung der Mutter aber gut nachvollziehen, dass ihr Sohn im Gefängnis landen wird.

Kann das nicht verhindert werden?

Das ist in unserem System schwierig. Wir haben ein Rechtssystem. Nur weil jemand Aggressionspotenzial oder psychische Störungen aufweist, kann man sie oder ihn nicht einfach wegsperren – auch wenn die Chance besteht, dass künftig etwas passieren wird. Ich habe in einigen Fällen auch gehofft, dass es kein Mord sein wird, wegen dem ein Jugendlicher später im Gefängnis landen wird. Diese Befürchtungen sind völlig natürlich – ob sie sich dann bewahrheiten, ist eine andere Frage.

«Solche Fälle sind selten und so individuell, dass die Wirkung von Sondersettings extrem unterschiedlich ist.»

D. war schon in unzähligen Einrichtungen und nirgends konnte ihm geholfen werden. Machen diese häufigen Wechsel Sinn?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Aber vielfach ist es bei so aussergewöhnlichen Fällen schon eine Person, welche dem oder der Jugendlichen helfen kann. Es bringt jetzt vermutlich wenig, das Setting immer wieder zu wechseln, hier und dort psychiatrische Abklärungen zu machen und immer neue Medikationen auszuprobieren. Im Idealfall gelingt es, die eine Person zu finden, die einen Zugang findet und den Jugendlichen über längere Zeit auf dem richtigen Weg begleiten kann.

Fehlen in der Schweiz spezialisierte Einrichtungen?

Das würde ich so nicht sagen. Die Fälle sind selten und so individuell, dass wir nicht eine professionelle Einrichtung für alle ähnlich gelagerten Fälle haben können. Auch die Wirksamkeit von Sondersettings sind extrem unterschiedlich.

*Namen geändert 

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen


Deine Meinung

63 Kommentare