Date mit einem «Asshole»
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Date mit einem «Asshole»

Kiss-Frontmann Gene Simmons - die legendärste Zunge der Welt - präsentierte in Köln sein neustes Album, das den Titel eines anderen Körperteils trägt.

Gene Simmons steht in der Suite eines Kölner Luxushotels, hält das unzensierte Poster für das Cover seines Albums in der Hand und rollt zum tosenden Sound von «Weapons of Mass Destruction» die Augäpfel nach oben, so dass nur das Weisse zu sehen ist.

Der Dämon, auch «God of Thunder» genannte 54-jährige Kiss-Bassist trägt zu einer Nadelstreifenhose eine schwarze Jacke mit Dollarzeichen auf Ärmeln und Brust. Die Zunge bleibt im Mund. «Asshole» (Sanctuary) heisst sein erst zweites Soloalbum in 26 Jahren, das am kommenden Montag erscheint. Es ist ein Streifzug durch die verschiedensten Stilrichtungen geworden.

Den Albumtitel hat die US-Medienaufsichtsbehörde FCC natürlich nicht durchgehen lassen. «Es ist schon lustig: ein Arschloch wird zensiert», erzählt er. «Wir werden drei Sterne und ein Loch haben. Man wird 'Arschloch' nicht sehen; das ist gut. Zensur ist gut, weil sie den Leuten Gesprächsstoff gibt. Aber zum zweiten: F-C-C (Federal Communications Commission) wird tatsächlich 'fuck' ausgesprochen. Wenn man FCC als Wort ausspricht, Fuck, müssen sie sich selbst zensieren. Dabei sollte das Wort überhaupt nicht zensiert werden; es ist doch eine vergnügliche Erfahrung. Gewalt ist ein böses Wort.»

Der Albumtitel stammt von einer norwegischen Band, die sich mit einem gleich lautenden Demo bei Simmons eigener Plattenfirma bewarb. Simmons kaufte Komponist Frank Tostrup den Song ab, der es an mehr als 100 unveröffentlichten eigenen Stücken vorbei sogar als Namensgeber auf das Album mit 13 Liedern schaffte. In der Tat ist es ein perfekter Simmons-Song zwischen obszöner Banalität, politischer Unkorrektheit und hintergründigem Witz: «Es ist vor allem nicht ernst gemeint. Ich bin für einen Körperteil, meine Zunge, bekannt; es ist jetzt an der Zeit, dass die Leute einen anderen Körperteil kennen lernen», sagt er.

Und so wird es bei der in diesem Monat angelaufenen Kiss-Tournee in Australien, Japan und den USA «Asshole-Parties» geben, zu denen Simmons nur echte Kumpels einladen will. Denn das sei die eine Bedeutung des verbotenen Wortes. «Ich werde sogar eine Karte, ein Zertifikat ausgeben, auf der steht: 'This is a real certified asshole.'» Wer sich darüber aufregt, ist halt ein Spiesser wie ansonsten im Text beschrieben. «Die einzigen Worte, die mich aufbringen, sind Gewalt und Schmerzen und andere Dinge», sagt Simmons.

Der Bösewicht-Darsteller in der Bombastrock-Gruppe, die in den USA nach seinen Angaben die meisten Alben vergoldete, ist ein gewiefter Geschäftsmann und ein eloquenter Gesprächspartner. Für die heutige Musikszene und das weit verbreitete Wehklagen in der Musikindustrie hat er nur ein müdes Lächeln übrig: «Es gibt keinen neuen Rock-Star, nicht einen! Der letzte war vermutlich Kurt Cobain. Die Leute, die heute Eintrittskarten verkaufen, sind Prince, Paul McCartney und immer noch Kiss. Man kann keinen neuen Rock-Star benennen. Im Rap ist es Eminem, sonst gibt es nichts.»

«Ein Star ist grösser als seine Musik»

Rap-Musik markiere die Scheidelinie zwischen den Generationen. Dass die Rapper so erfolgreich geworden seien, liege auch daran, dass die weissen Rockmusiker heutzutage «wie gewöhnliche Paketzusteller» aussehen. «Und als weisse Jungs aufhörten, sich zu kostümieren und wie Stars aufzuführen, sind weisse Jungs und Mädchen zum Rap gegangen. Weil diese Burschen in grossen Häusern wohnen, Mädchen mit grossen Busen und Hintern und ein paar Rolls Royce vor der Tür haben. Das sind Rock-Stars!» Es gehe halt nicht nur um Musik, sondern auch um Aussehen und Charisma. «Wenn du ein Star bist, bist du grösser als die Musik, die du machst. Madonna ist ein Star, Beyonce ist ein Star, egal, ob du ihre Musik magst oder nicht.»

Und so ist es ja bekanntlich auch mit Kiss: Selbst wenn man deren Glamrock-Orgien nicht mag, muss man ihnen doch den Star-Status zubilligen. Ein Soloalbum ist für Simmons die Gelegenheit, aus diesem sorgsam gepflegten Markenartikel namens Kiss auszubrechen und alle Musik zu spielen, die ihm gefällt: «Ich rebelliere gegen Regeln. Regeln werden gemacht, um gebrochen zu werden.»

«Sweet & Dirty Love» und Prodigys «I'm The Firestarter» lassen das Album hammerhart beginnen, dazu gibt es sanfte Pop-Perlen, in denen Simmons Stimme zeigt. Aussergewöhnlichste Werke sind das mit Bob Dylan geschriebene «Waiting For The Morning Light» und ein zum Song ausgearbeitetes Rock-Fragment von Frank Zappa, «Black Tongue». Der Titel stammte von dem verstorbenen Musiker selbst, betont Simmons.

Dylan habe er vor neun Jahren angerufen. Der nenne ihn bis heute nur «Mr. Kiss» und sei gleich am nächsten Tag vorbei gekommen. Sie hätten zusammen Gitarre gespielt, daraus sei schnell die Grundstruktur mit Akkorden, Harmonien und Melodie entstanden. Nur den Text habe Dylan absolut nicht schreiben wollen: «No, you write it, Mr. Kiss.»

Bei «Weapons Of Mass Destruction» schaut ein wenig der ehemalige Lehrer durch. Simmons, am 25. August 1949 als Sohn ungarischer Eltern in Haifa als Chaim Witz geboren, kann spannend und ausführlich über den Gott des Alten Testaments sprechen. «I give you weapons of mass destruction» sei biblisch. Er habe seinen Text vor vier oder fünf Jahren geschrieben, mit der Situation etwa in Irak habe er nichts zu tun. «Wir haben schon die Hölle auf Erden; die Menschheit macht einen guten Job. Man muss sich keine Sorgen über den Teufel machen.» Letztlich sei es aber nur ein guter Rock-Song, fast Punk, so mitten hinein ins Gesicht. «Es gibt keine Message», sagt er - und grinst. (dapd)

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