Aktualisiert 29.03.2016 13:29

ETH-Experte

«Daten sind bald so sicher wie Geld auf der Bank»

Wo überall hinterlassen wir unsere digitalen Daten, und wie schlimm ist die Sammelwut von Grosskonzernen wirklich? Ein Experte klärt auf.

von
P. Stirnemann

Egal, ob am Handy, vor dem Computer oder beim Bezahlen mit der Kreditkarte: Unternehmen wie Google, Microsoft oder auch die Swisscom sammeln fleissig unsere Daten. Welche Risiken birgt Big Data? Donald Kossmann, Experte für Computerwissenschaften an der ETH Zürich, klärt auf.

Herr Kossmann, es heisst, Daten seien das Erdöl des 21. Jahrhunderts. Grosse Konzerne häufen enorme Datenberge an. Doch wie bekommen diese Daten überhaupt ihren Wert?

Der Vergleich mit dem Erdöl passt, denn die Daten müssen auch «raffiniert» werden, da sie fehlerhaft oder unvollständig sind. Der eigentliche Wert der Daten kommt erst mit der Anwendung. Sie sind nur wertvoll, wenn sie eine wichtige Frage beantworten. Ein Eiscafé könnte beispielsweise fragen, wie viel Erdbeereis heute in Zürich verbraucht wird, um so genau die richtige Menge herzustellen. Daten aufzubewahren wird für viele Unternehmen immer interessanter. Oft wissen sie vorher gar nicht genau, welchen Wert die Daten später haben könnten. Manche Fragen stellen sich ja erst später und dann ist es meist günstiger, wenn man die Daten schon gesammelt hat.

Ist Datensammeln ein Internet-Phänomen?

Der Handel mit Daten ist nicht neu. Das ist kein Phänomen der letzten Jahre. In den USA gibt es beispielsweise schon sehr lange Firmen, die die Kreditwürdigkeit von Personen erfassen, um diese Informationen an Telefongesellschaften weiterzugeben. Relativ neu ist, dass die grossen Internetkonzerne und ihre Partner automatisiert und im grossen Stil Daten erfassen, wovon wir meist nichts oder nur wenig erfahren. Auch wissen wir nicht, an wen die Daten weitergeleitet werden.

Wie muss ein Unternehmen vorgehen, um den maximalen Wert aus den gesammelten Daten herauszuholen?

Es muss sich genau überlegen, welche Fragen es beantworten möchte und welche Daten es hierzu braucht. Es muss etwa wissen, ob es wirklich alle Daten benötigt oder ob Stichproben reichen. Den grössten Wert haben also Daten, die man für einen bestimmten Zweck gesammelt hat.

Gibt es Plattformen, auf denen Nutzerdaten gehandelt werden?

Es gibt in der Tat Plattformen im Netz, die Daten verkaufen, damit ein Werbebanner auf einer Website eher auf einen potenziellen Interessenten stösst. Wenn Sie etwa auf eine Website klicken, dann verkaufen diese Plattformen an Werbetreibende Informationen über Sie zu Hobbys, Alter oder Wohnort. Anhand dieses Profils entscheiden dann die Werbetreibenden, wie viel sie für ein Banner auf der Website bereit sind zu zahlen. Das alles passiert in Sekundenbruchteilen.

Geben die über mich gesammelten Daten tatsächlich ein akkurates Bild von mir ab?

Das kommt auf die Anwendung an. Natürlich gibt es gerade im Internet sehr viele unvollständige Datenquellen, die ein ungenaues Bild zeichnen. Präzise Daten sind teuer.

Unter welchen Umständen kann eine Daten-Fehleinschätzung zustande kommen?

Nehmen Sie mich als Beispiel: Ich nutze zu Hause denselben PC wie meine Tochter, sodass unsere Profile manchmal vermischt werden. Hierdurch erhalte ich manchmal Werbung für Kosmetika oder Filme, die nicht meinem Geschmack entsprechen. Damit kann ich aber gut leben. Anderes Beispiel: Wenn ich auf ein Foto klicke, kann es sein, dass ich mich nur für ein darauf abgebildetes Detail interessiere, oder ich habe einfach aus Versehen darauf geklickt. Das heisst, selbst wenn die Daten an sich richtig sind, ziehen die Unternehmen die falschen Schlüsse. Daten werden immer in einem Kontext erhoben und hierbei werden häufig falsche Annahmen getroffen. Wie beim ersten Beispiel, wo angenommen wird, dass ein PC immer von derselben Person genutzt wird. Daten gut zu filtern, ist eine Kunst.

Sind solche potenziellen Fehleinschätzungen die grösste Gefahr von Big Data?

Nein. Letztlich reguliert der Markt doch sehr gut. Wenn ich auf eine Website gehe und sie mich nervt, weil sie mich falsch anspricht, dann werde ich schnell zur Konkurrenz wechseln. Das Gleiche gilt für alle Dienstleistungen im Netz oder in der realen Welt, die meine Daten falsch einschätzen. Sehr viel gefährlicher wird es, wenn Justizbehörden Daten für die Strafverfolgung nutzen. Hier können fehlerhafte Daten und Informationen schlimme Folgen haben. In der Medizin, wenn es um die Zulassung von Medikamenten geht, müssen auch sehr hohe Standards an die Datenqualität gestellt werden. Entsprechend müssen in diesen Bereichen die Verwendung der Daten und die Sicherung der Datenqualität vom Gesetzgeber reguliert werden. Hierdurch wird die Beschaffung der Daten teurer, dafür ist ihr Nutzen auch höher.

Schützen die Konzerne ihre Datenberge ausreichend?

Es wird nie absolute Sicherheit geben. Je mehr Unternehmen aber die Cloud nutzen werden, desto sicherer werden unsere Daten. Die Cloud-Anbieter wie Amazon und Microsoft, aber auch die Swisscom in der Schweiz, investieren erheblich in Datensicherheit. Es gibt ja auch immer noch Banküberfälle, trotzdem ist mein Geld in der Bank sicherer als unter meinem Kopfkissen. Ich gehe davon aus, dass meine Daten in der Cloud bald ähnlich sicher sein werden wie mein Geld auf der Bank.

Welches sind die positiven Aspekte von Big Data?

Big Data gründet auf Entscheidungen, die wir anhand von Erfahrungen fällen. Mit den neuen Big-Data-Technologien automatisieren wir Entscheidungen, greifen auf viel grössere Erfahrungsschätze zu und können so viel präziser Diagnosen erstellen. Ich gehe davon aus, dass die spektakulärsten Fortschritte durch Big-Data-Technologien in der Medizin, beispielsweise beim Koordinieren von Patientendaten, erreicht werden.

Wie verändert Big Data unsere Welt?

Ich denke, die wahre Big-Data-Revolution geht still und schleichend voran. Mein elektronischer Kalender wird mir noch exakter sagen können, wann ich zu meinem nächsten Termin am anderen Ende der Stadt losfahren muss, um nicht zu spät, aber auch nicht allzu früh zu kommen. Viele dieser Verbesserungen werden wir kaum bemerken. Durch neue Technologien wird das Eiscafé noch genauer abschätzen können, wie viel Erdbeereis es bereitstellen muss.

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