Aktualisiert 31.12.2012 11:50

Pannen und Geldmangel

Dauerkrise in der russischen Raumfahrt

Einst war das Raumprogramm der Stolz Russlands. Doch Unterfinanzierung und Fehlstarts kratzen am Image. Obwohl Besserung auf sich warten lässt, träumt man von bemannten Marsflügen.

von
G. Kowalski, dapd
Die bemannte Raumfahrt Russlands ist bisher von Havarien verschont geblieben. Erst am 19. Dezember brachte Sojus TMA-07M (im Bild) den US-Astronauten Thomas Marshburn, seinen kanadischen Kollegen Chris Hadfield und den Kosmonauten Roman Romanenko sicher zur ISS.

Die bemannte Raumfahrt Russlands ist bisher von Havarien verschont geblieben. Erst am 19. Dezember brachte Sojus TMA-07M (im Bild) den US-Astronauten Thomas Marshburn, seinen kanadischen Kollegen Chris Hadfield und den Kosmonauten Roman Romanenko sicher zur ISS.

Russlands Raumfahrt nimmt ihre Krise mit ins neue Jahr. Eigentlich sollte 2012 die neue Strategie für die Zeit bis 2030 und darüber hinaus verabschiedet und in Angriff genommen werden. Doch dann machten die anhaltenden Qualitätsprobleme nach fünf kapitalen Havarien 2011 der Branche einen dicken Strich durch die Rechnung. Mehrere «Bris»- und «Fregat»-Oberstufen der «Proton»- und «Sojus»-Raketen versagten oder mussten nach nicht bestandenen Tests ins Werk zurückgeschickt werden.

Das Ergebnis: zwei Fehlstarts, bei denen zwei Satelliten verloren gingen. Dass der russische Kommunikationssatellit «Jamal-402» Mitte Dezember trotz eines Defekts an der «Bris-M»-Oberstufe doch noch seinen Zielorbit erreicht hat, ist nur den Experten des französischen Herstellers Thales Alenia Space zu verdanken. Deren Rettungsaktion kostete allerdings viel Treibstoff, so dass der Satellit nicht wie geplant 15 Jahre funktionieren kann. Zudem mussten zwei Starts ins nächste Jahr verschoben werden, weil die Ursachen der Havarien noch nicht genau geklärt sind.

Medwedjew sieht Ruf seines Landes gefährdet

Obwohl 2012 den beiden Fehlstarts 24 gelungene Missionen gegenüberstehen - 2011 war das Verhältnis noch 5:27 -, sieht Premierminister Dmitri Medwedjew den guten Ruf seines Landes als Weltraumgrossmacht akut gefährdet. Er fordert deshalb die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der einstigen Vorzeigebranche durch die Optimierung ihrer Organisationsstruktur und die Verbesserung der Qualität der Produktion. Die Vorschläge einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe dazu hat er aber Ende November als unzureichend zurückgewiesen. Nun soll das Konzept in den nächsten Monaten überarbeitet werden. Im Gespräch ist dabei auch die Übernahme des deutschen Qualitätsmanagements.

«Durchbruch» erst für 2030 erwartet

Der Entwurf der neuen Raumfahrtstrategie schmort indes bei der zuständigen militärisch-industriellen Kommission und bei der Regierung. Er sieht vor, ab 2015 erst einmal die vorhandenen Möglichkeiten der an Unterfinanzierung, akutem Fachkräftemangel und veralteter Technik leidenden Branche zu reaktivieren, deren Auslastung unter 50 Prozent liegt. Ab 2020 soll dieses Potenzial konsolidiert werden, um dann ab 2030 zu einem «Durchbruch» zu kommen. Dieser sei durch die Verwirklichung von «Grossprojekten im erdnahen Weltraum und auf dem Mond sowie die Schaffung von Voraussetzungen für einen bemannten Marsflug» gekennzeichnet, heisst es in dem Papier der Raumfahrtagentur Roskosmos.

Mondschein über Kanada und Nordamerika

Deren Chef Wladimir Popowkin stösst indes mit seinem Wunsch auf Granit, seine Mitarbeiterzahl auf rund 400 zu verdoppeln, um den kommenden Aufgaben überhaupt gerecht werden zu können. Ob er allen Ernstes glaube, dass so die Qualität in den Betrieben verbessert werden könne, fragte ihn Präsident Wladimir Putin jüngst spöttisch.

Trotz aller Probleme hofft Russland, 2013 etwa 30 Starts durchführen zu können. So viele waren eigentlich auch für 2012 geplant. Doch die Krise, die ausgerechnet 2011 zum 50. Gagarin-Jubiläum offen ausbrach, hat das verhindert.

Höherer Marktanteil angestrebt

Der Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos Wladimir Popowkin geht davon aus, dass Russland seinen Anteil am Weltmarkt für Weltraumtechnologie deutlich steigern kann. «Wir erwarten, dass Russlands Marktanteil von heute 10 auf 16 Prozent wachsen wird», erklärte er, als er am Donnerstag der Regierung den Plan für die Entwicklung der Raumfahrtindustrie vorstellte.

Auf die Frage von Regierungschef Dmitri Medwedew, wie hoch der Marktanteil der USA sei, antwortete Popowkin gemäss Nachrichtenagentur ITAR-TASS, die Vereinigten Staaten hätten zurzeit rund 60 Prozent, Produktion und Dienstleistungen miteingerechnet, um gleich darauf anzufügen, dass die USA auch etwa 70 Prozent des TV- und Radiomarktes kontrollierten.

Im Bild: Popowkin verabschiedet am 19. Dezember die Raumfahrer Marshburn, Hadfield und Romanenko vor ihrem Flug zur ISS (v.r.). (Reuters)

Drei Mal Neujahr

Die Besatzung der Internationalen Weltraumstation ISS wird gleich mehrmals die Gelegenheit nutzen, auf das neue Jahr anzustossen, wie die Nachrichtenagentur dpa schreibt. Einmal, wenn im Hauptquartier von Roskosmos in Moskau Mitternacht ist, einmal wenn das Jahr auf dem Nullmeridian in Greenwich bei London wechselt und schliesslich zum Jahreswechsel im Johnson Space Center in Houston, Texas.

Dabei schöpfen die Raumfahrer gar nicht alle Möglichkeiten auf, denn die ISS wird in der Silvesternacht insgesamt 15 Mal die Datumsgrenze überqueren. Und trotz dreimaligem Anstossen riskieren die drei Russen, zwei Amerikaner und ein Kanadier keinen Schwips – Alkohol ist auf der ISS nämlich tabu.

Im Bild: die derzeitige Crew der ISS (Expedition 34). (Bild: NasaTV)

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