Aktualisiert 27.03.2013 09:59

Sozialstaat bröckelt

Dauerkrise treibt Südeuropäer in den Suizid

Seit 2008 befinden sich mehrere EU-Länder im finanziellen Jammertal. Das Aushöhlen des Sozialstaats lässt die Selbstmordrate ansteigen – und längst ausgemerzte Krankheiten geben ihr Comeback.

von
hhs
Der Suizid des 77-jährigen Rentners Dimitris Christoulas erschütterte im letzten April viele Griechen. Der frühere Apotheker hatte in seinem Abschiedsbrief geschrieben, die Krise habe ihn zerstört - kein Einzelfall in den südeuropäischen Staaten, wie eine neue Studie zeigt.

Der Suizid des 77-jährigen Rentners Dimitris Christoulas erschütterte im letzten April viele Griechen. Der frühere Apotheker hatte in seinem Abschiedsbrief geschrieben, die Krise habe ihn zerstört - kein Einzelfall in den südeuropäischen Staaten, wie eine neue Studie zeigt.

Die Finanzkrise, hohe Staatsschulden und die harten Sparmassnahmen in Europa gehen ans Eingemachte: Sie lassen die Zahl der Selbstmorde steigen. Zudem kehren Krankheiten zurück, die als verdrängt galten. «Sparmassnahmen haben die wirtschaftlichen Probleme nicht gelöst und sie haben grosse Gesundheitsprobleme entstehen lassen», erklärt Martin McKee, Professor für Europäische Öffentliche Gesundheit an der Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin. Für die Fachzeitung «Lancet» bilanzierte McKee jüngste Studien zu dem Thema.

Die sich verschlechternde Gesundheit in der Bevölkerung sei nicht nur auf steigende Arbeitslosigkeit zurückzuführen, sondern auch auf das grobmaschiger werdende soziale Netz in den am härtesten betroffenen EU-Staaten wie Griechenland, Portugal und Spanien. «Menschen müssen die Hoffnung haben, dass die Regierung ihnen durch diese schwierige Zeit hilft», sagte McKee.

Malaria und Dengue-Fieber sind wieder da

In Griechenland habe die Zahl der Selbstmorde 2011 gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent zugenommen. Im vergangenen Jahr habe es zudem eine exponentielle Zunahme von HIV-Erkrankungen gegeben – unter anderem, weil Drogensüchtige nach der Streichung von Hilfsprogrammen wieder häufiger kontaminierte Spritzen untereinander teilen.

Zudem habe es in Griechenland 2011 Ausbrüche von Malaria, Dengue-Fieber und dem West-Nil-Fieber gegeben. «Das sind Krankheiten, die man normalerweise nicht mehr in Europa sieht», sagt der Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen, Willem de Jonge. «Es gibt einen starken Willen seitens der Regierung, die Gesundheitsprobleme anzugehen, aber da ist das Problem fehlender Mittel», fügte er hinzu.

Den Isländern gehts besser

Ein Sprecher des Europäischen Büros der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Hans Kluge, rät von radikalen Gesundheitsreformen in einer Wirtschaftskrise ab. «In jedem Gesundheitssystem kann man Fett wegschneiden», sagte er. So könnten verstärkt generische, also billigere Medikamente eingesetzt werden und nicht notwendige Krankenhausbetten gestrichen werden.

McKee und seine Forscherkollegen stellten aber auch fest, dass nicht alle hoch verschuldeten Länder in eine Krise ihres Gesundheitssystems schlitterten. In Island sei die Zahl der Selbstmorde nicht gestiegen und die Gesundheit der Bevölkerung habe sich sogar verbessert – was auch eine Folge des Rückzugs globaler Fast-Food-Ketten von der Insel wegen gestiegener Lebensmittelkosten sein könnte.

Weniger Unfalltote – weniger Organspenden

Zudem registrierten die Forscher einen Rückgang von Verkehrsunfällen in Ländern mit harten Sparprogrammen – viele Autofahrer nutzen dort vermehrt den öffentlichen Verkehr. Aber auch das hat Folgen: Insbesondere in Spanien und Irland gibt es seitdem einen Mangel an Organspenden. (hhs/sda)

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