«Blackstar»: David Bowies letztes Album ist ein Meisterwerk
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«Blackstar»David Bowies letztes Album ist ein Meisterwerk

Nur zwei Tage vor seinem Tod ist David Bowies letztes Album erschienen. Der Kultsänger muss während der Aufnahmen bereits gewusst haben, dass er sterben würde.

von
Neil Werndli

«Schau nach oben – ich bin im Himmel», singt David Bowie in «Lazarus», der letzten Single, die die britische Musikikone veröffentlicht hat. Wenige Tage nach dem Release erlag Bowie seinem Krebsleiden.

Er hatte es ja gewusst. Die Diagnose erhielt Bowie bereits vor 18 Monaten. Man darf also davon ausgehen, dass der «Space Oddity»-Sänger während der Produktion seines letzten Albums mit seinem nahenden Ende rechnete. Genau deshalb ist «Blackstar» so eindrücklich: Es ist das Werk eines Mannes, der ahnt, dass er nicht mehr lange leben wird.

«Sein Abschiedsgeschenk»

Tony Visconti, der «Blackstar» produziert hat, wusste ebenfalls bereits während der Aufnahmen von Bowies Krebs. «Sein Tod war genau wie sein Leben: ein Kunstwerk», schreibt er auf Facebook. Er bezeichnet «Blackstar» als Bowies Abschiedsgeschenk. Die Session startete bereits kurz nach dem Release von «The Next Day», Bowies Comeback-Album aus dem Jahr 2013.

Der Brite war schon immer ein Meister des Wandels und dementsprechend lässt sich sein neues Werk nur schwer in die 25 Alben starke Discographie einordnen. Bereits im Titelsong fällt jedoch auf: Bowie widmet sich noch einmal ganz seiner ersten grossen Liebe – dem Saxophon. Im zehn Minuten langen Epos voller Sci-Fi-Melancholie, vertrackter Beats und träumerischer Hallfahnen sind die Blechbläser das Einzige, woran man sich festhalten kann. Von der ersten Sekunde an schwebt Bowie schon wieder meilenweit über unseren Köpfen.

Noch weiter weg vom Pop

Aufgenommen haben Bowie und Visconti «Blackstar» erneut mit einer Jazzband. Und wenn die Bläser sich in «'Tis a Pity She Was a Whore» in schwindelerregende Höhen schaukeln, wird schnell klar, dass sich Bowie hier so weit aus dem Fenster lehnt wie lange nicht mehr. War er früher noch bekannt dafür, Popappeal mit komplexen Arrangements zu kombinieren, pfeift er nun gepflegt auf Massentauglichkeit. Alles andere wäre seinem Status auch gar nicht angemessen – Bowie nutzt seine kreative Carte Blanche ein letztes Mal voll aus.

Während der Session liess sich Bowie laut Produzent Visconti unter anderem von jazzlastigem Hip-Hop wie Kendrick Lamars «To Pimp a Butterfly» inspirieren. James Murphy, das Genie hinter LCD Soundsystem, hat zudem Beats zu «Sue (or in a Season of Crime)» und «Girl Loves Me» beigesteuert.

Diese Entscheidung zeigt Bowies Experimentierfreudigkeit: Statt sich in der eigenen Vergangenheit zu suhlen – wie es viele Musiker in seinem Alter tun –, hatte Bowie den Zeitgeist immer im Blickfeld und keine Berührungsängste mit neueren Ideen und Ansätzen. Auf den bedrohlich schleppenden Beat von «Girl Loves Me» wären wohl viele Nachwuchsproduzenten neidisch. Dass eine 69-jährige Stimme noch solche Jauchzer hinkriegt, ist ebenso bewundernswert.

«Alles, was ich sagen wollte»

Nach knapp 35 Minuten folgt mit «I Can't Give Everything Away» dann bereits der letzte Song. Trotz seliger Synthieflächen und beschwingter Mundharmonika kommt Wehmut auf beim Gedanken, dass dies nun also der offizielle Abschied von Bowie ist.

«Das ist alles, was ich sagen wollte – das ist die Botschaft, die ich senden wollte», singt Bowie und klingt dabei ganz zufrieden. Im Hintergrund schlägt das Saxophon einige letzte Kapriolen, ein letztes Gitarrensolo, eine Synthiefläche, die noch kurz stehen bleibt, Fade Out. «Blackstar» ist ein brillanter Abschied von

einem der grössten Künstler der Popgeschichte – ein Happy End.

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