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Untergang der «Titanic»«...dazu die Nacht und die Einsamkeit des Meeres!»

Es dauerte eine Weile, bis die Schweiz das Ausmass der «Titanic»-Katastrophe erkannte. Die Berichterstattung in den Zeitungen schwankte zwischen nüchternem Telegrammstil und triefendem Pathos.

von
S. Hehli
So stellte sich der «Tages-Anzeiger» den Eisberg vor, welcher der «Titanic» zum Verhängnis wurde.

So stellte sich der «Tages-Anzeiger» den Eisberg vor, welcher der «Titanic» zum Verhängnis wurde.

Grosse Wellen warf die «Titanic» in der Schweizer Presse nicht, als sie am 10. April von Southampton aus zu ihrer Jungfernfahrt in See stach. Erstens war sie ja «nur» die etwas grössere Version ihres älteren Schwesterschiffs, der «Olympic». Und zweitens reisten die zahlreichen Schweizer Auswanderer in die USA selten über Southampton und den französischen Hafen Cherbourg, wo die «Titanic» ebenfalls Halt machte. Sie bevorzugten die Einschiffung in Le Havre.

Doch das Interesse für den grössten Dampfer der Welt stieg nach seiner schicksalhaften Kollision mit dem Eisberg schlagartig. Die «Neue Zürcher Zeitung» erschien damals in täglich mehreren Ausgaben. Am Abend des 15. Aprils – also wenige Stunden nach dem Untergang der Titanic um 6.20 Schweizer Zeit – druckte sie die erste Meldung ab: Der Dampfer sei auf eine Eisbank aufgelaufen und gesunken. Die Virginia habe die Frauen retten können. Kündigte sich in dieser Nachricht bereits die grosse Tragik des Unglücks an, durften die Leser am nächsten Tag vorerst aufatmen. Die NZZ gab die Falschmeldung der «Titanic»-Besitzerin White Star Line (WSL) wider, dass alle Passagiere gerettet seien – und verkündete auch, die «Titanic» schippere langsam auf Halifax zu.

«Rekordjagd» als Ursache

Am Morgen des 16. April druckten sowohl die NZZ als auch der «Tages-Anzeiger» die widersprüchlichen Agenturmeldungen aus England und den USA ab. Unter dem Titel «Ein Grosses Schiffsunglück» schrieb der «Tages-Anzeiger» erstmals vom Sinken der «Titanic» – und erwähnte bereits die Namen von Schweizer Passagieren. Die Zahl der Opfer blieb jedoch unklar. Erst im Laufe des Tages kristallisierte sich dann das ganze Ausmass der Katastrophe heraus – und die NZZ schrieb in ihrer Abendausgabe zu Lage in New York: «Als sich genauere Nachrichten über die Katastrophe verbreiteten, herrschte grosse Bestürzung.»

Die NZZ kritisierte die WSL dafür, dass sie durch ihre «Rekordjagd» nach der schnellsten Atlantiküberquerung das Unglück verschuldet habe – ein immer wieder auftauchender Vorwurf, der sich im Nachhinein als falsch herausstellte. Das Zürcher Traditionsblatt schrieb in seiner Morgenausgabe vom 17. April, dass neben der «Carpathia» vielleicht noch andere Schiffe Überlebende geborgen hätten. Doch auch diese Hoffnung sollte sich bald zerschlagen.

Am selben Tag begann auch bereits die Diskussion darüber, wie solche Katastrophen in Zukunft vermieden werden könnten. Die NZZ forderte in Übereinstimmung mit internationalen Medien mehr Rettungsboote und eine bessere Koordination des Funkverkehrs. Der Londoner Korrespondent des «Tages-Anzeigers» berichtete vom eher kruden Vorschlag, Schlachtschiffe Eisberge versenken zu lassen. «Aber was vermögen sie gegen solche umfangreiche, schwere Waffen (gemeint: die Eisberge), die dazu noch so massenweise auftreten?», zeigte er sich skeptisch.

Was dachten wohl die Totgeweihten?

Während in den folgenden Tagen der «Tages-Anzeiger» die «Titanic» immer wieder auf die Titelseite hievte und auch Zeichnungen des Schiffs und der Opfer abdruckte, packte die NZZ ihre umfangreiche Berichterstattung vorwiegend in die hinteren Seiten. Erst am Abend des 17. April wechselte die NZZ vom nüchternen Telegrammstil zu einer emotionaleren Berichterstattung. «Welche herzzerreissende Szenen im Angesicht eines sicheren Todes müssen die Katastrophe begleitet haben, dazu die Nacht und die Einsamkeit des Meeres!» Mit dem Schreibenden ging auch die Fantasie durch: Was hätten die Menschen empfinden müssen, als die Offiziere eine zweitausendköpfige Menge in ein Drittel Gerettete und zwei Drittel dem Tode Geweihte schieden?, fragte er dramatisch. Das suggerierte eine Selektion zu einem bestimmten Zeitpunkt, die so nicht stattgefunden hat.

Wilde Spekulationen schossen auch zum Unfallhergang ins Kraut. «Der Dampfer wurde vom ersten Anprall fast entzweigespalten, die Verdecke wurden aufgerissen und zerfetzt, ebenso die Seiten», zitierten sowohl «Tages-Anzeiger» als auch NZZ einen Artikel des «New York Herald». Es war offenbar schwer vorstellbar, dass – wie sich später herausstellen sollte – ein paar relativ kleine Schrammen durch den Eisberg dem Hightech-Schiff zum Verhängnis geworden waren.

Fluch und Segen der Technik

Am 18. April druckte die NZZ eine Analyse auf der Titelseite – fast entschuldigend, dass «der Gedanke an das entsetzliche Schiffsunglück in den nordamerikanischen Gewässern» immer noch alles Interesse an der Politik fernhalte. Der Autor sah die Welt durch die Katastrophe in längst überwunden geglaubte Zustände zurückversetzt. «Seitdem die moderne Technik sich des Schiffsbaus angenommen, meinte man die Gefahren des Ozeans beschworen zu haben.» Doch alle raffinierten Sicherheitsvorkehrungen der «Titanic» nutzten nichts gegen den Eisberg. Die Technik trage durch ihre Selbstüberschätzung einen Teil der Schuld an der Katastrophe, räumte der Verfasser des Textes ein: «Weil sie sich für unüberwindlich hielt, versuchte sie sich an dem unmöglichen.» Er mochte die moderne Technik dennoch nicht schmähen. Schliesslich habe die drahtlose Telegrafie verhindert, dass das Unglück «noch schauerlichere Formen» angenommen hat.

Am 18. April traf die «Carpathia» mit den rund 700 Überlebenden in New York ein. Damit wurden endlich Zeugenberichte verfügbar. Am 20. April schilderte Max Stähelin, Direktor der Schweizerischen Treuhandgesellschaft, in einem Kabeltelegramm seine Erlebnisse. Er war gerade in seine Kabine gekommen, als er ein «zehn Sekunden währendes dumpfes Rollen» wahrnahm, das mit einem leichten Stoss eingesetzt hatte. Zusammen mit einem anderen Schweizer 1.-Klass-Passagier, Alfons Simonius-Blumer, konnte er sich einen Platz in einem Rettungsboot ergattern – zu einem Zeitpunkt, als «noch kein Mensch» an einen Untergang der «Titanic» dachte.

News über tote Schweizer

Andere Landsleute hatten weniger Glück, wie die Zürcher Blätter in den folgenden Tagen berichteten. Von den 27 Schweizern, die an Bord waren, ertranken mehr als die Hälfte. Der «Tages-Anzeiger» meldete unter der Überschrift «Das Schicksal eines Bürgers von Uster» den Tod von Albert Wirz. Der 27-jährige hatte sich als Dienstknecht das Geld für die Überfahrt zusammengespart. Doch nun beweinten die Eltern den «Verlust eines lieben, wackern Sohnes».

Wie in einem griechischen Drama brauchte es auch bei der «Titanic»-Katastrophe Bösewichte und Helden. Beide Zeitungen wiesen die Rolle des Hauptschurken in Übereinstimmung mit der internationalen Presse Bruce Ismay zu, dem Direktor der White Star Line. Er habe die «Titanic» mit seiner Rekordsucht ins Verderben getrieben – und sich dann feige auf ein Rettungsboot geflüchtet. Ganz im Gegensatz zu Kapitän Edward Smith, der standesgemäss mit seinem Schiff unterging. Der «Tages-Anzeiger» berichtete bewundernd von Ida Straus, die wieder aus dem Rettungsboot ausstieg, weil sie ihren Mann nicht alleine zurücklassen wollte – angeblich mit den Worten: «Mein Freund, wir leben jahrelang zusammen und wir wollen uns auch jetzt nicht trennen». Die rührend-romantische Geschichte des Paars tauchte später in den meisten «Titanic»-Filmen auf.

Für die «Schweizer Illustrierte» war Zeitgeist schuld

Als sich die Tageszeitungen Ende April der Aufarbeitung der Katastrophe durch die US-Senatskommission zuwandten, thematisierte auch die 1911 gegründete «Schweizer Illustrierte Zeitung» (heute «Schweizer Illustrierte») den Untergang. Die Zeitschrift tat sich dabei mit einer Mischung aus Pathos, Kulturpessimismus und Skurrilitäten hervor. Die «Titanic» sei nun «zerschellt und geborsten, in dunkler tiefer Nacht auf dem Grunde des Meeres, mit all seiner Pracht, mit all seiner Herrlichkeit, mit all seiner titanenhaften Grösse – aber auch – mit über 1500 gebrochenen Herzen».

Die Antwort auf die Frage, wie es so weit kommen konnte, sei eine furchtbare: «Sie liegt im Zeitgeist!» Die Errungenschaften in der Technik seien so gross, dass man «blind – ach – nur zu blind» darauf vertraue. Dieses Schiff könne nicht untergehen, so habe es geheissen – und aufgrund dieses Sicherheitsgefühls seien auf sträfliche Weise Vorsichtsmassregeln unterlassen worden. Um 20, 30 Minuten früher in New York zu sein, sei die «Titanic» mit Vollgas durch das Eisfeld gefahren. «Wettkampf ist das heutige Losungswort. (…) Das ist moderne Kultur.»

Kleine Schiffe sinken weniger tief…

Bei der Schilderung des Unglücks dichtete sich die «Schweizer Illustrierte Zeitung» einen kuriosen Ablauf zusammen. Bei der Kollision mit dem Eisberg sei das ganze Vorderteil des Schiffes zu einer unerkennbaren Stahlmasse zerquetscht worden. «Dem Umstande aber, dass der Eisberg selbst die entstandenen Lücken mit seinem Eisleibe so zu sagen verschloss, verdanken die Passagiere die nicht sofortige Versinkung.» Erst als das Eis dann schmolz, soll das Wasser eingedrungen sein und das Schiff nach unten gezogen haben.

Herzlich wenig Rücksicht auf die Gesetze der Physik nahm die Zeitschrift, als es darum ging, Verbesserungsvorschläge für die Atlantik-Schifffahrt zu machen. Sie schrieb gegen den Trend zu immer grösseren Dampfern an – denn kleinere Schiffe hätten neben dem Vorteil kleinerer Verluste noch einen weiteren: «dass sie nicht so tief versinken, von Tauchern somit noch erreichbar sind, wodurch jeweilen doch die Post und spezielle grosse Werte noch gehoben werden können». Fast so skurril erscheint heute der Vorschlag der «Schweizer Illustrierten Zeitung», vor jedem Eisberg ein Leuchtturm-Schiff zu platzieren. Stattdessen wurde im Jahr 1914 als Reaktion auf die «Titanic»-Katastrophe die «International Ice Patrol» gegründet. Sie erstellt bis heute aktuelle Berichte über die Eisberglage im Nordwestatlantik.

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