«Time-out»: Defensiv zum Triumph, eintönig ins Abseits
Aktualisiert

«Time-out»Defensiv zum Triumph, eintönig ins Abseits

Antti Törmänen steht mit dem SC Bern vor dem Titelgewinn. Danach könnte für ihn aber bald Schluss sein, denn seine unattraktive Spielweise kann SCB-Boss Marc Lüthi nicht behagen.

von
Klaus Zaugg
Etienne Froidevaux und seinem SC Bern ist der Titel kaum noch zu nehmen.

Etienne Froidevaux und seinem SC Bern ist der Titel kaum noch zu nehmen.

Eishockey steht für Bewegung, schnelles Hin und Her, Tempo, Spektakel und viele, viele Torszenen. Dass Eishockey stillstehen könnte, ist so unvorstellbar, wie ein Stillstand der Sonne am Himmel.

Aber wir wissen aus der Geschichte, dass die Sonne schon einmal fast den ganzen Tag am Himmel stehen geblieben ist. Das war lange bevor das Eishockey erfunden wurde. General Josua, der für Israel das Heilige Land eroberte, gebot vor seinen Truppen in einem Ausbruch übermenschlichen Glaubens: «Sonne, steh still zu Gibeo!» Und siehe da, während Josua und seine Krieger in wilder Verfolgung gegen ihre Feinde weiterkämpften, hielt die Sonne in ihrer Himmelsposition über dem Schlachtfeld inne. Es heisst, dass sie sich nicht bewegte, «bis Israel sich an seinen Feinden gerächt hatte».

Wenn wir Antti Törmänens Taktik in diesem Finale anschaulich erklären wollen, dann hilft der alttestamentliche Vergleich mit Josua. So wie dieser General die Sonne am Himmel anzuhalten vermochte, so hat der SCB-Trainer das ZSC-Offensivspiel angehalten. Und dieses Spiel wird sich nicht mehr bewegen, bis der SCB zum vierten Mal über seinen Gegner triumphiert und den Titel erobert hat.

Die Tracht Prügel zeigte Wirkung

Diese SCB-Abwehr ist aus der Bewegung heraus nicht mehr zu überwinden. Sie muss sozusagen Stück für Stück abgetragen werden. Die Voraussetzungen dafür sind Selbstvertrauen, Disziplin, Wucht, Kraft, Wasserverdrängung und eine Portion Bösartigkeit. In der zweiten Partie funktionierte es: Die «big, bad Lions» arbeiteten die Berner vom Eis und siegten 2:1. Der kritische Punkt in dieser Serie war gekommen.

Erstmals waren die Zürcher böser und härter – und SCB-General Antti Törmänen reagierte mit alttestamentlichen Methoden: Er liess Härte mit noch mehr Härte und Prügel vergelten. Die Tracht Prügel, die die Zürcher zum Schluss des dritten Spiels in Bern kassiert haben, zeigte in der vierten Partie am Montag Wirkung: Sie wirkten mutlos, sie schienen nicht mehr daran zu glauben, diesen Gegner überwinden zu können und spielten so, als müssten sie bergauf gegen das SCB-Tor anstürmen. Zum ersten Mal in diesem Finale hatte der SCB vom ersten Bully bis zur Schluss-Sirene die Lufthoheit in den Zweikämpfen. Die Investition ins Böse hat sich für den SCB gelohnt. Johann Morant ist zwar für seine Prügelattacke für mindestens zwei Spiele gesperrt worden, aber die Berner brauchen ihn nicht mehr.

Antti Törmänen ist nun drauf und dran, den Titel mit der defensiv besten Meistermannschaft seit Einführung der Playoffs zu gewinnen. Nie zuvor hat ein Coach im Finale ein so extremes 1-1-3-Defensivsystem spielen lassen. Stark vereinfacht gesagt: Die zwei forecheckenden Stürmer lenken die gegnerischen Angriffe auf die Aussenbahnen und sorgen dafür, dass es keinen gegnerischen Aufbau durch die Mitte gibt. Der dritte Stürmer riegelt zusammen mit beiden Verteidigern die blaue Linie ab – die Angreifer an der Bande bleiben hängen. Jeder SCB-Spieler ist jetzt in erster Linie auch ein defensiver Maschinist.

Lottergoalie Lukas Flüeler

Das perfekte SCB-Defensivspiel führte am Montag zur absurden Situation, dass ein Torhüter, der beim Stande von 0:0 einen Penalty gehalten und 22 von 23

Schüssen abgewehrt hat, als Lottergoalie bezeichnet wird: Für die 0:2-Niederlage gibt es, wie beim 0:3 am Samstag in Bern, nämlich wiederum eine polemische Kurzanalyse in drei Worten: Lottergoalie Lukas Flüeler. Das 0:1, das bereits entscheidend sein sollte, hätte er verhindern müssen. Ivo Rüthemann erwischte ihn in der kurzen, nicht gedeckten Ecke. Am 0:2 ist er schuldlos – da war er durch einen sechsten Feldspieler ersetzt worden.

Wie schon am Samstag beim 0:3, erholten sich die ZSC Lions vom haltbaren ersten Gegentreffer nicht mehr. Im defensivsten Playoff-Finale der Geschichte gewinnt die Mannschaft mit dem Torhüter, der weniger Fehler macht. SCB-Goalie Marco Bührer machte am Montag keinen Fehler. Lukas Flüeler machte zwar nur einen Fehler, aber das war bereits ein Fehler zu viel.

Und warum gibt es vor dem grossen Triumph bei Antti Törmänen einen Grund zur Polemik?

Beginn der Polemik: Er ist nur SCB-Bandengeneral geworden, weil der grosse SCB-Vorsitzende Marc Lüthi am 21. Oktober Cheftrainer Larry Huras gefeuert hat. Und warum ist der Kanadier gefeuert worden? Richtig: Wegen zu defensiver, zu wenig attraktiver Spielweise. Erstmals hat ein Trainer seinen Job nicht wegen fehlendem Erfolg verloren, sondern wegen ungenügenden spielerischen Stilnoten.

SCB-Fans wollen Offensivspektakel

Wenn Antti Törmänen im nächsten Herbst in der Qualifikation ein ähnliches Eishockey spielen lässt wie jetzt im Finale, dann werden die Zuschauer nicht mehr zufrieden sein. In einem Playoff-Finale lebt der Fan vom Brot des Erfolges alleine. Aber im Alltag der Qualifikation zwischen September und Februar braucht er auch ein paar Zutaten des Spektakels.

Frage deshalb an Marc Lüthi: «Feuern Sie Antti Törmänen, wenn die Zuschauerzahlen im nächsten Herbst wegen unattraktiver Spielweise rückläufig sein sollten?» Auf diese Frage reagiert er mit einer Mischung aus Verwirrung, Staunen, Unmut und seine Replik lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Es habe ihm wohl noch nie jemand eine so dumme Frage zu einem so unpassenden Zeitpunkt gestellt.

Nun gut, der Zeitpunkt ist etwas unpassend. Nichts für ungut. Aber so ab Mitte Oktober 2012 wird der passende Zeitpunkt für die gleiche Frage gekommen sein. Ende der Polemik.

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