US-Wirtschaft: Dem Land geht es besser - vielen Menschen nicht
Aktualisiert

US-WirtschaftDem Land geht es besser - vielen Menschen nicht

Trotz Mohammed-Protesten: Das Hauptthema im US-Wahlkampf bleibt die Frage: Geht es Amerika besser als vor vier Jahren? Eine einfache Antwort gibt es nicht.

von
Peter Blunschi
New York
Der republikanische Vizepräsidentschafts-Kandidat Paul Ryan bei einem Wahlkampfauftritt in Iowa.

Der republikanische Vizepräsidentschafts-Kandidat Paul Ryan bei einem Wahlkampfauftritt in Iowa.

Eine Legende der amerikanischen Politik besagt, dass Ronald Reagan den Wahlkampf 1980 mit einem Satz für sich entschieden hat: «Geht es euch heute besser als vor vier Jahren?», fragte er seine Landsleute am Schluss der zweiten Fernsehdebatte mit Präsident Jimmy Carter. Die US-Wirtschaft litt damals unter hoher Arbeitslosigkeit und Inflation sowie einer Energiekrise. Trotzdem lag Carter vor der Debatte in den Umfragen vor dem als Reaktionär verschrienen Ex-Schauspieler – am Ende verlor er gegen Reagan haushoch.

Von einer Wiederholung dieses Husarenstreichs träumt Mitt Romney, der diesjährige Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Die Voraussetzungen scheinen günstig. Die US-Wirtschaft ist erneut angeschlagen, die Arbeitslosenquote ist mit derzeit 8,1 Prozent höher als damals unter Jimmy Carter. Entsprechend unter Druck befindet sich Präsident Barack Obama. Romney und sein Vize-Kandidat Paul Ryan haben deshalb Reagans damalige Frage reaktiviert und ziehen mit dem verkürzten Slogan «Are you better off?» (Geht es euch besser?) durch die Lande. Ihre Antwort: Ganz klar nein.

Positiver Trend für Gesamtwirtschaft

Die Demokraten kontern vehement: Jawohl, dem Land geht es besser. Zum Beleg hat das Finanzministerium im Februar eine Reihe von Charts veröffentlicht: Die Privatwirtschaft hat seit Anfang 2010 insgesamt 3,7 Millionen Arbeitsplätze geschaffen, während die Zahl der Jobs stabil blieb. Seit dem dritten Quartal 2009 weist die US-Wirtschaft stets ein Wachstum aus, Unternehmensgewinne und Investitionen haben zugelegt. Der Wirtschaft gehe es «laufend besser», so das Ministerium.

Die meisten Ökonomen stimmen zu: Den USA geht es heute besser als vor vier Jahren, als das Land als Folge der Finanzkrise in die Grosse Rezession gestürzt war. Heute ist Amerika aus dem Gröbsten raus – aber viele Amerikaner merken davon wenig bis gar nichts. Das räumt sogar das Finanzministerium ein: Haushalte und Familien seien «immer noch mit grossen Herausforderungen» konfrontiert. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, das Wachstum schwach, der zusammengebrochene Immobilienmarkt erholt sich nur langsam.

Verlorenes Jahrzehnt

Die Folgen spürt man etwa im «Historic Virginian Hotel» in Medicine Bow, einem öden Kaff in der Prärie von Wyoming. Hier spielte der Roman «The Virginian» von Owen Wister, ein Schlüsselwerk für die Entstehung des Western-Mythos. Im Hotel kann man übernachten wie zu Wildwest-Zeiten. Doch es sind nicht viele Touristen, die den Weg dorthin finden. Nur während der Jagdsaison sei noch viel los, erzählt die Besitzerin, und früher hätten die Gäste auch noch kräftig im hauseigenen Saloon konsumiert. In den letzten Jahren habe sich dies geändert, heute würden sie teilweise sogar ihr eigenes Essen mitbringen. «Die Leute haben einfach nicht mehr so viel Geld wie früher», meint die Hotelbesitzerin leicht resigniert.

Diese Beobachtung lässt sich statistisch belegen. Seit 2000 ist das mittlere Einkommen des US-Mittelstandes erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg geschrumpft, von 72 956 auf 69 487 Dollar. Dies zeigt eine neue Studie des Pew Research Center, die bezeichnenderweise den Titel «Das verlorene Jahrzehnt der Mittelklasse» trägt. 85 Prozent der Befragten erklärten, es sei schwieriger geworden, den gewohnten Lebensstandard zu halten. Das erstaunt nicht, denn viele Haushalte müssen nicht nur mit einem geringeren Einkommen leben, sondern ausserdem Hypothekar- und Kreditkartenschulden abtragen.

Zu viel Neoliberalismus

Während die Reichen in den letzten Jahren immer reicher wurden, müssen Angehörige des Mittelstandes den Gürtel also zunehmend enger schnallen. Dass einem lokalen Gast im «Historic Virginian Hotel» dazu als Erstes der Name Obama einfällt, erstaunt in diesem erzkonservativen Cowboy-Staat nicht wirklich. Aber ist wirklich der Präsident schuld an der Misere? Mindestens zum Teil: «Obama hat den freien Fall des Mittelstands nicht gestoppt», meint das «National Journal» und verweist darauf, dass das mittlere Einkommen allein 2010 um 2,3 Prozent zurückging – als die Rezession offiziell bereits vorbei war.

Das Magazin «The Atlantic» beschuldigt Barack Obama, er habe sich zu Beginn seiner Amtszeit viel zu stark auf neoliberale «Finanzmarkt-über-alles-Typen» wie Wirtschaftsberater Lawrence Summers und Finanzminister Timothy Geithner abgestützt. Viel zu spät habe er begonnen, den Fokus auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Erneuerung der Infrastruktur zu richten. Eine Kritik, die auch von prominenten Ökonomen wie den Wirtschaftsnobelpreisträgern Paul Krugman und Joseph Stiglitz immer wieder geäussert wird.

Bush schlechter als Obama

Dennoch darf sich Mitt Romney nicht zu früh freuen, und das nicht nur, weil er selber in die neoliberale Ecke gehört. Der Präsident geniesst immer noch bemerkenswert viel Kredit. Dies zeigt auch die Pew-Studie: Auf der Liste der Schuldigen für die Mittelstands-Misere belegen Obama und seine Regierung «nur» Platz 6. Ganz oben rangiert der zerstrittene Kongress in Washington, gefolgt von den Banken und Finanzinstitutionen sowie den grossen Unternehmen. Schlechter als Obama kommt auch sein Vorgänger George W. Bush weg, und auf Rang 5 folgt der internationale Wettbewerb, sprich die Globalisierung.

Deswegen sind Barack Obamas Chancen auf eine Wiederwahl intakt. Das zeigt auch eine neue Umfrage von CNN unter registrierten Wählern. Auf die «Geht es euch besser?»-Frage antworteten 37 Prozent mit Ja und 44 Prozent mit Nein. Doch bei der Frage, wer die wirtschaftlichen Probleme besser lösen kann, hat Romney seinen einstigen Vorsprung auf Obama eingebüsst. In der neusten Umfragen von «New York Times» und CBS liegt der Präsident sogar knapp vor seinem Herausforderer. 2012 ist eben nicht 1980, und Mitt Romney kein zweiter Ronald Reagan.

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