Rolls-Royce Phantom: Dem Phantom auf der Spur
Aktualisiert

Rolls-Royce PhantomDem Phantom auf der Spur

Unheimlich luxuriös, gespenstisch ruhig, fürchterlich teuer: Der neue Rolls-Royce Phantom ist weniger ein Auto als ein Phänomen.

von
nve
Schon seit 92 Jahren der Inbegriff des automobilen Luxus: Rolls-Royce Phantom.

Schon seit 92 Jahren der Inbegriff des automobilen Luxus: Rolls-Royce Phantom.

Rolls-Royce
Die Lancierung eines neuen Rolls-Royce Phantom ist ein seltenes Ereignis – das Vorgängermodell wurde 14 Jahre lang gebaut.

Die Lancierung eines neuen Rolls-Royce Phantom ist ein seltenes Ereignis – das Vorgängermodell wurde 14 Jahre lang gebaut.

Rolls-Royce
Im neuen Phantom wurden nicht weniger als 130 Kilo Dämmmaterial verbaut, die Scheiben bestehen aus 6-Millimeter-Verbundglas und die speziellen Reifen umhüllen Schaumeinlagen, die einen Plattfuss verhindern.

Im neuen Phantom wurden nicht weniger als 130 Kilo Dämmmaterial verbaut, die Scheiben bestehen aus 6-Millimeter-Verbundglas und die speziellen Reifen umhüllen Schaumeinlagen, die einen Plattfuss verhindern.

Rolls-Royce

Ein Phantom ist per Definition ein Trugbild, ein Gespenst. Kann es also sein, dass es den gleichnamigen Rolls-Royce gar nicht gibt? Schon seit 1925 nicht? Handelt es sich dabei um das älteste noch existierende Fahrzeugmodell, das nicht existiert? Findet daher auch die achte Generation des grossen Luxusflaggschiffs nur in der Fantasie statt?

Klingt verrückt, ja. So, als wären diese Zeilen unter Einfluss des gesamten Bordbar-Inhalts entstanden. Doch es gibt Beweise. Die gespenstische Stille hinter den gegenläufig öffnenden, automatisch schliessenden Portalen, etwa. Nicht der Hauch eines Aussengeräusches dringt in das pompöse Interieur. Dann die Qualität der Materialien, der Dachhimmel aus tausenden LED-Sternen, der Sitz- respektive Liegekomfort auf den hinteren Sesseln, das Entertainment-Angebot – alles auf einem Niveau, bei dem man sagt: Das gibt's doch gar nicht!

Der Wagen rollt nicht, er schwebt

Beim Preis glaubt man, nein, ist sich sicher, zu träumen. Und wenn das Auge eine Bodenwelle herannahen sieht, dann erwartet man wenige Sekunden später von ebendieser erschüttert zu werden. Stattdessen: nichts. Der Wagen rollt nicht, er schwebt. Aber das Unheimlichste überhaupt: Fast noch lieber als im pompös möblierten Fond weilt man vorne, hinter dem grossen Volant und den digitalen Instrumenten, um die 2,6 Tonnen schwere Limousine im Kleinlaster-Format selber zu pilotieren.

Für all das gäbe es eine logische Erklärung, so die Rolls-Royce-Leute. Sie berichten von 130 Kilo Dämmmaterial, 6-Millimeter-Verbundglas, speziellen Reifen mit Schaumeinlage, grösseren Luftfedern, die sich mittels Kamera frühzeitig auf Strassenunebenheiten einstellen, von britischer Handwerkskunst, einer leichteren, steiferen Karosserie, mitlenkenden Hinterrädern zur Erhöhung der Wendigkeit und sagenhaften 900 Nm, die der neuentwickelte V12-Biturbo an die Räder schickt. Oder vielleicht sagen das auch nur die Stimmen im Kopf. Sicher ist nur, dass es – so wie es sich bei einem nicht wirklich existenten Auto gehört – niemanden gibt, der so was braucht. Jedenfalls keinen Normalsterblichen.

Rolls-Royce Phantom

Karosserie: 5,76 Meter lange, 4-sitzige Limousine.

Antrieb: 6,75-Liter-V12-Biturbo mit 571 PS (420 kW) und 900 Nm.

Getriebe: 8-Gang-Automatik (serienmässig).

Fahrleistungen: 0-100 km/h in 5,3 Sekunden; 250 km/h Spitze.

Verbrauch: 13,9 L/100 km (Werksangabe).

CO2-Ausstoss: 318 g CO2/km (Werksangabe).

Preis: Ab 375'000 Euro netto (Langversion ab 450'000 Euro netto).

Infos:www.rolls-roycemotorcars.com

IN KÜRZE

Der Hersteller sagt:

«Der neue Phantom ist der technologisch fortschrittlichste Rolls-Royce aller Zeiten.»

Wir sagen:

Durchaus. Allerdings hält sich der Fortschritt in Grenzen, denn von Gestensteuerung, autonomem Fahren und E-Mobilität keine Spur. Bewusst, wie die Briten sagen. Neue Technologien sollen erst dann eingeführt werden, wenn sie vollständig ausgereift sind. Und dies noch am Rande: Hybridantriebe kommen für die Marke nicht in Frage, eher noch wird es einen rein elektrischen Rolls-Royce geben.

Das gefällt:

Nicht nur, dass der Phantom leiser geworden ist und sanfter dahingleitet – dank der leichteren, steiferen Karosserie, dem neuen Fahrwerk und der agilitätsfördernden Hinterachslenkung empfiehlt er sich erstmals auch als Selbstfahrer-Auto statt nur als Chauffeur-Limousine.

Das eher weniger:

Bei allem Respekt für die Ingenieursleistung und Handwerkskunst: Für Normalverdienende ist ein Auto, das mindestens eine halbe Million Franken kostet, im Stadtverkehr mehr als 20 Liter verbraucht und in keine normale Parklücke passt einfach nur obszön.

Spannendes Detail:

Die «The Gallery» genannte Armaturentafel erlaubt die Integration von Kunstwerken im Auto. Hinter dem gläsernen Band lassen sich etwa Porzellanblumen, Seidenskulpturen oder, wenn es der Kunde will, die Kritzeleien seines Kindes ausstellen.

Wer fährt so was?

Superreiche, die ihren Superreichtum hemmungslos zur Schau stellen.

Alternativen dazu:

Gibt's nicht, egal, was die von Bentley und Mercedes-Maybach sagen.

Am Steuer:

Nina Vetterli-Treml, Mitarbeiterin der Textlab GmbH und Testexpertin in der SRF2-Autosendung «Tacho».

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