Auch wegen Töff: Dem WM-Titel so nah – und doch so fern
Aktualisiert

Auch wegen TöffDem WM-Titel so nah – und doch so fern

Tom Lüthi (24) hat beim GP von Katalonien wohl den Titel in der Moto2-WM vergeben. Nun werden Siege noch wichtiger.

von
Klaus Zaugg
Barcelona

Die Behauptung, Tom Lüthi hätte die Moto2-WM 2011 gewinnen können, ist auf den ersten Blick recht gewagt. Der Emmentaler liegt nach fünf Rennen in der Zwischenwertung bloss auf Position 6. Mit 55 Punkten Rückstand auf WM-Leader Stefan Bradl (21). Und doch: Er hat eine historische Chance vergeben.

Die Saison 2011 beginnt so wie das 125er-Weltmeisterjahr 2005. Lüthi ist bei allen Tests vorne dabei. Er fährt nicht nur einzelne schnelle «Kampfrunden». Er fährt locker Serien von sehr schnellen Rundenzeiten.

Grösste Schwäche behoben

Damit ist die grösste Schwäche der letzten Saison behoben: Es hat Lüthi 2010 «nur» zum 5. WM-Schlussrang gereicht, weil er in den Trainings nicht schnell genug ist. Er muss zu oft zu weit hinten starten. Wenn er regelmässig aus den zwei ersten Startreihen losfahren kann, dann ist in jedem Rennen der Sieg möglich.

Tatsächlich startet Tom Lüthi in dieser Saison bei vier GP aus der ersten und bei einem GP aus der zweiten Reihe. Alles scheint zu stimmen.

Zu viele Stürze

Aber schon nach 5 von 17 Rennen ist der WM-Titel, der so nahe schien, bereits so fern. Lüthis Titelchancen sind ungefähr gleich hoch wie jene der Fussball-Nationalmannschaft sich für die EM zu qualifizieren.

Nur in zwei von fünf Rennen stimmt die Leistung: In Katar beim Saisonauftakt (3.) und im zweiten Rennen in Jerez (2.). In Estoril stürzt der Emmentaler in Führung liegend und zuletzt in Barcelona auf der 7. Position. In Le Mans wirft ihn eine defekte Hinterradbremse auf Rang 5 zurück – er hätte sonst gewonnen.

Während der ganzen letzten Saison ist Tom Lüthi nur fünfmal gestürzt. Nun hat er schon nach fünf Rennen fünf Stürze in der Statistik – zwei davon im Rennen (Estoril, Barcelona).

Bradl fast unschlagbar

Warum stimmte die Leistung bisher bloss in zwei von fünf Rennen? Weil die Kombination Stefan Bradl/Kalex fast unschlagbar ist.

Mit dem deutschen Hightech-Bike hat Bradl bei allen fünf bisherigen GP die Trainingsbestzeit und in den Rennen nacheinander die Ränge 1, 5, 1, 3 und 1 herausgefahren. Die Kritik hinterher ist unfair – aber Fakt ist: Im Sommer 2009 hatte Tom Lüthis Manager Daniel M. Epp die Chance, bei Kalex einzusteigen. Er entschied sich für das japanische Fabrikat Moriwaki und im letzten Herbst zu einem Wechsel auf das Schweizer Bike von Eskil Suter.

Probleme in den ersten Runden

Nun zeigt sich: 2011 ist Kalex die beste Maschine. Bradl dominiert die WM und Randy Krummenacher holte auf der Kalex am Sonntag in Barcelona den sensationellen 5. Platz. Kalex konzentriert sich auf vier Piloten (Aleix Espargaro, Bradl, Krummenacher, Pons). Suter beliefert 13 Fahrer. Die Betreuung der einzelnen Fahrer kann bei Suter nicht gleich gut sein wie bei Kalex.

Die beiden Stürze in Estoril und in Barcelona dürften auch technische Ursachen haben: Alle Moto2-Fahrer rücken auf gleichen Reifen (Dunlop) und mit gleichen Motoren (Honda) aus. Die Differenz macht das frei wählbare Fahrwerk. Die Suter-Bikes sind bei vollem Tankinhalt (also in der ersten Rennphase) schwieriger zu fahren. Lüthi ist in Estoril in der 4. und in Barcelona in der 6. Runde gestürzt. Er ist ein hochtalentierter, sensibler Stilist. Kein Haudegen. Bei ihm haben technische Details oft stärkere Auswirkungen als bei seinen Konkurrenten. Nach dem GP von Katalonien hat Lüthi gegenüber 20 Minuten Online angedeutet, dass nun im Hinblick auf den GP von England am nächsten Wochenende an der Geometrie der Maschine etwas verändert werden muss. Solche Veränderungen sind heikel wie Operationen am offenen Herzen.

Die Siege fehlen

Mit dem Sturz in Barcelona hat sich das Layout der Saison 2011 für Lüthi von Grund auf verändert. GP-Siege sind neben WM-Titel die härteste Währung in diesem Geschäft. Es geht für ihn nun darum, endlich wieder ein Siegfahrer zu werden: Den letzten GP hat er 2006 in Le Mans noch in der 125er-Klasse gewonnen. In 47 250er- und bisher 22 Moto2-GP hat er zwar 9 Podestplätze, aber keinen Sieg herausgefahren.

Es ist beschlossen und verkündet: 2012, 2013 und 2014 will Tom Lüthi in der «Königsklasse» MotoGP mitmischen. Weil nach wie vor offen ist, in welchem Team und auf welcher Maschine (oder gar Werksmaschine) geht es für den besten Schweizer Fahrer der Gegenwart in den restlichen 12 Rennen dieser Saison darum, Werbung in eigener Sache zu machen. Wenn es um die besten MotoGP-Plätze 2012 geht, kommen zuerst der Moto2-Weltmeister 2011, anschliessend die Moto2-GP-Sieger und erst dann die Podest- und Punktefahrer aus der zweitwichtigsten WM zum Zuge.

Ersatzangebot für MotoGP abgelehnt

Dass Lüthis Marktwert unvermindert hoch ist, zeigte sich beim GP von Katalonien in Barcelona. Hervé Poncharal, Manager und Besitzer des französischen Yamaha-Teams Tech3, erkundigte sich bei Lüthis Manager Daniel M. Epp, ob der Schweizer bereit sei, allenfalls Yamaha-Werksfahrer Colin Edwards beim nächsten GP in Silverstone zu ersetzen. Der Amerikaner hat bei einem Trainingssturz in Barcelona das Schlüsselbein gebrochen. Epp bestätigt gegenüber20 Minuten Online diese Information. «Ja, es stimmt, Poncharal hat uns angefragt, ob Tom Lüthi im Falle eines Falles in Silverstone die Werksyamaha fahren könnte. Wir haben abgelehnt: Ein überstürzter Einsatz auf einer MotoGP-Maschine bringt nichts.»

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