Grossraubtiere: Dem Wolf geht es wieder an den Pelz
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GrossraubtiereDem Wolf geht es wieder an den Pelz

Nach dem Ständerat hat sich auch der Nationalrat dafür ausgesprochen, den Schutz des Wolfes zu lockern. Demnach soll das Raubtier wieder gejagt werden dürfen.

Der Wolfsbestände soll in der Schweiz reguliert werden dürfen. Nach dem Ständerat hat sich auch der Nationalrat dafür ausgesprochen, den Schutz des Wolfes zu lockern. Er hat am Donnerstag eine Motion mit diesem Inhalt an den Bundesrat überwiesen.

Der Wolf ist dem europäischen Übereinkommen zum Schutz von Wildtieren unterstellt, der sogenannten Berner Konvention. Nun soll der Bundesrat in einem ersten Schritt versuchen, eine Änderung der Berner Konvention zu erwirken. Dieses soll es der Schweiz erlauben, bezüglich des Wolfsschutzes einen Vorbehalt anzubringen.

Falls die Konvention nicht geändert werden kann, soll die Schweiz den Vertrag kündigen. Danach könnte die Schweiz dem Übereinkommen wieder beitreten, dabei aber einen Vorbehalt anmelden.

Vergeblich wehrte sich Bundesrat Moritz Leuenberger gegen die Motion. Der Bundesrat sei zwar damit einverstanden, den Schutzstatus des Wolfes auf den des Luchses zurückzustufen und eine Regulierung der Wolfsbestände zuzulassen. Das müsse aber in Zusammenarbeit mit den Nachbarländern geschehen.

Ein Austritt aus der Berner Konvention und die Ausrottung des Wolfes in der Schweiz komme nicht in Frage. Der Wolf sei eine Bereicherung für die Natur, Artenvielfalt sei wichtig, sagte Leuenberger.

Der Nationalrat liess sich davon nicht überzeugen. Mit 92 zu 79 Stimmen bei 10 Enthaltungen hiess er die Motion aus dem Ständerat gut.

Emotionale Debatte

Der Abstimmung war - wie immer wenn es im Parlament ums Thema Wolf, Bär oder Luchs geht - eine emotionale Diskussion vorausgegangen. Die Debatte zeige einmal mehr, wie der Wolf die Gefühle aufwallen lasse und breite kulturelle Gräben öffne, fasste Leuenberger die zweistündige Diskussion zu 14 Vorstössen zusammen: «Der Wolf wird einerseits verklärt, andererseits gehasst».

Den Ton hatte bereits Kommissionssprecher Roberto Schmidt (CVP/ VS) vorgegeben, der ein Ende des «traurigen Gemetzels» auf den Alpen forderte. Der Wolf jage eben nicht, um seinen täglichen Hunger zu stillen. Der Wolf jage, «um zu töten», sagte der Walliser.

Zusammen mit anderen Vertretern aus Bergkantonen übte er scharfe Kritik an den Bewohnern der Agglomerationen. Diese neigten zu einem «pseudoökologischen Verhalten», sagte der Entlebucher Ruedi Lustenberger (CVP/LU). Das Unverständnis zwischen Stadt und Land werde immer grösser, warnte er. Und Oskar Freysinger (SVP/VS) ortete bei den Unterländern eine «erstaunliche Tierromantik».

Jäger und Schafbauern vereint

Aus ihrer Sicht ist der Fall klar: Die Wölfe verunmöglichen eine effiziente Alpbewirtschaftung mit Schafen. Der Herdenschutz löse das Problem nicht, sei zu aufwendig und teuer. Zudem komme es wegen Herdenschutzhunden zu Konflikten mit Wanderern. Die Wolfsgegner sehen auch die Wildtierbestände unter Druck.

Gegen eine Lockerung des Wolfsschutzes ergriffen vor allem Nationalrätinnen der Grünen und der SP das Wort. Die Vertreter der Bergkantone übertrieben das Problem. Grossraubtiere seien keine echte Konkurrenz für Jäger, sagte Hildegard Fässler (SP/SG). Die Wildtiere würden einfach etwas scheuer.

Im letzten Jahr seien 360 Schafe durch Wölfe gerissen worden. Gleichzeitig seien bis zu 10'000 Schafe zu Tode gestürzt, vom Blitz getroffen worden oder an einer Krankheit gestorben. Im laufenden Jahr rissen laut Leuenberger die 15 in der Schweiz lebenden Wölfe rund 100 Schafe. 1500 Schafe seien abgestürzt.

Nicht mehr Geld für Herdenschutz

Ein guter Herdenschutz würde das Problem entschärfen, ist die Linke überzeugt. Dafür forderten Franziska Teuscher (Grüne/BE) und Tiana Moser (glp/ZH), dass der Bund nur noch Sömmerungsbeiträge an Schafhalter ausrichtet, wenn sie ihre Herden durch Hirten hüten lassen. Adèle Thorens (Grüne/VD) forderte zusätzliches Geld für den Herdenschutz. Alle drei Vorstösse blieben chancenlos.

Angenommen wurden dagegen Vorstösse, die zur Regulierung der Raubtierbestände eine Änderung der Jagdverordnung und ein neues Grossraubtiermanagement verlangten. Der Bundesrat will sich dabei wie von Hansjörg Hassler (BDP/GR) gefordert am Beispiel Frankreichs inspirieren. Dort dürfen Hirten ihre Herden mit der Waffe verteidigen. Auch vorbeugende Wolfsabschüsse sind erlaubt. (sda)

WWF kritisiert Entscheid zum Wolf

WWF-Experte Kurt Eichenberger ist nach der Wolfsdebatte im Nationalrat ernüchtert: "Das Parlament hat die Chance verpasst, von den guten Erfahrungen in den Nachbarländern zu profitieren und die Schweizer Wolfspolitik endlich in vernünftige Bahnen zu lenken." Der WWF bedauert den Ausgang der Debatte, zumal sich der Nationalrat damit gegen den Volkswillen stelle: "Vier von fünf Schweizerinnen und Schweizer befürworten die natürliche Rückkehr des Wolfes", so Eichenberger. Insgesamt beurteilt der WWF Schweiz das Resultat der Debatte als nicht zukunftstauglich: "Statt über die Anpassung der Nutztierhaltung in den Alpen zu diskutieren, werden ein paar Wölfe zu Sündenböcken hochstilisiert", sagt Eichenberger.

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