Demokraten suchen Ausweg – mit Al Gore?

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Demokraten suchen Ausweg – mit Al Gore?

Hillary Clinton greift zu immer drastischeren Methoden, um Barack Obama noch abzufangen. Führende Demokraten fürchten, dass einzig John McCain davon profitieren wird. Ein Name erscheint als Alternative zunehmend im Fokus: Al Gore.

von
Peter Blunschi

Vor kurzem noch freuten sich die Demokraten über das Duell zweier erstklassiger Kandidaten. Doch nun artet der Wahlkampf zur Schlammschlacht aus. Das Clinton-Lager lässt keine Gelegenheit aus, um dem Rivalen in die Parade zu fahren. Der peinliche Flop mit der Lügengeschichte zum Bosnien-Besuch 1996 hat die Senatorin noch angestachelt. Sie attackierte im Gegenzug Barack Obama wegen seines USA-kritischen Pfarrers Jeremiah Wright. Als Wadenbeisser hat sich ihr Pressesprecher Phil Singer profiliert. In Telefonkonferenzen mit Journalisten schiesst er regelmässig verbale Giftpfeile gegen Obama ab.

Angst vor Wiederholung von 1968

Beobachter sind nicht erstaunt. Der Ehrgeiz von Bill und Hillary Clinton lasse eine Niederlage gegen Obama nicht zu. Und sei es um den Preis, dass die Partei als Ganzes in den Abgrund stürzt. Führende Demokraten fürchten gemäss der «New York Times»-Kolumnistin Maureen Dowd, dass die Clintons eine «nihilistische Strategie» verfolgen: Hillary oder keiner. Oder die «Tonya-Harding-Alternative», die ein Clinton-Anhänger einem Journalisten des Senders ABC skizzierte: Barack Obama soll zu Strecke gebracht werden, egal wie. Auch wenn dies am Ende bedeutet, dass der Republikaner John McCain im November gewinnen wird.

Für die demokratischen Notablen, die sich zunehmend auf Obamas Seite schlagen, ein Horrorszenario. Sie fürchten, dass sich die Geschichte von 1968 wiederholt. Nach der Ermordung von Hoffungsträger Robert Kennedy hatte sich die Partei in Selbstzerfleischung geübt und damit dem «ewigen Verlierer» Richard Nixon zur Präsidentschaft verholfen. Immer lauter werden deshalb die Rufe nach einer baldigen Entscheidung. Doch die Clintons haben klar gemacht, dass sie bis zum Parteitag im August in Denver duchhalten wollen.

Al Gore als Alternative?

In dieser verkachelten Situation scheint eine Alternative zunehmend in den Fokus zu rücken: Die Demokraten sollen weder Clinton noch Obama nominieren, sondern den ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore. Bislang hatten nur Aussenseiter diese Idee ventiliert (20minuten.ch berichtete). Mit Joe Klein hat sie nun aber einer der renommiertesten Polit-Journalisten der USA aufgegriffen. Er hatte als «Anonymus» den Schlüsselroman «Primary Colors» über den ersten Präsidentschafts-Wahlkampf von Bill Clinton verfasst und galt bislang als Hillary-Anhänger.

Nun aber tendiere er, wenn auch zögerlich, zu einer anderen Theorie, schreibt Klein im Magazin «Time»: «Wenn sich die Abwärtsspirale weiterdreht, könnte die Antwort auf das Dilemma der Demokraten Al Gore heissen». Er zeigt auch ein mögliches Szenario auf: Wenn es den Parteioberen gelänge, eine bedeutende Anzahl der Superdelegierten - «vielleicht weniger als 100» - von der Idee zu überzeugen, könnten weder Clinton noch Obama am Parteitag in Denver die nötigen 2025 Delegiertenstimmen erreichen. Darauf könnten sie auf Gore zugehen und ihm die Nomination antragen, «zum Wohl der Partei» - und mit Obama als Vizepräsident. Falls dieser mitmacht, wäre der Deal geregelt.

Unwahrscheinlich – und interessant

Ein Szenario mit vielen Wenns und Abers. Doch Joe Klein hat es sich nicht einfach aus dem Finger gesogen. Er hat mit rund einem Dutzend prominenter Demokraten aus allen Lagern darüber gesprochen. «Die meisten sagten, es sei extrem unwahrscheinlich – und eine sehr interessante Idee.» Ein hochrangiger Geldbeschaffer habe gesagt, dass «viele Leute von Anfang an die Kombination Gore-Obama wollten». Ein Kongressabgeordneter meinte: «Dies könnte unser Ausweg aus der Misere sein.»

Es gab auch Einwände. Al Gore wisse, dass er als Kandidat sehr angreifbar wäre, schreibt Klein. Ein Gore-Freund habe ihm gesagt, er wisse nicht, ob der Nobelpreisträger interessiert wäre, «selbst wenn man ihm die Kandidatur aushändigen würde». Joe Klein ist sich bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit dafür gering ist. Doch er erinnert an John McCain, der vor einigen Monaten als Kandidat erledigt schien und nun die Nomination der Republikaner auf sicher hat, und fragt: «Ist das Gore-Szenario wirklich absurder als diese Entwicklung?»

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