Offene Fragen in Thailand: Demonstranten fordern Schlüssel für Panzer
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Offene Fragen in ThailandDemonstranten fordern Schlüssel für Panzer

Über Thailand liegt ein Hauch von Revolution. Demonstranten verlangen von den Soldaten die Schlüssel für die Panzer, was diese ablehnen. Danach ziehen die Demonstranten weiter und die Panzer fahren davon. Die Szene wirft ein Schlaglicht auf die verworrene Lage in Thailand. Viele Menschen fragen sich, wer eigentlich das Sagen hat.

Drei Jahre dauert nun schon die innenpolitische Unsicherheit in Thailand mit ständig wechselnden Regierungen. Damals wurde Ministerpräsident Thaksin Shinawatra von den Streitkräften gestürzt. Thaksin betrieb eine Sozialpolitik zugunsten der verarmten Landbevölkerung, mit denen er sich zunehmend den Ärger der städtischen Eliten zuzog. Aber dessen Gefolgsleute gewannen die erste Wahl nach dem Militärputsch im Dezember 2007. Ein Jahr lang konnten sie sich an der Regierung halten, ehe sie unter dem Druck wochenlanger Massenproteste der «Gelben» gestürzt wurden. Jetzt sind es wieder die «Roten», die das Thaksin-Lager zurück an die Macht verhelfen wollen.

Die Sicherheitskräfte reagieren zunehmend verunsichert. Nahezu ungehindert durchbrachen am Samstag einige hundert unbewaffnete Demonstranten eine Absperrung von Soldaten und Polizisten und erzwangen so den Abbruch des ASEAN-Gipfels in Pattaya. «Es ist unklar, ob die Kommandostruktur nicht funktionierte, ob es Spannungen im Militär gab oder gar die zynische Bereitschaft, solche eine nationale Erniedrigung zuzulassen, um dann umso härter gegen die Proteste vorgehen zu können», sagt Michael Montesano vom Institut für Südostasien-Studien in Singapur.

Militärpolizisten sehen tatenlos zu

Die Sicherheitslage verschlechterte sich am Sonntag weiter, nachdem Abhisit den Ausnahmezustand ausgerufen hatte. Nur wenige Minuten nach seiner im Fernsehen übertragenen Erklärung stoppten Demonstranten seinen Wagen. Eine Gruppe von Sicherheitskräften stellte sich ihnen entgegen, in der Nähe postierte Militärpolizisten sahen aber tatenlos zu.

Am Montagmorgen gingen Soldaten in Kampfausrüstung gegen Demonstranten vor, die eine Kreuzung blockiert hatten. Es fielen Schüsse. Einige Kilometer entfernt harrten weiter einige tausend Demonstranten vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva aus und forderten seinen Rücktritt.

Die Regierung könne nicht länger ignorieren, was auf den Strassen geschehe, sagte Abhisit später. Jetzt müsse schnell gehandelt werden, bevor die Situation eskaliere. Da dies aber bislang nicht gelang, fragen sich viele Menschen in Thailand, wie es denn nun weitergehen soll.

Viele Gruppen und viele verschiedene Einflüsse

Mit dem Machtwechsel und dem Amtsantritt von Abhisit im Dezember schien Thailand vor einem Neuanfang zu stehen. Aber jetzt zeigen die Anhänger Thaksins, dass sie noch immer die Massen mobilisieren können. Und wieder sehen die Sicherheitskräfte nur zu. «Die Regierung und die Armee haben Angst überzureagieren», sagt der Politikwissenschaftler Thitinan Pongsidhirak von der Universität Chulalongkorn in Bangkok. «Sie wissen, dass sie verlieren, wenn die Gewalt einsetzen. Möglicherweise sympathisieren aber auch einige in der Regierung und bei den Streitkräften mit Thaksin.»

In der Vergangenheit hat es sich in Thailand für die Beteiligten schon häufiger als nützlich erwiesen, sich in bestimmten Momenten zurückzuhalten. Meist zahlte sich das dann bei einem Machtwechsel aus. Derzeit sind an dem Machtpoker aber so viele involviert, dass das Ergebnis unkalkulierbar scheint. «Es gibt so viele Gruppen und so viele verschiedene Einflüsse», sagt der Historiker Charnvit Kasetsiri. «Es scheint niemanden zu geben, der im Establishment, der Regierung oder bei den Streitkräften das Heft in der Hand hat.»

Grant Peck (AP), Bangkok

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