Unruhen in Bosnien: Demonstranten zünden Regierungssitz an
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Unruhen in BosnienDemonstranten zünden Regierungssitz an

In Bosniens Hauptstadt Sarajevo haben 10'000 Demonstranten das Regierungsgebäude in Brand gesteckt. Bei den Protesten wurden am Freitag landesweit 150 Menschen verletzt.

Zehntausende verarmte Bosnier haben am Freitag gegen die Politiker ihres Landes demonstriert, denen sie Unfähigkeit und Korruption vorwerfen. Dabei kam es zu Zusammenstössen mit der Polizei und schweren Verwüstungen.

In der Industriestadt Tuzla im Nordosten Bosnien-Herzegowinas zündeten schätzungsweise 10'000 Protestierende das Gebäude der regionalen Regierung an. In den vergangenen Jahren war Tuzla nach der Privatisierung von Unternehmen besonders stark von Fabrikschliessungen betroffen.

550'000 Arbeitslose in Bosnien

«Das ist ein echter bosnischer Frühling», sagte der arbeitlose Wirtschaftswissenschaftler Almir Arnaut in Tuzla unter Anspielung auf die Aufstände in arabischen Ländern in den vergangenen Jahren.

«Wir haben nichts zu verlieren, und es werden immer mehr von uns auf die Strasse gehen. Schliesslich gibt es rund 550'000 Arbeitslose in Bosnien.» Das Land hat rund 3,7 Millionen Einwohner. Nach offiziellen Angaben lebt ein Fünftel der Bosnier in Armut.

Auch in der Hauptstadt Sarajevo setzten Demonstranten den Sitz der Regionalregierung in Brand. Zudem setzten sie einen Trakt des Präsidialamtes in der Hauptstadt Sarajevo in Brand. Ein Reuters-Reporter berichtete, Regierungsgegner hätten Fenster in dem Gebäude eingeworfen und eine Fackel ins Innere geworfen.

Bosnien steckt in einer Sackgasse

Die Polizei habe versucht, die Demonstranten mit einem Wasserwerfer auseinanderzutreiben. Teilweise gewaltsame Proteste gab es auch in Zenica, Bugojno, Cazin, Bihac und in vielen weiteren Städten. Landesweit gab es am Freitag rund 150 Verletzte, davon 80 allein in Sarajevo und 50 in Zenica.

Seit dem Bürgerkrieg (1992-1995) steckt Bosnien in einer von den Politikern verschuldeten Sackgasse, wie das EU-Parlament in Strassburg erst am Vortag wieder gerügt hatte.

Eine wirtschaftliche Erholung wird dadurch erschwert, dass wirtschaftliche und politische Posten nach einem Quotensystem unter den drei Volksgruppen Serben, Kroaten und Bosniern vergeben werden müssen. Der Staatshaushalt wird zum grössten Teil von der ineffektiven Verwaltung und Korruption aufgezehrt.

Keine Besserung in Sicht

Grosse Teile der Bevölkerung sind bitterarm. Weil die Industrie zerstört ist und ausländische Investitionen ausbleiben, ist auch keine Besserung in Sicht. Der Innenminister rief die Regionalregierung in Tuzla auf zurückzutreten.

Die Polizisten sollten keine Gewalt gegen ihre Mitbürger anwenden, verlangte der Spitzenpolitiker weiter. Denn die Polizisten hätten wegen Geldmangels nicht einmal «vernünftige Uniformen» und ihre Familien seien genauso verarmt und von der Politik gebeutelt wie die Demonstranten. Die Demonstrationen dauern seit Mittwoch an. (sda)

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