Aktualisiert 15.01.2015 06:37

Kapitalismus-Kritik

«Demonstrationen haben ihre Form geändert»

Dieses Jahr gibt es keine Demo gegen das WEF. Experten sprechen von einer Verlagerung der Kundgebungen von der Strasse in den Hörsaal.

von
Ph. Flück
«Demonstrationen haben neue Formen angenommen.»

«Demonstrationen haben neue Formen angenommen.»

Wenn sich in rund einer Woche die Mächtigen der Welt am World Economic Forum (WEF) in Davos einfinden, wird voraussichtlich zum ersten Mal seit vielen Jahren niemand gegen die Veranstaltung demonstrieren. Die Erklärung von Bern und Greenpeace haben entschieden, dieses Jahr keine Gegendemonstration durchzuführen. Auch von Seiten der Parteien sind keine Demonstrationen geplant.

Der frühere Organisator der Anti-WEF-Demo der Davoser Grünen, Rolf Marugg, wechselt dieses Jahr sogar die Seite: Statt mit Transparenten draussen zu stehen, wird er dieses Jahr als Präsident des Grossen Landrats von Davos selber am Forum teilnehmen. Ist Kapitalismuskritik damit endgültig Schnee von gestern?

Grundlegende Kritik ist nicht mehr möglich

FDP-Nationalrat Beat Walti glaubt, die Demonstranten hätten gemerkt, dass sie mit ihren Forderungen an der Realitätsvorstellung der Durchschnittsbürger vorbei zielen. Den meisten Bürgern sei klar, dass in Davos über wichtige Herausforderungen debattiert werde. «Das WEF ist kein engstirniges Wirtschaftsforum.» Es brauche in einer globalen Wirtschaft den kritischen, aber konstruktiven Dialog. «Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die fundamentale Kritik am Kapitalismus grundsätzlich langsam leerläuft.»

Juso-Präsident Fabian Molina widerspricht: «Das WEF hat einfach an Relevanz verloren und ist heute nicht mehr die Drehscheibe der Weltwirtschaft.» Es sei nicht mehr wie in den 90er-Jahren, als in Davos Themen besprochen worden seien, welche die ganze Weltwirtschaft verändern konnten. Deshalb habe die Veranstaltung auch für Kapitalismusgegner an Bedeutung verloren. Trotzdem müsse man das WEF als undemokratische Veranstaltung scharf kritisieren. Die Kapitalismuskritik an sich sei immer noch sehr aktuell. Beweis dafür seien die steigenden Zahlen der Teilnehmer an den 1.-Mai-Demonstrationen oder an Veranstaltungen wie «Tanz dich Frei».

Kritik im Hörsaal statt auf der Strasse

Auch Ueli Mäder, Soziologe der Universität Basel, sagt: «Die Demonstrationen haben einfach andere Formen angenommen.» An der Universität Basel hätten letztes Jahr während des WEF mehrere kritische Veranstaltungen stattgefunden. Diese hätten sich mit dem Forum in Davos auseinandergesetzt und seien von über 600 Studenten besucht worden. «Man spürte, dass sich die Kritik von den Strassen in die Hörsäle verlagert hatte.» Dies würde der Bewegung zwar ein bisschen an Vitalität nehmen, doch auf diese Weise setze man sich heutzutage eben mit kritischen Themen auseinander.

Dies passt zur Erklärung, mit der die WEF-Gegner ihr Fernbleiben 2015 ankündigten: «Wir geben den Kampf gegen menschen- und umweltverachtende Unternehmen nicht auf, sondern heben ihn auf die politische Ebene», sagte Oliver Classen, Sprecher der Erklärung von Bern, im November zu 20 Minuten. Man habe das Gefühl, inzwischen gebe es auch in Bundesbern eine breite, konzernkritische Koalition.

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