30.04.2017 21:41

Politisierte JugendDemos für Bildung, aber nicht für Syrien?

Die Jugend engagiert sich wieder verstärkt in der Politik, etwa bei den jüngsten Schülerprotesten. Aber wo bleibt ihr Aufschrei bei globalen Konflikten?

von
pam
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Vietnamkrieg-Demonstration, Zürich, 1967: 1200 TeilnehmerIm Februar 1967 fand in Zürich laut den Aktivisten «endlich die längst fällige Demonstration gegen den Krieg in Vietnam statt», wie die Zeitschrift «Neue Wege» damals schrieb. Auch in Biel (Bild) gingen 2000 Menschen auf die Strasse. Unzählige weitere Protestaktionen folgten. In Zürich nahmen 1300 Personen am Marsch vom See ins Kongresshaus teil. Laut den Veranstaltern waren unter den Demonstranten «80 bis 90 von hundert Teilnehmern junge Leute».

Vietnamkrieg-Demonstration, Zürich, 1967: 1200 TeilnehmerIm Februar 1967 fand in Zürich laut den Aktivisten «endlich die längst fällige Demonstration gegen den Krieg in Vietnam statt», wie die Zeitschrift «Neue Wege» damals schrieb. Auch in Biel (Bild) gingen 2000 Menschen auf die Strasse. Unzählige weitere Protestaktionen folgten. In Zürich nahmen 1300 Personen am Marsch vom See ins Kongresshaus teil. Laut den Veranstaltern waren unter den Demonstranten «80 bis 90 von hundert Teilnehmern junge Leute».

Keystone/str
Globuskrawalle, 1968, Zürich: Rund 2000 TeilnehmerEin autonomes Jugendzentrum statt ein Globus-Warenhaus: Das forderten die Demonstranten im Juni 1968, als sie in Zürich gegen den Entscheid des Stadtrats, das Gebäude anderweitig zu vermieten, protestierten. Dabei wurden Demonstranten wie Polizisten verletzt. Die 68er-Unruhen waren in der Schweiz der Auftakt zu grösseren politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen.

Globuskrawalle, 1968, Zürich: Rund 2000 TeilnehmerEin autonomes Jugendzentrum statt ein Globus-Warenhaus: Das forderten die Demonstranten im Juni 1968, als sie in Zürich gegen den Entscheid des Stadtrats, das Gebäude anderweitig zu vermieten, protestierten. Dabei wurden Demonstranten wie Polizisten verletzt. Die 68er-Unruhen waren in der Schweiz der Auftakt zu grösseren politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen.

Keystone/str
Marsch auf Bern, 1969: 5'000 TeilnehmerAm 1. Februar 1959 wird das Frauenstimmrecht in einer Volksabstimmung mit einem Nein-Anteil von 67 Prozent verworfen. Diese Schmach soll zehn Jahre später mit dem «Marsch auf Bern», bei dem rund 5000 Personen für das Frauenstimmrecht demonstrieren, getilgt werden. Aufgrund des Protests und im Zuge der Umwälzungen der 68er-Bewegung gibt der Bundesrat nach und verspricht eine weitere Abstimmung. 1971 stimmen 66 Prozent der Stimmbürger dem Frauenstimmrecht auf Bundesebene zu.

Marsch auf Bern, 1969: 5'000 TeilnehmerAm 1. Februar 1959 wird das Frauenstimmrecht in einer Volksabstimmung mit einem Nein-Anteil von 67 Prozent verworfen. Diese Schmach soll zehn Jahre später mit dem «Marsch auf Bern», bei dem rund 5000 Personen für das Frauenstimmrecht demonstrieren, getilgt werden. Aufgrund des Protests und im Zuge der Umwälzungen der 68er-Bewegung gibt der Bundesrat nach und verspricht eine weitere Abstimmung. 1971 stimmen 66 Prozent der Stimmbürger dem Frauenstimmrecht auf Bundesebene zu.

Keystone/str

Die Jugend sei passiv und politikverdrossen: Bis im vergangenen Herbst kam das Jugendbarometer der Credit Suisse alljährlich zu diesem Schluss. Doch jetzt zeichnet sich eine Trendwende ab. Das jüngste Beispiel dafür: Anfang April vernetzten sich rund 2000 Schüler über die sozialen Medien und protestierten in fünf Städten gegen weitere Sparrunden bei der Bildung.

«Die Jugend wird wieder rebellischer», erklärte Lukas Golder, Leiter des Umfrageinstituts GFS Bern, im «Tages-Anzeiger». Das gelte vor allem für die nachrückende Generation Z – Jugendliche, die nach 1999 geboren wurden.

Jungparteien freuen sich über Zuwachs

Dass Handlungen wie «Missstände bekämpfen», «spannende Diskussionen» oder «Umwelt schützen» in der jüngsten Jugendumfrage wieder Höchstwerte erzielen, spüren auch die Jungparteien.

Die Juso im Kanton Zürich etwa konnte ihre Mitgliederzahl von 357 auf 736 steigern. Die Jungen Grünen verzeichnen eine Zunahme von 350 auf 450 Mitglieder. Und die Jungen Grünliberalen, die es erst seit Herbst 2016 gibt, schafften gar eine Steigerung von 30 auf 70 Mitglieder.

Warum geht kaum einer für Syrien auf die Strasse?

Doch obwohl sich die Jugend zahlreich in den Jungparteien und bei Protesten engagiert, blieben nach dem Giftgasangriff in Syrien Anfang April grosse Demonstrationen aus. Für Michelle Beyeler, Dozentin an der Berner Fachhochschule, ist das kein Widerspruch. «Es war schon immer so, dass ein Netzwerk von Aktivisten zur richtigen Zeit für einen Protest mobilisieren musste, um die grosse Masse zu erreichen.»

Das sei bei den Schülerprotesten gegen den Bildungsabbau gelungen, sagt Beyeler. «Gerade in Zeiten der viralen Verbreitung von Themen ist es manchmal auch etwas Zufall, welche Anliegen schliesslich grosse Aufmerksamkeit erhalten.»

Beate Grossegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, präsentierte im «Tages-Anzeiger» einen weiteren Erklärungsversuch: «Junge Menschen sind vor allem dann bereit, sich zu engagieren, wenn sie aus ihrem Engagement einen konkreten persönlichen Nutzen ziehen können.»

Ist der Syrien-Konflikt zu komplex?

Politologin Beyeler stellt fest, dass Protestmobilisierung einfacher ist, wenn es ein klares Ziel oder Feindbild gibt. Dies könne ein Grund sein, dass derzeit keine grösseren Demonstrationen gegen den Krieg in Syrien stattfinden: «Während die Demonstranten im Irakkrieg mit US-Präsident Bush sich auf einen Schuldigen fokussieren konnten, sind die Fronten in Syrien deutlich komplexer: Da blickt kaum einer mehr durch, und es ist dementsprechend schwieriger, die Leute auf die Strasse zu bringen», so Beyeler.

Dass die Jugend jedoch nur noch für Dinge demonstriert, die ihr selbst direkt nützen, glaubt Beyeler nicht. «Auch heute wäre ein Protest mit tausenden Teilnehmern etwa gegen den Krieg in Syrien möglich – sofern eine emotionale Betroffenheit durch ein aktuelles Ereignis, über das man sich aufregen kann, vorhanden ist», sagt Beyeler.

Die meisten Proteste in den 1980er-Jahren

Wie sich das Protestverhalten der Schweizer in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, zeigt eine Untersuchung der Politologen Swen Hutter und Marco Giugni. Demnach gab es in den 1980er-Jahren am meisten Demonstrationen. Laut der Studie gab es zwischen 1980 und 1984, als die Jugend etwa bei den Zürcher «Opernhauskrawallen» (siehe Bildstrecke) für mehr Freiräume auf die Barrikaden stieg, insgesamt 537 Protestaktionen.

In den Jahren darauf nahm die Zahl der Demonstrationen dann wieder ab. Einen Anstieg verzeichnen die Politologen dagegen seit der Jahrtausendwende. Von 2000 bis 2005 fanden 435 Kundgebungen statt. Zahlreiche Proteste gegen die Globalisierung trugen besonders dazu bei.

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