Strom: Den AKW wird es langsam zu warm
Aktualisiert

StromDen AKW wird es langsam zu warm

Der sich ankündigende Jahrhundertsommer bereitet den Stromproduzenten Kopfzerbrechen. Hält die Trockenheit an, müssen auch AKW den Betrieb herunterfahren.

von
Ronny Nicolussi
Ab 22 Grad Wassertemperatur muss die Leistung des AKW Beznau reduziert werden.

Ab 22 Grad Wassertemperatur muss die Leistung des AKW Beznau reduziert werden.

Nicht nur die Landwirtschaft leidet unter der aussergewöhnlichen Trockenperiode. Auch für die Stromproduktion in der Schweiz ist wenig Wasser ein Problem. Kleinere Wasserkraftwerke mussten bereits stillgelegt werden. Die Pegelstände von Bächen und kleineren Flüssen sind für den Betrieb schlicht zu niedrig. Und das ist erst der Anfang. Laut dem Berner Klimahistoriker Christian Pfister ist die Trockenheit bereits jetzt schlimmer als im Hitzesommer 2003. «Mir macht diese Situation Angst. Nachts schlafe ich deswegen schlecht», sagt er auf Anfrage von 20 Minuten Online.

Die heutige Klima-Konstellation sei einzig vergleichbar mit dem Sommer 1540. Damals sei es möglich gewesen, den Rhein zu Fuss zu überqueren. «Um die Situation halbwegs zu stabilisieren, sind jetzt 14 Tage Regen nötig», so Pfister. Die Niederschläge der nächsten Tage seien hingegen lediglich ein Tropfen auf den heissen Stein.

Bereits heute sind von der Trockenheit nicht nur die kleinen, sondern auch die grossen Flusskraftwerke entlang der Aare und dem Rhein betroffen – wenn auch nicht im selben Ausmass. Sie produzieren zwar noch Strom, allerdings deutlich weniger als in anderen Jahren. Die so genannten Laufkraftwerke der Axpo beispielsweise verzeichnen Einbussen von bis zu einem Drittel gegenüber dem Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre. Ähnlich ist die Situation auch beim Stromversorger BKW. Informationschef Antonio Sommavilla spricht gegenüber 20 Minuten Online von durchschnittlichen Produktionsausfällen von monatlich 20 Prozent seit Anfang Jahr.

Schnee ist bereits geschmolzen

Hinzu kommt, dass normalerweise der Produktionsausfall der Flusskraftwerke durch einen verstärkten Einsatz der Speicherkraftwerke, die aus Stauseen gespiesen werden, kompensiert wird. Der Füllungsgrad der Speicherseen liegt derzeit aber schweizweit bei lediglich 13 Prozent. Im Wallis sind es gar nur fünf Prozent. Und die Aussichten sind alles andere als rosig. Denn die Erwartung der Betreiber der Kraftwerke, die Schneeschmelze werde wie in den vergangenen Jahren die Speicherseen in den kommenden Wochen wieder füllen, könnte sich als Trugschluss erweisen.

Es ist zwar richtig, dass die niedrigsten Pegelstände meist im April oder Mai gemessen werden und mitunter auch schon tiefer lagen als dieses Jahr. Aber heuer ist ein Grossteil des Schnees bereits geschmolzen. An Nordhängen liegt Schnee lediglich oberhalb von 2100 Metern über Meer, an Südhängen gar lediglich auf über 2600 Metern.

Weniger als ein Drittel der üblichen Schneemenge

«Die Schneeschmelze hat 2011 so früh eingesetzt wie nie in den letzten Jahren», sagt Manfred Stähli, Leiter der Forschungseinheit Gebirgshydrologie und Wildbäche der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Normalerweise liegen um diese Jahreszeit noch rund 70 Prozent des jährlichen Schnee-Höchststands. Heuer sind es nur 30 Prozent. Berücksichtigt man zudem, dass in diesem Winter 30 Prozent weniger Schnee gefallen sind als im langjährigen Durchschnitt, liegt derzeit weniger als ein Drittel der üblichen Schneemenge in den Bergen.

Verteilt man die Wassermenge im verbleibenden Schnee auf die gesamte Fläche der Schweiz, beträgt die Wassersäule 50 Millimeter. Wie wenig das ist, zeigt folgender Vergleich: Bei einem starken Gewitter können lokal ohne Weiteres an einem Tag 50 bis 70 Millimeter Regen fallen.

Leistungsreduktion bei AKW ab 21 Grad Wassertemperatur

Unter der Trockenheit leiden aber nicht nur Wasserkraftwerke. Auch Atomkraftwerke werden mit Flusswasser gekühlt. Die Wassermenge spielt dabei zwar nur eine untergeordnete Rolle: Für den Betrieb des AKW Beznau reichen 40 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, wie Mediensprecherin Anahid Rickmann sagt. Derzeit führe die Aare rund 250 Kubikmeter pro Sekunde. Das mit einem Kühlturm betriebene AKW Gösgen kommt gar mit einem Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus.

Dennoch könnte die Witterung für die ohne Kühlturm operierenden AKW Mühleberg und Beznau zum Problem werden. Denn für Atomkraftwerke, die ihr Kühlwasser zurück in einen Fluss leiten, gelten Temperaturobergrenzen. Drohen diese überschritten zu werden, müssen die AKW den Betrieb stufenweise herunterfahren. In Beznau geschieht dies laut Axpo ab 22 Grad, in Mühleberg laut BKW ab 21 Grad.

Im Hitzesommer 2003 musste in Beznau deswegen die Leistung der beiden Reaktoren mehrmals um einen Viertel gesenkt werden. In Mühleberg wurde der Reaktor von Juni bis August um zehn Prozent heruntergefahren. Nichts im Vergleich zu dem, was in diesem Jahr droht. Denn bereits Anfang Woche war die Aare in Bern über 17 Grad warm. 2003 war dies erst am 3. Juni der Fall. Zudem führte die Aare damals deutlich mehr Wasser und es lag viel mehr Schnee in den Bergen.

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