Legende  um einen Piloten: Den «Geist von Kiew» gibt es nicht – aber die «Geister von Kiew»
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Legende  um einen PilotenDen «Geist von Kiew» gibt es nicht – aber die «Geister von Kiew»

Die ukrainische Luftwaffe stellt klar, was es mit dem legendären Piloten auf sich hat, der 40 russische Flugzeuge abgeschossen haben soll.  

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Der ukrainische Sicherheitsdienst zeigte im Februar einen Kampfpiloten, der für die Öffentlichkeit zum «Geist von Kiew» wurde. 

Der ukrainische Sicherheitsdienst zeigte im Februar einen Kampfpiloten, der für die Öffentlichkeit zum «Geist von Kiew» wurde. 

Screenshot Telegram/SBU
Auch die Identität des legendären Fliegerasses schien gelüftet: Kampfjetpilot Stepan Tarabalka (29), der am 13. März im Kampf fiel und posthum mit der Medaille «Held der Ukraine» geehrt wurde.

Auch die Identität des legendären Fliegerasses schien gelüftet: Kampfjetpilot Stepan Tarabalka (29), der am 13. März im Kampf fiel und posthum mit der Medaille «Held der Ukraine» geehrt wurde.

Ukrainische Streitkräfte
Die ukrainische Luftwaffe stellt jetzt klar: Hinter dem «Geist von Kiew» steckt ein Piloten-Kollektiv der 40. taktischen Fliegerbrigade, das mit alten MiG-29s den Himmel über der Hauptstadt verteidigt (Symbolbild).

Die ukrainische Luftwaffe stellt jetzt klar: Hinter dem «Geist von Kiew» steckt ein Piloten-Kollektiv der 40. taktischen Fliegerbrigade, das mit alten MiG-29s den Himmel über der Hauptstadt verteidigt (Symbolbild).

REUTERS

Darum gehts

Er wurde schon zu Beginn des Krieges zur Legende: Der «Geist von Kiew», ein Pilot der ukrainischen Luftwaffe, der alleine 40 russische Jets abgeschossen und damit viel dazu beigetragen haben soll, dass Russland trotz grosser Überlegenheit den ukrainischen Luftraum nicht vollständig beherrscht.

Am Wochenende berichteten internationale Medien, auch 20 Minuten, dass der «Geist von Kiew» im März getötet worden sei. Auch die Identität des legendären Fliegerasses wurde gelüftet: Militärpilot Stepan Tarabalka (29). Ukrainische Behörden bestätigten, dass Tarabalka am 13. März im Kampf fiel und posthum mit der Medaille «Held der Ukraine» geehrt wurde. Auf Twitter veröffentlichte das ukrainische Verteidigungsministerium damals ein Video, das die Errungenschaften des 29-Jährigen ehrte. 

«Ein kollektives Bild von Piloten der 40. taktischen Fliegerbrigade»

Jetzt ist aus der Legende ein Mythos geworden. Die ukrainische Luftwaffe hat offiziell klargestellt: Tarabalka ist nicht der «Geist von Kiew» und er hat auch keine 40 russischen Flugzeuge abgeschossen – eine Zahl, die Militäranalysten von Anfang an stark bezweifelt hatten.

Vielmehr sei der «Geist von Kiew» ein «kollektives Bild von Piloten der 40. taktischen Fliegerbrigade der Luftwaffe, die den Himmel über der Hauptstadt verteidigen» und nicht «die Kampfbilanz eines einzelnen Mannes», so die Luftwaffe. Wenn schon, müsste man also von «Geistern von Kiew» sprechen – immerhin gelingt es den ukrainischen Piloten ja tatsächlich, Russland die Beherrschung des Luftraums streitig zu machen. 

«Steigerung der Moral»

Der ukrainische Militärhistoriker Mikhail Zhirohov bezeichnet den Mythos vom «Geist von Kiew» als «Propaganda zur Steigerung der Moral». In einem Gespräch mit der BBC sagte er: «Diese Propaganda ist wichtig, denn unsere Streitkräfte sind kleiner, und viele denken, dass wir den Russen nicht ebenbürtig sein können».

Entsprechend wichtig sei eine positive Erzählung, welche die Moral nicht nur der Streitkräfte, sondern der ganzen Nation stärke. 

Piloten mit veralteten russischen MiG-29 

Dass diese Piloten mit veralteten MiG-29 russischer Bauart fliegen, vervollständigt das Heldenbild, das gleich zu Kriegsbeginn verbreitet wurde. Der ukrainische Sicherheitsdienst (Sluschba bespeky Ukrajiny, SBU) veröffentlichte auf Telegram das Foto eines Kampfpiloten, der zehn russische Flugzeuge abgeschossen habe.

Der Name des Mannes wurde nicht genannt, und das verwendete Foto schien eine alte Aufnahme gewesen zu sein. Man beliess es bis jetzt offensichtlich bewusst dabei, dass die Öffentlichkeit in dem Unbekannten den «Geist von Kiew» sah. 

Die Beleidigung von Funker Hribow

In der Wirkung gleich, und doch mehr als eine Legende im Ukrainekrieg, sind die Ereignisse rund um das russische Flaggschif «Moskwa». Sie begannen mit dem Funkspruch des ukrainischen Marineinfanteristen Roman Hribow am 24. Februar – «Russian Warship, go fuck yourself» – …

… und fanden mit einer Briefmarke und der Zerstörung des stolzen russischen Lenkwaffenkreuzers am 14. April ihr Ende.

Nationale Legenden und Mythen, wie der «Geist of Kiew», entstehen umso leichter, je mehr gesicherte Fakten und Informationen fehlen und beschönigt werden können.

190 oder 26 Flugzeuge?

So hatte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte am 30. April erklärt, Russland habe bislang 190 Flugzeuge und 155 Hubschrauber verloren. Unabhängige Militäranalysten beziffern die russischen Verluste jedoch auf 26 Flugzeuge und 39 Hubschrauber sowie 48 Drohnen, wie  die «BBC» berichtet. 

Sowohl Russland als auch die Ukraine halten ihre Verluste streng geheim.

Wie um das Kapitel «Geist von Kiew» abzuschliessen, schreibt die ukrainische Luftwaffe jetzt auf Facebook, dass die «Superhelden-Legende» letztlich von Ukrainern geschaffen worden sei. Sie bittet die ukrainische Öffentlichkeit, die «Grundregeln der Informationshygiene» nicht zu vernachlässigen» und fordert sie auf, «die Quellen von Informationen zu überprüfen, bevor sie diese verbreiten». 

Nun betont die Luftwaffe, dass "Tarabalka nicht der 'Geist von Kiew' ist und er keine 40 Flugzeuge getroffen hat".

Sie beschreibt den "Geist von Kiew" als "ein kollektives Bild von Piloten der 40. taktischen Fliegerbrigade der Luftwaffe, die den Himmel über der Hauptstadt verteidigen", und nicht als die Kampfbilanz eines einzelnen Mannes.

(gux)

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