Wie krank bin ich?: «Den Gentest aus der Migros wird es nie geben»
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Wie krank bin ich?«Den Gentest aus der Migros wird es nie geben»

Am Donnerstag entscheidet der Nationalrat, ob Gentests künftig für alle erlaubt sein sollen. Gesundheits-Experten von links bis rechts sind grundsätzlich dafür - warnen aber auch vor Gefahren.

von
Jessica Pfister
Eine Speichelprobe genügt für einen Gentest. Doch mit den Daten alleine können die Kunden oft nichts anfangen.

Eine Speichelprobe genügt für einen Gentest. Doch mit den Daten alleine können die Kunden oft nichts anfangen.

Droht mir ein Herzinfarkt? Erkranke ich dereinst an Parkinson? Sind meine Gene verantwortlich für mein Übergewicht? Antworten auf diese Fragen kann ein Gentest aus dem Internet liefern - schnell in ein Röhrchen gespuckt, Probe ans Labor geschickt und wenige Wochen später kommt der Bescheid per E-Mail. Was im Ausland bereits Usus ist, soll auch in der Schweiz erlaubt werden. Der Nationalrat diskutiert am Donnerstag einen entsprechenden Vorstoss von CVP-Nationalrat Jacques Neirynck. Er will das Recht auf einen Gentest für jedermann gegen Bezahlung gesetzlich verankern.

Gesundheitspoltiker von links bis rechts haben das Anliegen unterschrieben und können sich zumindest eine schrittweise Liberalisierung des bestehenden Gesetzes vorstellen. «Es ist besser, wir bieten hierzulande seriöse und qualitativ hochstehende Tests an, als dass die Schweizer ihre Speichelproben ins Ausland schicken», sagt SVP-Gesundheitspolitiker Jürg Stahl. Für SP-Nationalrätin Bea Heim ist der Handlungsbedarf ebenfalls klar. «Um Missbrauch und Scharlatanerie zu verhindern, sollten wir die Gentests - unter strengen Voraussetzungen - erlauben.»

«Banale Untersuchungen in Apotheke»

FDP-Nationalrat und Arzt Ignazio Cassis stellt die Frage, ob die Gesellschaft für das neue Instrument der Genanalyse bereit sei. Er vergleicht die Erb- mit den Schwangerschaftstests. «Vor 20 Jahren konnte man solche Tests nur beim Arzt durchführen, heute liegen sie bei der Migros im Regal», sagt Cassis. Die Tests seien inzwischen zuverlässig und die Frauen gut informiert. Ein Gentest beim Detailhändler werde es wohl nie geben, doch in der Apotheke kann sich Cassis «banale Untersuchungen» wie Bluttests durchaus vorstellen.

Kritischer ist CVP-Nationalrätin Kathy Riklin. Auch sie hat Neiryncks Anliegen unterzeichnet, ist aber inzwischen vorsichtig geworden. Grund ist die missglückte Kampagne von ETH-Professor Ernst Hafen. Dieser forderte in der «NZZ am Sonntag» den Bund auf, den Markt für Gentests zu öffnen. Seine Offensive wurde von vielen Experten als Werbetour für Internet-Gentests von privaten Firmen kritisiert. Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) zog darauf eine Informationskampagne zu Vor- und Nachteilen von Gentests zurück und eröffnete Mitte Februar eine Untersuchung gegen Hagen wegen wissenschaftlichem Fehlverhalten. «Die ganze Geschichte hat einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen», so Riklin. Ausserdem bezweifle sie, dass das Parlament die richtige Instanz sei, um ein solch heikles Gesetz zu revidieren.

«Vorschläge bis Ende Jahr beisammen»

Klar gegen Gentests für den Hausgebrauch spricht sich die Grüne Gesundheitspolitikerin Yvonne Gilli aus. «Es wäre verantwortungslos, solche Tests einfach zugänglich zu machen.» Denn immerhin würden Erbanalysen oft nicht nur eine Person betreffen. Wenn zum Beispiel eine 48-jährige Mutter an Brustkrebs erkranke und ein Internet-Gentest ergebe, dass sie diesbezüglich erblich vorbelastet sei, könne das für die Töchter gravierend sein. «Sie sind dann einfach mit der Analyse konfrontiert, ohne durch Ärzte beraten zu werden.» Allerdings steht auch für Gilli fest, dass der Bundesrat das Gesetz unter die Lupe nehmen muss. Sie unterstützt deshalb eine entsprechende Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, welche der Nationalrat ebenfalls am Donnerstag diskutiert.

Dieser Vorstoss wäre gar nicht nötig. Denn die Expertenkommission des Bundes ist laut Präsidentin Sabina Gallati bereits daran, das Gesetz zu durchleuchten. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt für Gentests in der Schweiz geöffnet wird, ist gross. «Bis Ende Jahr wollen wir die Vorschläge für eine Gesetzesrevision beisammen haben», sagt Gallati. Bis dahin gehe es vor allem darum, die Bevölkerung zu informieren und zu sensibilisieren. Dazu verteile der Bund Flyer, wende sich an Schulen und Krankenkassen. Denn Gallati sieht zwei Probleme bei den heutigen Gentests. Zum Einen sei der Datenschutz nicht gewährleistet. So könne beispielsweise jemand den Speichel seines Kindes oder seines Partners ohne deren Wissen einschicken. Zum Anderen fällt Gallatis Urteil über die Qualität der Test vernichtend aus: «Solche Internet-Gentests momentan ungefähr so zuverlässig wie Horoskope.»

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