Ausstieg mit Schleudersitz: «Den Jet allein zu lassen, ist ein Horror-Szenario»
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Ausstieg mit Schleudersitz«Den Jet allein zu lassen, ist ein Horror-Szenario»

Ein Pilot der Patrouille Suisse musste sich mit dem Schleudersitz retten. Wie schwierig ist das? Und wie wird es trainiert? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

von
V. Fehlmann
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Absturzstelle in Leeuwarden nahe eines Gewächshauses: Zwei Jets der Patrouille Suisse haben sich während eines Trainingsfluges in den Niederlanden berührt. (9. Juni 2016).

Absturzstelle in Leeuwarden nahe eines Gewächshauses: Zwei Jets der Patrouille Suisse haben sich während eines Trainingsfluges in den Niederlanden berührt. (9. Juni 2016).

Keystone
Aldo C. Schellenberg (r.), Kommandant der Luftwaffe, und Pierre de Goumoens, ZSO Kommandant Luftwaffe, informierten in Bern über den Absturz.

Aldo C. Schellenberg (r.), Kommandant der Luftwaffe, und Pierre de Goumoens, ZSO Kommandant Luftwaffe, informierten in Bern über den Absturz.

Keystone/Lukas Lehmann
Während ein Pilot seinen Jet sicher landen konnte, ist die andere Maschine abgestürzt. Der Pilot konnte jedoch den Schleudersitz betätigen.

Während ein Pilot seinen Jet sicher landen konnte, ist die andere Maschine abgestürzt. Der Pilot konnte jedoch den Schleudersitz betätigen.

Keystone

Während eines Trainingsflugs der Patrouille Suisse haben sich zwei F-5-Tigerjets in den Niederlanden touchiert. Ein Pilot konnte seinen beschädigten Flieger noch sicher landen. Für Aviatik-Experte Max Ungricht war das «eine grosse fliegerische Leistung». Der andere Pilot musste sich mit dem Schleudersitz retten. Doch wie wird ein solcher Notfall trainiert? Und welche Gefahren birgt ein Ausstieg mit dem Schleudersitz? Ungricht beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie trainieren die Piloten den Ausstieg mit dem Schleudersitz?

Heute wird das nicht mehr physisch geübt, denn das ist eine unglaubliche Belastung für den Körper. Früher wurden die Piloten noch mit einem Raketen-Schleudersitz trainiert. Heute läuft das mental ab. Der Ablauf wird im Kopf und im Cockpit immer wieder durchgegangen.

Wann fällt ein Pilot die Entscheidung, den Schleudersitz zu betätigen?

Der Pilot versucht primär, das Flugzeug auf den Boden zurückzubringen. Die Piloten der Patrouille Suisse haben intensiv trainiert, dass man sich bei einer technischen Störung oder einem Notfall sofort vom Team entfernt. Wenn der Pilot das Gefühl hat, er kann das Flugzeug noch landen, verlässt er es auch nicht. Erst wenn es unsteuerbar ist, löst man den Schleudersitz aus. Einige sind dazu mental bereit, andere weniger. Zögern kann über Leben oder Tod entscheiden. Trotz mentalem Training weiss niemand, wie er in einer Krisensituation wirklich reagiert.

Wie läuft der Notausstieg ab?

Vor dem Start wird der Schleudersitz entsichert. Löst ihn der Pilot aus, so wird zuerst die Kabinenhaube weggesprengt. Der Schleudersitz wird durch eine Sprengkapsel ausgelöst. Bei älteren Modellen wie dem F-5 muss dieser Ausstieg auf einer bestimmten Mindesthöhe erfolgen. Bei neuen Kampfflugzeugen kann der Schleudersitz auch am Boden ausgelöst werden.

Was passiert, wenn man sich aus dem Flugzeug schleudert?

Die Beschleunigung ist enorm. In einigen Hundertstelsekunden wird der Körper durch die Sprengung auf rund 14 bis 15 G beschleunigt. Diese Kräfte belasten die Wirbelsäule massiv. Der Pilot sollte deshalb aufrecht sitzen und den Kopf nicht nach unten halten. Oft werden Piloten nach der Betätigung des Schleudersitzes bewusstlos. Deshalb funktionieren die Trennung vom Sitz und das Öffnen des Notschirmes automatisch.

Wie gefährlich ist der Ausstieg mit dem Schleudersitz?

Viele, die das einmal gemacht haben, leiden unter Rückenproblemen. Gefährlich wird es, wenn der Pilot gebeugt im Flieger sitzt oder den Kopf gesenkt hält. Der Ausstieg kann deshalb auch tödlich enden. Es sind zudem Fälle bekannt, in denen die Piloten verletzt wurden, weil sich die Kabinenhaube nicht korrekt löste oder weil sie mit dem eigenen Flugzeug kollidiert sind. Die Rettungsschirme sind aus Platzgründen und wegen des Gewichts kleiner als normale Fallschirme. Die Sinkgeschwindigkeit ist mit 5 bis 6 m/s entsprechend höher und sie können nur beschränkt gesteuert werden. Beim Aufprall – zum Beispiel in unwegsamem Gelände – kann sich der Pilot verletzen.

Was geht in den Köpfen der Piloten vor?

Das ist unterschiedlich. Manche kommen nach so einem Ereignis ins Grübeln, andere stecken das besser weg. Wie bei anderen exponierten Berufen oder beim Sport sind sie sich des Risikos bewusst. Der Entscheid, den Sitz zu lösen, ist nicht einfach. Jeder Pilot ist zwar mental darauf vorbereitet, aber das Wissen, dass seine Maschine unkontrolliert weiterfliegt und eine Gefahr für Menschen am Boden sein kann, ist für ihn ein Horrorszenario.

Hier ist der Patrouille-Suisse-Pilot gelandet:

Die Absturzstelle des F-5-Jets:

Piloten werden befragt

Der Pilot, der sich mit dem Schleudersitz retten konnte, wurde bei der Landung in einem Gewächshaus verletzt. Mittlerweile konnte er das Spital aber wieder verlassen. «Es geht ihm den Umständen entsprechend gut», sagt Tobias Kühne, Sprecher der Militärjustiz. Die niederländischen Behörden haben bereits eine erste Befragung der Piloten durchgeführt. Am Freitagnachmittag folgt die Befragung durch die Schweizer Militärjustiz. Über die Erkenntnisse wird jedoch nichts bekannt gegeben. Resultate werden erst nach Abschluss der Untersuchung veröffentlicht, sagt Kühne.

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