Fall Lela: «Den Kindern fehlt es in Marokko an allem»
Aktualisiert

Fall Lela«Den Kindern fehlt es in Marokko an allem»

Die Geschichte von Lela und Elias bewegt die Schweiz: Ihre psychisch angeschlagene Mutter wurde nach Marokko ausgeschafft, die Kleinkinder ihren Pflegefamilien weggenommen. Jetzt erhebt die Tante schwere Vorwürfe gegen die Behörde.

von
Simon Städeli

Die 2-jährige Lela hat unter dem Pseudonym Ella in den letzten Tagen für Schlagzeilen gesorgt. Lela und ihr Brüderchen Elias, 1-jährig, wurden letzten Donnerstag nach Marokko zu ihrer Mutter gebracht (20 Minuten berichtete). Zuvor lebten die Kinder in Pflegefamilien in der Ostschweiz. Weil die Mutter, Ghizlane B.*, an psychischen Problemen litt, durfte sie die Kinder nur alle zwei Wochen besuchen. Im September wurde B. nach Marokko ausgeschafft, weil ihr Visum abgelaufen war. Den Kindern gehe es gut, meldeten die Thurgauer Behörden.

«Es fehlt an allem»

Nun meldet sich die Schwester von B. zu Wort: «Den Kindern fehlt es in Marokko an allem: Sie haben keine Betten, keine Kleider, keine Windeln», so N.Z.*, die seit mehreren Jahren in der Schweiz lebt und anonym bleiben will. Bereits nach der Rückführung der Kinder wurde das zuständige Amt aus dem Umfeld der Pflegefamilie scharf kritisiert: Die Kinder würden ihrem Schicksal überlassen, die Entscheidung sei verantwortungslos.

Die Vormundschaftsbehörde Matzingen verteidigt sich, die Situation in Marokko sei begutachtet worden, die Kinder seien gut aufgehoben. Zudem werde die Familie in Marokko weiterhin unterstützt: «Bis Ende Jahr leisten wir finanzielle Unterstützung - aus Goodwill», sagt Gemeindeammann Walter Hugentobler. Wie hoch diese ausfällt, will er nicht sagen.

Tante sammelt Geld

Lela und Elias seien zwar in der Grossfamilie von B. sehr gut aufgehoben, doch die Familie sei arm. «Sie braucht dringend Hilfe», sagt sie. Z. und Freunde der Familie haben nun ein Spendenkonto eröffnet, mit dem sie Geld für die Kinder auftreiben wollen.

Rätselhaft sind indes die Umstände um die Rückführung von Lela und Elias. Eigentlich hätte Z. am letzten Donnerstag ebenfalls mit den Kindern nach Marokko reisen wollen, doch dies sei in letzter Sekunde von den Behörden verhindert worden, sagt sie. «Man hat mich am Flughafen stehen gelassen mit mehreren Koffern voll Kleidern für die Kinder, die sie dringend brauchen», so Z. Ihr Ticket sei umgebucht worden, stattdessen sei eine Kollegin der Sozialarbeiterin mitgeflogen. Um «Ferien zu machen», wie Z. sagt. «Das ist ein Skandal. Ich war die Einzige, die sich wirklich für das Wohl der Kinder einsetzte», so Z.

Anders tönt die Version der Organisation, deren Fachpersonen Lela und Elias nach Marokko begleiteten. Laut einer Sprecherin der Organisation bestand im Vorfeld zwar die Idee, dass die Tante der Kinder die Reise ebenfalls begleiten könnte. «Z. habe aber am Vorabend der Reise nach einer Rückfrage ausdrücklich bestätigt, dass sie nicht mitreisen werde», so die Sprecherin. Deshalb sei auch der Flug umgebucht worden, um eine zweite Fachperson als Begleitung für die Kinder mitfliegen zu lassen. Mit «Ferien machen» habe die Aufgabe der Organisation nichts zu tun gehabt.

*Namen bekannt

(Mitarbeit: tob)

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