Bestechungsfall BVK: Den korrupten Beamten auf der Spur
Aktualisiert

Bestechungsfall BVKDen korrupten Beamten auf der Spur

Im Fall der Zürcher Beamtenversicherungskasse kristallisiert sich ein erstes Muster heraus. Doch wer nachfragt, stösst auf eine Mauer des Schweigens.

von
Lukas Hässig

Der Lieferwagen stoppte abrupt. Sofort stieg rund ein Dutzend Beamte aus und marschierte im Eilschritt zum Bürogebäude. Einer der Ermittler drückte den Klingelknopf. Dann ging die Tür auf. Es war Montag, 14. Juni, um die Mittagszeit.

Die Verantwortlichen der Beteiligungsgesellschaft HBM BioVentures in Zug wussten schon, was auf sie zukam. Ihre Vorahnung stammte aus der Lektüre der «NZZ am Sonntag» vom Vortag. Diese hatte von einer Hausdurchsuchung beim schweiz-bulgarischen Investor Rumen Hranov berichtet. Hranov sass bis 2007 im Verwaltungsrat von HBM BioVentures und ist heute noch VR-Mitglied von HBM Partners. Derzeit wird gegen Hranov wegen möglicher Bestechung im Fall der Zürcher Beamtenversicherungskasse (BVK) ermittelt.

Nach einer Stunde war der Spuk vorbei

Die Durchsuchung bei HBM BioVentures verlief ruhig und professionell, sagt ein Beteiligter gegenüber 20 Minuten Online. Die Mehrheit der Beamten stammte aus Zürich, wo die zuständige Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte im BVK-Dossier ermittelt. Nach einer Stunde war der Spuk vorüber, und die Beamten zogen mit einer Handvoll Bundesordnern ab, welche die Führung von HBM BioVentures in den wenigen Stunden vor der von ihnen erwarteten Aktion aussortiert hatten.

Laut einem HBM-Beteiligten, der nur anonym Auskunft gibt, suchten die Fahnder Belege für eine Transaktion aus dem Jahr 2001. Damals befanden sich Henri B. Meier, Ex-Finanzchef von Pharmamulti Roche und Namensgeber der Beteiligungsgesellschaft HBM, und seine Mitstreiter auf der Suche nach Kapitalgebern.

Einer von Meiers Geschäftspartnern war Rumen Hranov. Der Investor war finanziell und als Mitglied des Verwaltungsrats in Meiers Finanzvehikel engagiert, das sich auf Investments in aufstrebende Jungfirmen aus der Biotechnologie spezialisierte. Zur gleichen Zeit war Hranov auch massgeblicher Miteigentümer der Bank Swissfirst von Thomas Matter, mit dem sich Hranov ein paar Jahre später überwerfen sollte.

Hranov half mit bei Aktienplatzierung von HBM BioVentures

Bei der Aktienplatzierung von HBM BioVentures war Hranov laut dem HBM-Insider ein aktiver Vermittler. Hranov soll die BVK, mit rund 100 000 Mitgliedern die zweitgrösste Pensionskasse der Schweiz, zu einem gewichtigen Engagement bewogen haben. Die NZZ am Sonntag schrieb von 20 Millionen Franken, welche die BVK in Aktien der HBM BioVentures angelegt haben soll. In Kreisen von damals involvierten Zürcher Banken ist die Rede von 40 Millionen.

Den Lead der HBM-Aktienplatzierung hatte die Zürcher Privatbank Julius Bär. Als Konsortialführerin war Julius Bär Verbindungsglied zwischen HBM BioVentures als kapitalsuchende Herausgeberin der Aktien, weiteren vermittelnden Banken als Ko-Konsortialführer sowie interessierten Investoren. Wie jede Konsortialführerin versprach Julius Bär HBM möglichst viel Eigenkapital zu einem möglichst attraktiven Preis aufzutreiben. Als Gegenleistung schuldete HBM Bär eine Vermittlungsgebühr.

Platzierungsgebühr

Eine der Ko-Konsortialführer war die Bank Swissfirst, für die auch Rumen Hranov tätig war. Laut dem HBM-Insider könnte Hranov seine Mehrfachposition ausgenutzt haben. Er könnte die Zürcher BVK zur Zeichnung eines grossen HBM-Aktienpakets bei der Bank Swissfirst bewegt haben. Für diesen Erfolg hätte Swissfirst von Konsortialführerin Julius Bär eine Platzierungsgebühr von rund 2 bis 3 Prozent zugute gehabt, hinzu wären noch rund 0,5 Prozent Administrationsgebühr gekommen.

Entscheidend war die Platzierungsgebühr. Sollte die BVK tatsächlich HBM-Akten im Wert von rund 40 Millionen Franken gezeichnet haben, so hätte sich diese Gebühr auf rund eine Million Franken belaufen. Da die Swissfirst in diesem Szenario lediglich Rechnungsstelle war, die eigentliche Arbeit aber ihr damaliger Partner Hranov als Privatperson verrichtet hätte, wäre die Platzierungsgebühr diesem zugestanden. Aus dem Swissfirst-Umfeld ist zu vernehmen, dass Hranov solche Guthaben jeweils auf ein Konto einer seiner Firmen überwiesen worden seien. Die Weitervergütung von Platzierungsgebühren an die Leistungserbringer sei Usanz in der Branche.

Die Ermittler vermuten eine Bestechung des BVK-Anlagechefs durch Hranov

Nicht Usanz war, was dann weiter passiert sein soll, wie verschiedene Involvierte aufgrund des derzeitigen Ermittlungsstands vermuten. Hranov könnte einen Teil seiner Platzierungsgebühr BVK-Anlagechef D.G. ausbezahlt haben. Das ist derzeit noch Spekulation, allerdings können sich die Ermittler auf die Aussagen des seit bald zwei Monaten inhaftierten Ex-PK-Kadermanns stützen, der weitgehend geständig ist.

In einer Mitteilung gab die zuständige Wirtschafts-Staatsanwaltschaft Zürich dementsprechend letzte Woche einen expliziten Hinweis. In ihrem Communiqué schrieb sie, es würde untersucht, «ob der ehemalige Anlagechef BVK im Zusammenhang mit dem Engagement der BVK bei der HBM BioVentures AG im Jahre 2001 von einem ehemaligen Verwaltungsratsmitglied dieser Gesellschaft einen ebenfalls sechsstelligen Geldbetrag entgegengenommen» habe.

Bemerkenswert ist, dass der nun unter Verdacht stehende Rumen Hranov im Herbst 2005 selbst eine erste PK-Lawine losgetreten hatte. Hranov drohte damals seinem Swissfirst-Partner Thomas Matter mit Strafanzeigen, wenn dieser ihm nicht umgehend eine hohe Millionensumme für – wie von Hranov behauptet – entgangene Gewinne berappen würde. Hranov fühlte sich von Matter rund um die damalige Zusammenlegung von Swissfirst mit Konkurrentin Bellevue über den Tisch gezogen.

Schweigen herrscht

Als Hranov den Druck auf Matter und die Swissfirst erhöhte, mahnte ihn sein Geschäftspartner bei der HBM BioVentures, Henri B. Meier, zu Zurückhaltung. «Lieber Rumen», begann Meier ein Schreiben an Hranov vom 12. Oktober 2005: «Ich schreibe Dir als langjähriger Kollege im Verwaltungsrat und Mitbegründer der HBM Partners. (...) Ich schlage vor, dass ihr euch [Anmerkung: Matter und Hranov], um Zeit und Geld zu sparen, sofort auf einen Friedensrichter einigt. Die Idee, via Boulevardpresse dein Gegenüber zu erpressen oder dich an ihm zu rächen, ist nicht in deinem Interesse. Nicht nur wirst du selbst zum Opfer der Boulevardpresse, sondern du exponierst dich unnötigerweise Schadenersatzklagen.»

Meiers Worte verhallten ungehört, Hranov liess sich von seinem Rachefeldzug gegen Matter nicht abbringen. Er reichte gegen diesen im November 2005 Strafanzeige wegen «falscher und irreführender Angaben» ein. Einige Monate später, im Juli 2006, berichtete die «NZZ am Sonntag» von fünf Pensionskassen und zwei Versicherungen, die wie Hranov Millionen auf dem Tisch liegengelassen haben sollen, weil sie der Swissfirst vor Bekanntwerden der Fusion mit Bellevue Swissfirst-Aktien angedient hätten. Der Swissfirst-Kurs schoss nach dem Deal in die Höhe. Tage später machte die «Finanz und Wirtschaft» die Namen der sieben Verkäufer von Swissfirst-Aktien bekannt. Auch Hranov verfügte über eine Liste mit den involvierten Anlage-Managern. Nicht darauf war der heute geständige D.G. von der Zürcher BVK, hingegen ein Manager der Siemens-PK, der später wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung verurteilt wurde. Die Strafermittlungegen gegen Swissfirst-Chef Thomas Matter wurden im Frühling 2008 ergebnislos eingestellt.

Ein Sprecher von Hranov wollte keine Stellung nehmen. Eine Sprecherin der Zürcher Ermittlungsbehörden schrieb in einem Mail, dass «um die Ermittlungen nicht zu tangieren, keine weiteren Auskünfte zur BVK» erteilt würden. Die Zürcher Wirtschafts-Staatsanwaltschaft gab zuletzt bekannt, dass von acht Verdächtigten drei in Untersuchungshaft wären. Einer der drei, der Financier Walter Meier, wurde am Montag wieder aus der U-Haft entlassen, wie die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich gegenüber dem «Tages-Anzeigers» bestätigte – die Verdunklungsgefahr sei nicht mehr gegeben.

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