Berufslehre: «Den Lehrvertrag auflösen ist keine Katastrophe»

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Berufslehre«Den Lehrvertrag auflösen ist keine Katastrophe»

Rund jeder vierte Lehrling löst seinen Lehrvertrag auf. Andrea Ruckstuhl über die Gründe und warum die Chancen auf einen Abschluss bei vielen trotzdem gut stehen.

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lin
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Viele Jugendliche lösen ihre Lehrverträge auf.

Viele Jugendliche lösen ihre Lehrverträge auf.

AP/Thomas Kienzle
Je nach Beruf beträgt die Quote zwischen 10 und 50 Prozent.

Je nach Beruf beträgt die Quote zwischen 10 und 50 Prozent.

Keystone/Lukas Lehmann
19 Prozent der Strassenbauer lösen ihren Lehrvertrag frühzeitig auf.

19 Prozent der Strassenbauer lösen ihren Lehrvertrag frühzeitig auf.

Keystone/Anthony Anex

Herr Ruckstuhl*, wer löst besonders oft Lehrverträge auf?

Das ist vor allem eine Frage der Branche. Warum das so ist, lässt sich nicht so einfach beantworten. Aber es gibt Branchen, die ganz generell sehr volatil sind, wo es also viele Jobwechsel gibt. Das kann für die Lernenden beispielsweise dann schwierig sein, wenn frühe Lehrvertragsverhandlungen stattfinden und die Jugendlichen bei Lehrstellenantritt andere Leute als in der Schnupperlehre antreffen. Neben den Unterschieden je nach Branche lässt sich zudem feststellen, dass Ausbildungen, die von schulisch Schwachen absolviert werden, eher von Vertragsauflösungen betroffen sind.

Was sind die häufigsten Gründe fürs Auflösen des Lehrvertrags?

Einerseits die falsche Berufswahl. Die Jugendlichen merken, dass der Beruf ganz anders ist, als sie sich vorgestellt haben. Andererseits, wenn der Beruf zwar gefällt, es aber Probleme im Betrieb gibt. Ein weiterer Grund ist auch, dass die neue Situation in der Lehre die Jugendlichen überfordert. Man ist als junger Mensch erstmals in der Arbeitswelt, wo ein anderer Wind weht als in der Schule.

Zu welchem Zeitpunkt werden die meisten Lehrverträge aufgelöst?

Die allermeisten Auflösungen geschehen im ersten Lehrjahr und viele davon noch in der Probezeit, was durchaus sinnvoll ist. Idealerweise hat man bei der Vertragsauflösung bereits eine Anschlusslösung. Grundsätzlich stehen die Chancen sehr gut, einen neuen Lehrbetrieb zu finden. Die Lehrvertragsauflösung ist nicht das Ende der Berufskarriere. Aber: Je länger man keinen neuen Vertrag findet, desto schwieriger wird es. Haben Betroffene auch ein halbes Jahr nach der Vertragsauflösung noch keinen neuen Lehrvertrag, sinken die Chancen deutlich. Schwierig wird es auch, wenn bei der Vertragsauflösung die Lehre bereits mehrere Jahre fortgeschritten ist. Dann ist das Finden einer neuen Lehrstelle äusserst anspruchsvoll.

Was sollten Jugendliche tun, wenn sie merken, dass ihnen die Lehre nicht gefällt?

Eine Lehrvertragsauflösung ist keine Katastrophe. Wichtig ist, dass Probleme möglichst bald und sachlich angesprochen werden. Oft lassen sich so schwierige Lehrverhältnisse noch retten. Vielleicht reicht es bereits, dass die Lernenden die Abteilung wechseln.

Können Überraschungen in der Lehre überhaupt verhindert werden?

Ganz verhindern lassen sich unliebsame Überraschungen nicht. Es ist entscheidend, dass Jugendliche sich bei der Berufswahl gut mit dem Beruf auseinandersetzen. Vor allem Schnupperlehren bieten einen guten Einblick. Hat man den richtigen Beruf gefunden, sollte zudem in verschiedenen Betrieben geschnuppert werden.

Auf was sollten Eltern achten, wenn es Probleme in der Lehre gibt?

Eltern sollten vor allem ein offenes Ohr für Probleme haben und zuhören. Es ist immer auch eine Balance zwischen durchgehen lassen und eingreifen. Natürlich sollte die Lehre nicht gerade beim ersten Gegenwind hingeschmissen werden. Die Jugendlichen müssen bereit sein, etwas Widerstand auszuhalten. In jedem Beruf gibt es Sachen, die man nicht so gerne macht. Die meisten Eltern sind ja auch arbeitstätig und spüren, wann es sich lohnt durchzubeissen und wann nicht. Die Eltern können die Jugendlichen zudem dabei unterstützen, Hilfe zu holen.

Wie sieht diese Hilfe aus?

In allen Kantonen gibt es Behörden, die Hilfe anbieten oder diese vermitteln können. Die Ansätze sind dabei ganz unterschiedlich. Bei Job Caddie etwa geschieht die Unterstützung über Mentoring mit engagierten Laien.

* Andrea Ruckstuhl ist Programmleiter von Job Caddie. Der Dienst unterstützt in Zürich und Zug Jugendliche bei Schwierigkeiten während oder nach der Lehre.

Lehrabbruch vs. Lehrvertragsauflösung

«Umgangssprachlich spricht man häufig von Lehrabbrüchen, aber eigentlich sind Lehrabbrüche nur dann der Fall, wenn die lernende Person nach einer Lehrvertragsauflösung nicht wieder in eine Berufslehre einsteigt oder aber die Abschlussprüfung endgültig nicht besteht», erklärt Jörg Neumann vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung. Wird die Ausbildung gewechselt aber abgeschlossen wird von einer Lehrvertragsauflösung gesprochen. (lin)

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