Proteste angekündigt: «Den Papst in die Schranken weisen»
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Proteste angekündigt«Den Papst in die Schranken weisen»

20 Termine in 80 Stunden: Der Papst hat bei seinem geplanten dritten Deutschland-Besuch ein gedrängtes Programm vor sich. Dabei dürfte ihm auch ein rauher Wind entgegen wehen.

Wird in Deutschland auch kritischen Stimmen ausgesetzt sein: Papst Benedikt XVI begrüsst am 11. September seine Anhänger bei einer Messe in Ancona.

Wird in Deutschland auch kritischen Stimmen ausgesetzt sein: Papst Benedikt XVI begrüsst am 11. September seine Anhänger bei einer Messe in Ancona.

Papst Benedikt XVI. ist ab Donnerstag erneut in Deutschland zu Gast. Doch ob der mittlerweise dritte Besuch des katholischen Kirchenoberhaupts in seinem Heimatland überhaupt noch ein Erfolg werden kann, ist zweifelhaft.

Denn längst hat der geplante Boykott der Papst-Rede im Bundestag durch Dutzende Abgeordnete von SPD, Grünen und Linken andere Themen der Reise überlagert.

Die Kritiker werfen Benedikt vor, als Staatsoberhaupt des Vatikans Herrscher eines undemokratischen Staates zu sein. Viele stossen sich zudem an der strikten Sexualmoral der katholischen Kirche.

Bereits seit Wochen wird auch in diversen Veranstaltungen über «Benedikts Kreuzzug», in dem er «die Moderne bekämpft», oder den «heiligen Schein», hinter dem sich der Vatikan in der Debatte um den Umgang mit Homosexuellen verstecke, diskutiert. Kritisiert wird zudem auch die katholische Haltung zur Gleichstellung von Frauen und zur «Kondompolitik».

«Vatikan nicht einmal eine Demokratie»

«Uns ist völlig unverständlich, warum der Papst im Bundestag reden darf», sagt Pascal Ferro, Koordinator des Berliner Protestbündnisses «Der Papst kommt». Der Vatikan habe «eigene menschenfeindliche Gesetze» und sei «doch noch nicht einmal eine Demokratie».

«Unser Bündnis protestiert nicht gegen den Glauben, sondern fordert auch Katholiken zum Protest gegen die Haltung der Kirche auf», so Ferro weiter. Sein Protestbündnis hat eine Kundgebung angekündigt, die zeitgleich zur Papstrede im Parlament stattfindet. Der «bunte, laute und ausgelassene Protest» soll am Potsdamer Platz stattfinden, die Berliner Justiz hat die Kundgebung vom Brandenburger Tor verbannt.

Der Papst besucht nebst Berlin, auch die Bistümer von Erfurt und Freiburg. Das Programm des von Donnerstag bis Sonntag dauernden Deutschlandaufenthaltes unter dem Motto «Wo Gott ist, da ist Zukunft» ist dabei dicht gedrängt.

Öffentliche Gottesdienste

Sechs öffentliche Gottesdienste und Gebete wird der Papst halten, darunter Grossgottesdienste im Berliner Olympiastadion, auf dem Erfurter Domplatz und auf dem Freiburger Flughafen. Er wird in Berlin Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen und vor dem Bundestag reden.

In Erfurt wird er sich am Freitag bei einem historischen Besuch in das Augustinerkloster begeben, in dem einst Reformator Martin Luther lebte, und mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland reden. Und in Freiburg will sich der Papst am Sonntag nach einem Gespräch mit Verfassungsrichtern über das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland äussern.

Zu diesen Themen kommen Begegnungen mit Jugendlichen, Vertretern des Judentums, der Orthodoxen und des Islams sowie ein Gespräch mit Altkanzler Helmut Kohl. Alles in allem über 20 Termine in gerade mal gut 80 Stunden, die der Papst auf deutschem Boden verbringen wird.

Freiburger Münster mit rosafarbenem Kondom

Aber auch in Erfurt und Freiburg sind Proteste geplant. In der Hauptstadt von Thüringen, wo der Papst am Freitagvormittag eintreffen soll, plant das linksgerichtete Bündnis «Heidenspass statt Höllenangst» für den frühen Abend eine Demonstration. Parallel zur grossen Papstmesse am Samstagmorgen auf dem Domplatz wollten die Kritiker zudem eine sogenannte religionsfreie Zone im Stadtzentrum einrichten.

Und die Kritiker im badischen Freiburg erwarten Benedikt XVI. mit einer klaren Ansage. «Freiburg ohne Papst» heisst das Gegnerbündnis, auf dessen Internetseite das Freiburger Münster mit einem rosafarbenen Kondom über seinem Turm prangt.

Dem Papst müsse ebenso wie Repräsentanten totalitärer Staaten klar widersprochen werden, wenn er sich etwa gegen Homosexuellen- oder Frauenrechte positioniere. «So jemanden muss man doch in die Schranken weisen», fordert Mathias Falk, einer der Organisatoren des Protests.

181 000 Menschen traten 2010 aus der katholischen Kirche aus

Und jenseits des offiziellen Programms scheint es einen weiteren Termin zu geben: Als eine «Geste des direkten Hörens» will Benedikt sich mit Missbrauchsopfern und Menschen, die sich um diese Opfer kümmern, treffen. Ort und Zeitpunkt sind geheim.

In diesem Missbrauchsskandal liegt der Grund, dass Benedikt in Deutschland ein kühler Empfang droht. Schon sein Vorgänger Johannes Paul II. war bei seinen drei Deutschlandbesuchen auf wachsende Kritik gestossen, auch bei ihm spielte die katholische Sexualmoral eine grosse Rolle.

Bei Themen wie der Ablehnung der Homosexualität oder dem Verbot der Verhütung hat sich die Haltung der Kirche seither nicht geändert.

Doch in den seit Jahren anhaltenden Prozess der Abwendung von der katholischen Kirche ist durch den im vergangenen Jahr aufgekommenen Missbrauchsskandal Tempo gekommen. Mehr als 181 000 Menschen traten 2010 aus der katholischen Kirche aus, 57 000 mehr als im Jahr davor.

(sda)

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