Aktualisiert 09.07.2014 13:50

Urbane Selbstversorger

Den Salat holen sie sich auf dem Friedhof

Selber Gemüse anzupflanzen reicht den urbanen Sammlern nicht: Sie suchen sich ihr Grünzeug in städtischen Parks und bei Bahnhöfen. Gesundheitlich ist das jedoch nicht ohne Risiko.

von
Florian Meier
Maurice Maggi sammelt in der Stadt Zürich Bärlauch. Er ist einer der Vordenker der urbanen Sammler-Bewegung.

Maurice Maggi sammelt in der Stadt Zürich Bärlauch. Er ist einer der Vordenker der urbanen Sammler-Bewegung.

Dass viele Städter ihre Tomaten gerne auf dem Balkon heranziehen, ist bekannt. Doch es gibt auch jene, denen das nicht genug Selbstversorgung ist: die modernen Sammler, die sich ihr Essen in der ganzen Stadt zusammensuchen. Eine von ihnen ist Andrea Rummel. Die Architektin, die in Zürich lebt, fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und hält dabei regelmässig nach geeigneten Zutaten für das Abendessen Ausschau: «Wenn mir auf dem Nachhauseweg etwas Gutes auffällt, steige ich ab und sammle die Kräuter ein. So entstehen immer wieder neue kreative Ideen.»

Speziell an der Limmat und in den Parks im Kreis 2 findet sie immer wieder gute Ergänzungen für das Abendessen. Und auch den Kindern schmecken die städtischen Menus: «Meine siebenjährige Tochter übt bereits heute, welche Kräuter essbar sind und welche nicht.»

Kräuter vom Friedhof

Ein Vordenker dieser speziellen Unterströmung des «Urban Gardening» ist Maurice Maggi. Der 59-Jährige hat sogar ein Kochbuch geschrieben, das sich ganz dem Kochen mit Zutaten aus der Stadt widmet. «Die besten Plätze, um in Zürich auf Kräuterfang zu gehen, sind die grossen Flächen um den Bahnhof Stettbach, der Irchel-Park und das Limmat-Ufer», erklärt Maggi - «aber auch Friedhöfe eignen sich bestens für das Kräutersammeln.» Wegen der Hygiene macht sich Maggi keine Sorgen. Die Kräuter aus dem Handel seien schliesslich auch durch mindestens fünf verschiedene Hände gegangen. «Wenn man die Zutaten gründlich wäscht, besteht da kein Problem.»

Anders sieht das die Wildkräuterexpertin Evi Tschopp. Auch sie ist begeisterte Köchin von Menus, die Zutaten aus der freien Natur enthalten. In der Stadt würde sie jedoch keine Kräuter sammeln. «Bei den Abgasen und dem vielen Dreck, der überall herumliegt, kann ich mir nicht vorstellen, dass Kräuter und Wildgemüse aus der Stadt gesund sind.» Ausserdem geniesse sie das Sammeln in der freien Natur, in den Wäldern und auf den Bergen. Dieses Gefühl habe sie in der Stadt nicht.

Vergiftungen und Bandwürmer drohen

Tschopp betont zudem, dass es sehr wichtig sei, dass sich Hobbyköche gut mit den gesammelten Zutaten auskennen. «Es sollte jeder nur diese Kräuter verarbeiten, die er auch wirklich kennt.» Es gebe nämlich viele unbedenkliche Gewächse, die giftige Kollegen hätten. «Das sind andere Pflanzen, die sehr ähnlich aussehen, aber auf keinen Fall gegessen werden sollten.»

Eines von Tschopps Lieblingskräutern ist die Brennnessel. Das grüne Gewächs, das so unangenehm anzufassen ist, eigne sich nämlich besonders gut für eine Vielzahl von Gerichten. Zudem gilt es als sehr gesund - und soll Männer potenter machen.

Ganz unbedenklich ist aber auch der Verzehr von an sich gesunden Kräutern nicht. Der oberste Basler Stadtgärtner, Emanuel Trueb, warnt: «In unseren Wäldern und sogar in den grossen Städten treiben sich immer wieder Füchse umher. Diese können einen Bandwurm entwickeln, den sie über den Kot an den Menschen weitergeben können.» Selbst Pionier Maurice Maggi würde nicht alle grundsätzlich essbaren Gewächse für seine Menus verwenden. Rund um das Stadion Letzigrund würde er beispielsweise nie auf Kräuterjagd gehen. «An Orten, wo jedes Wochenende betrunkene Fussballfans urinieren, kann es keine guten Kräuter geben.»

Rasen ist nicht geeignet

Nicht alles Grünzeug ist gesund: Rasen ist für die menschliche Verdauung nicht geeignet. Unser Magen kann damit nicht umgehen. Wer eine grosse Menge Gras verzehrt, muss mit Bauchschmerzen und Durchfall rechnen. In kleinen Mengen ist es jedoch unbedenklich. (flm)

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