Aktualisiert 03.12.2008 16:32

Bern

Den Teenie-Kiffern gehts an den Kragen

Vom Gras-Paradies zur Kiffer-Hölle? In Bern verzeigte die Polizei dieses Jahr doppelt so viele jugendliche Gras-Raucher wie 2007, obschon der Cannabis-Konsum stagniert. Eine andere Droge hingegen läuft völlig aus dem Ruder.

von
Adrian Müller

In der Hauptstadt hat der Wind gedreht: Noch vor wenigen Jahren galt Bern als das «Amsterdam der Schweiz». In den besten Zeiten Ende der 1990er-Jahre konnten die Berner in über 100 Hanfläden ihr Kraut besorgen – die Polizei drückte bei Kiffern vielfach beide Augen zu. Doch dann schwappte die Repressions-Welle auf die Stadt an der Aare über. Mittlerweile sind alle Hanfläden geschlossen.

Nicht nur die Coffee-Shops mussten dichtmachen, nun nimmt die Polizei vermehrt junge Kiffer ins Visier: «Wir verzeichnen fast doppelt so viele Anzeigen gegen Jugendliche wie im Jahr 2007», erklärt Fritz Brönnimann, Regionalleiter der Suchtberatungsstelle Contact-Netz Bern. Bis Ende November seien es bereits 130 gewesen, allein 54 seit Anfang August. Im Vergleich: 2007 wurden total 77 Teenie-Kiffer verzeigt, 2006 deren 58. Das Jugendgericht Bern-Mittelland bestätigte die Zahlen auf Anfrage.

Beratungsstelle überlastet

Im Kanton Bern müssen Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren als Administrativmassnahme zu einem Gespräch beim Contact-Netz antraben, wenn die Polizei sie erstmals beim Cannabis-Konsum erwischt. «Unsere Beratungsstelle ist momentan völlig am Anschlag», sagt Brönnimann weiter. Etliche Gespräche seien auf 2009 verschoben worden, obschon sie normalerweise innerhalb eines Monats stattfinden müssen. Er vermutet, dass hinter der Anzeigenflut System steckt: «Diese massive Zunahme kann kein Zufall sein», denkt Brönnimann.

Polizei weiss von nichts

Kann eine Verdopplung der Anzeigen bloss Zufall sein? Für Stefan von Below, Mediensprecher Kantonspolizei Bern, sind die Zahlen nicht nachvollziehbar: «Wir setzen keinen Schwerpunkt bei der Verfolgung von Kiffern», erklärt er auf Anfrage von 20 Minuten Online. Die Polizei versuche, bei Gras-Rauchern verhältnismässig zu agieren. Dass die Anzeigenflut im Zusammenhang mit der Fusion der Stadtpolizei mit der Kantonspolizei stehe, glaubt von Below nicht: «Anzeige bleibt Anzeige», betont er.

Regula Müller, Leiterin Koordinationsstelle Sucht der Stadt Bern, wusste bis anhin nichts von einer Anzeigenflut. Das sei für sie «völlig neu». Die Stadtbehörden geben sich plötzlich wieder kifferfreundlich. Der Gemeinderat strebe beim Cannabis einen legalen und regulierten Konsum und Verkauf an. Deshalb habe die Exekutive auch die Hanf-Initiative unterstützt, erläutert Müller.

Konsum stagniert, Eigenanbau wächst

Fritz Brönnimann bleibt bei seiner Meinung: Er vermutet, dass die Polizisten im Hinblick auf die Hanf-Initiative noch einmal «den Tarif durchgeben» wollten. Denn mehr jugendliche Kiffer gebe es nicht, der Konsum stagniere derzeit auf hohem Niveau.

Doch wo beschaffen sich die Jugendlichen ihren Stoff, wenn sie nicht mehr einfach in einen Hanfladen spazieren können? «Viele Kiffer sind Selbstversorger, der Eigenanbau hat stark zugenommen», führt Brönnimann aus.

Kokainkonsum läuft aus dem Ruder

Nicht die Hanfpflanzen im Keller, sondern der Schnee in der Nase bereitet ihm die grössten Sorgen: Der Kokainkonsum habe in den drei letzten Jahren extrem zugenommen. Mittlerweile betreffe jede fünfte Anfrage Koks. «Die Leute kommen aber erst her, wenn sie die Kontrolle völlig zu verlieren drohen», bemerkt Brönnimann.

Koks-Infoline

Wem der Kokain-Konsum aus dem Ruder läuft, kann sich an die OFF LINE Hotline wenden. Unter der Gratisnummer 0800 116 116 beraten Experten Leute mit Koks-Problemen.

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