Puff auf Autobahnen: «Den Verkehrs-Kollaps haben wir heute schon»
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Puff auf Autobahnen«Den Verkehrs-Kollaps haben wir heute schon»

Im Kampf gegen die Verkehrsüberlastung empfiehlt Experte Timo Ohnmacht einen Ausbaustopp – und dass Firmen Leute aus der Nähe einstellen.

von
Stefan Ehrbar
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Der Verkehr auf den Autobahnen nimmt stark zu. Der Marktanteil des öffentlichen Verkehr stagniert. Experte Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern empfiehlt, keine neuen Strassen mehr zu bauen.

Der Verkehr auf den Autobahnen nimmt stark zu. Der Marktanteil des öffentlichen Verkehr stagniert. Experte Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern empfiehlt, keine neuen Strassen mehr zu bauen.

Keystone/Gaetan Bally
Das System schaukle sich sonst hoch, sagt Ohnmacht. Es brauche aber Alternativen: Die Politik müsse  bezahlbare Wohnungen sicherstellen – so dass Leute dort wohnen können, wo sie arbeiten.

Das System schaukle sich sonst hoch, sagt Ohnmacht. Es brauche aber Alternativen: Die Politik müsse bezahlbare Wohnungen sicherstellen – so dass Leute dort wohnen können, wo sie arbeiten.

«Autofahren ist zu günstig», sagt Ohnmacht. Denn die negativen externen Effekte wie Luftverschmutzung und Lärm seien sehr gross.

«Autofahren ist zu günstig», sagt Ohnmacht. Denn die negativen externen Effekte wie Luftverschmutzung und Lärm seien sehr gross.

Keystone/Ennio Leanza

Herr Ohnmacht, der Verkehr auf den Autobahnen hat letztes Jahr zugenommen und die Zahl der Staustunden steigt. Wann ist das System ausgereizt?

Das Problem ist, dass auch die Belastung auf den Zubringerstrassen zunimmt. Überall, wo verkehrsintensive Einrichtungen wie Shopping-Center entstehen, wird die Zufahrt zur Autobahn erschwert. Diese Einrichtungen führen dazu, dass noch mehr Autos unterwegs sind und man nur noch schleppend vorankommt.

An neuralgischen Stellen wie vor dem Gubrist-Tunnel stockt der Verkehr schon heute mehr als neun Stunden pro Tag. Wann kollabiert der Verkehr auf den Autobahnen?

Den Kollaps haben wir heute schon – etwa auf der erwähnten Zürcher Nordumfahrung. Mit Ausbauten kann man Abhilfe schaffen. Die Autobahn durchs Knonauer Amt hat das gezeigt. Das erzeugt aber neue Bedürfnisse und erhöht die Nachfrage. Das System schaukelt sich hoch. Das ist seit den 60er-Jahren der Fall. Ich empfehle, keine Ausbauten mehr zu tätigen. Dann überlegen sich die Menschen, ob sie ihre Fahrten auf Nebenzeiten verlagern oder auf den ÖV umsteigen.

Die Schweizer Bevölkerung wächst seit Jahren. Mehr Verkehr scheint unausweichlich.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob 8,4 Millionen Menschen unterwegs sind oder 11 Millionen. Zudem nehmen auch die Distanzen zu, die zurückgelegt werden.

Und trotzdem würden Sie auf Ausbauten verzichten?

Es braucht Alternativen. Die Leute sollen wohnen, wo sie arbeiten. Dieser Lebensstil muss von der Politik unterstützt werden. In Nebenzeiten haben Strassen zudem genug Kapazitäten. Deshalb braucht es vermehrt Heimarbeit. Meetings kann man über Skype abhalten. Und Hochschulen können mit einem späteren Vorlesungsbeginn Studenten aus überfüllten Zügen halten.

Der Lebensstil der kurzen Wege tönt toll. Aber die Wirtschaft verlangt nach mobilen Arbeitskräften. Und viele finden in Städten keine Wohnung.

Deshalb muss die Politik für bezahlbaren Wohnraum sorgen. Wohnen, Arbeit, Freizeit und Einkauf sollten im nahen Umfeld verfügbar sein. Die Wirtschaft steht auch in der Pflicht. Firmen sollten bei gleicher Qualifikation Leute anstellen, die näher beim Arbeitsplatz wohnen.

Ist Autofahren zu billig?

Autofahren ist in den letzten 50 Jahren immer billiger geworden. Vor dem Hintergrund der negativen externen Effekte wie Lärm, Flächenverbrauch in Städten und Luftverschmutzung ist Autofahren tatsächlich zu günstig.

Die Schweiz hätte einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr. Dessen Marktanteil stagniert aber seit Jahren. Wieso?

Er stagniert auf hohem Niveau – auch weil Velos in Städten immer beliebter werden.

Die Preise sind in den letzten Jahren stark gestiegen.

Ein GA für die zweite Klasse kostet 3800 Franken. Dafür können Sie in allen Städten die Verkehrsbetriebe nutzen. Damit ist das GA noch viel zu günstig. Man sollte das Pendeln zwischen den Städten nicht auch noch fördern.

Werden selbstfahrende Autos die Probleme bald lösen?

Die Diskussion ist zu technikoptimistisch. Das elektrifizierte, selbstfahrende Auto ist Zukunftsmusik. Hochautomatisiertes Fahren kann aber mit Abstands-Haltesystemen helfen, die Kapazitäten auf den Strassen besser zu nutzen.

Wie sind Sie selbst unterwegs?

Ich habe das Glück, in Luzern zu wohnen und zu arbeiten. Hier bin ich mit dem Velo unterwegs. In der Schweiz nutze ich den ÖV. Wenn ich zu meinen Eltern in den Schwarzwald fahre, nehme ich den Skoda Roomster, den ich mit meinem Schwiegervater besitze. Da hat auch meine Familie Platz.

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