Aktualisiert 03.02.2015 07:58

Teilzeit-Trend«Der 100-Prozent-Job ist ein Auslaufmodell»

Teilzeit ist Trumpf: In manchen Verwaltungen haben sechs von zehn Angestellten an mindestens einem Tag pro Woche frei. Vollzeit könnte bald ausgedient haben.

von
Romana Kayser
Viele Schweizer Väter arbeiten mit reduziertem Pensum.

Viele Schweizer Väter arbeiten mit reduziertem Pensum.

Keystone/Gaetan Bally

Viele Arbeitnehmer in der Schweiz wollen nicht mehr jeden Tag ins Büro. Ende September 2014 arbeiteten rund 36 Prozent der Erwerbstätigen Teilzeit – das ist mehr als jeder Dritte. Im Vorjahr waren es erst 34 Prozent gewesen. Das zeigen die aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik. Bei den Frauen sind rund 59 Prozent teilzeiterwerbend, bei den Männern 16 Prozent.

Der Trend zu mehr Teilzeitarbeit hat schon vor einigen Jahren in der Schweiz Einzug gehalten. Besonders bei Staatsangestellten ist Teilzeitarbeit sehr beliebt, schrieb die «Basler Zeitung» am Montag. In den Kantonen Basel-Stadt, Zürich und Aargau haben bereits sechs von zehn Kantonsangestellten an mindestens einem Tag in der Woche frei, obwohl staatliche Verwaltungen bisher als eher teilzeitfeindlich galten.

Beliebt bei Verwaltung und grossen Firmen

«Die gesellschaftliche Akzeptanz der Teilzeitarbeit hat sich geändert –auch bei Männern in der Bundesverwaltung», beobachtet Anand Jagtap, Sprecher des Eidgenössischen Personalamts. Während 2010 noch 9 Prozent der Männer ein reduziertes Pensum hatten, arbeiteten 2013 fast 11 Prozent der männlichen Bundesangestellten Teilzeit. Seit Juli 2013 haben ausserdem alle Bundesangestellten nach der Geburt eines Kindes Anspruch auf eine dauerhafte Reduktion ihres Pensums um 20 Prozent – sofern 60 Prozent nicht unterschritten werden.

«In den öffentlichen Verwaltungen wurde im Bereich Teilzeit oft bereits ein beträchtlicher Weg zurückgelegt», sagt auch Jürg Wiler, Co-Leiter des Projekts «Teilzeitmann». Ausgeprägt sei der Trend auch im privaten Sektor: «Vor allem grosse Unternehmen sind sehr am Thema interessiert», sagt er, «mit Teilzeitstellen können sie ihre Arbeitgeberattraktivität steigern.» Angesichts des internationalen Drucks, die besten Fachkräfte zu akquirieren, sei das für die Firmen zentral, «sonst gehe die Guten woanders hin». Bei mittelgrossen Betrieben gebe es dagegen bislang nur wenig Resonanz auf das Thema Teilzeit, so Wiler. «Offenbar haben diese noch genügend Mitarbeiter-Ressourcen.»

Neue Arbeitsmodelle

Das erklärte Ziel des Teilzeitmann-Projekts ist, bis im Jahr 2020 einen 20 Prozent-Anteil an teilzeiterwerbenden Männern zu haben. Wiler ist zuversichtlich: «Ich bin überzeugt, dass der Teilzeittrend weiter ansteigen wird.» Vielen Leuten werde das Leben neben dem Job zunehmend wichtiger und sie seien bereit, bei der Karriere zurückzustecken: «Es ist realistisch, dass der 100-Prozent-Job für immer mehr Menschen bald ausgedient haben wird.»

Das sieht auch Trendforscherin Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institut so: «Die Vollzeitstelle ist ein Auslaufmodell.» Durch den anhaltenden Trend zur mehr Flexibilisierung der Arbeit entstünden immer mehr neue Arbeitsmodelle, die den 100-Prozent-Job zunehmend ablösten.

Mehr Arbeit in Projektform

Für Teilzeitarbeit gebe es zwei Hauptgründe, sagt Frick: «Entweder man macht es freiwillig, weil man es sich leisten kann und es zum eigenen Lifestyle gehört, oder man macht es aus einer Notwendigkeit heraus, weil man nicht mehr arbeiten kann oder weil der Arbeitgeber keine Vollzeitstellen anbietet.»

Das reduzierte Pensum sei aber nur eine Facette der Teilzeitarbeit. «Viel einschneidender ist der Trend hin zu mehr Freischaffenden», sagt Frick. Heute werde ein Grossteil der Arbeit in Projektform abgewickelt, wie etwa bei IT- oder Bauprojekten. «Für Arbeitnehmer bedeutet das, dass sie während einigen Monaten Vollzeit arbeiten und nach Ende des Projekts wieder ohne Job dastehen.»

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