Veteranen in Not: Der Abgrund bei der Heimkehr
Aktualisiert

Veteranen in NotDer Abgrund bei der Heimkehr

Suizid, Drogen und häusliche Gewalt sind traurige Begleiterscheinungen des Afghanistankriegs. Die Nato-Staaten nehmen ihre Kriegsheimkehrer sehr unterschiedlich in Empfang.

von
Kian Ramezani
Amerikanische Kriegsheimkehrer an einer Willkommenszeremonie Ende 2006 in Kentucky.

Amerikanische Kriegsheimkehrer an einer Willkommenszeremonie Ende 2006 in Kentucky.

33 000 Soldaten verlassen den Irak bis Ende Jahr, über 130 000 werden sich bis 2014 aus Afghanistan zurückziehen. Ein Grund zur Freude für die Heimkehrer wie für die Daheimgebliebenen – aber auch zur Sorge, wie die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen: Laut Schätzungen nimmt sich in den USA alle 80 Minuten ein Kriegsveteran das Leben. In Grossbritannien sitzen fast so viele ehemalige Soldaten hinter Gittern wie aktive in Afghanistan kämpfen. Das sind zehn Prozent aller Häftlinge. Die meisten wurden wegen Gewaltvergehen verurteilt, vor allem häusliche Gewalt, und leiden unter Alkohol- oder Drogenproblemen und chronischen Depressionen. In anderen Nato-Ländern wie Deutschland und Frankreich scheint die Problematik weniger ausgeprägt. Was machen sie besser?

Laut Oberst François-Xavier Marchand, Chefpsychologe der französischen Armee, gibt es in seinen Reihen nicht weniger psychologische Probleme als in den amerikanischen. «Ich finde es schade, dass wir keine genauen Statistiken wie die Briten und die Amerikaner haben», sagte er in einem Interview mit «France 24». Allerdings liege die Selbstmordrate weiterhin unter dem Niveau von Zivilisten.

In Deutschland leiden gemäss einer aktuellen Dunkelzifferstudie nur zwei Prozent der Kriegsheimkehrer an posttraumatischen Belastungsstörungen. Ein Hauptgrund für die bessere Bilanz dürften die kürzeren Einsätze der Europäer sein: Während amerikanische Soldaten bis zu einem Jahr in Afghanistan bleiben, kehren ihre deutschen Kameraden bereits nach vier Monaten in die Heimat zurück. Bei den Franzosen und Briten sind es sechs Monate.

Drei Tage «Ferien auf Zypern»

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das psychologische Betreuungsangebot nach einer Stationierung. Soldaten aus den USA und Europa werden gleichermassen intensiv auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereitet. Sie werden etwa darauf sensibilisiert, was es bedeutet, lange Zeit von seinem sozialem Umfeld getrennt und unter fundamental anderen Umständen zu leben. Eine Vorbereitung auf existentielle Erfahrungen wie Tod und Tötung ist hingegen nur bedingt möglich. Umso wichtiger scheint neben der Betreuung vor Ort deshalb die Zeit der Heimkehr, wenn Soldaten sich wieder in einem mehrheitlich oder gänzlich zivil geprägten Umfeld zurecht finden müssen. Diese fehlt offenbar vielerorts in den USA und in Grossbritannien.

Der unmittelbare Instinkt eines Soldaten ist verständlicherweise, so schnell wie möglich in den Kreis Familie zurückzukehren. Die französische Armee vertritt in diesem Zusammenhang einen radikalen Ansatz: Bevor ihre Soldaten aus Afghanistan wieder französischen Boden betreten, müssen sie auf Zypern eine dreitägige «Dekompressionskur» durchlaufen. Einquartiert in einem Fünfsternehotel werden ihnen in Form von Ausflügen, Champagner und Massagen die Annehmlichkeiten des zivilen Lebens in Frankreich wieder nahe gebracht.

Die Armeepsychologen weisen sie auch auf vermeintlich Offensichtliches hin, etwa dass sie zuhause keine Waffen mehr tragen müssen. Bei der Ankunft in Zypern sind die meisten skeptisch, doch nach Ablauf der drei Tage beträgt die Zufriedenheitsquote 90 Prozent. Die französischen Militärpsychologen erachten den Kurzaufenthalt auf Zypern als «Schleuse zwischen einem feindlichen und friedlichen Umfeld». Sie soll den Soldaten helfen, bei ihrer Heimkehr nicht «völlig neben sich zu stehen» und ihre Angehörigen nicht zu «verschrecken», sagte Oberst Marchand.

«Einsatznachbereitungsseminar»

Auch in der deutschen Bundeswehr ist die sogenannte «Einsatznachbereitung» für die Frontheimkehrer obligatorisch – sie findet allerdings erst sechs bis acht Wochen nach Einsatzende statt. Ein Sprecher des deutschen Verteidigungsministeriums erklärt auf Anfrage, dass der Effekt nach dieser Zeit grösser sei als unmittelbar bei der Heimkehr. Ziel sei, die persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in der Gruppe aufzuarbeiten und den Einsatz abzuschliessen. Psychologen und Angehörige des Sozialdienstes begleiten diese Seminare und verschreiben auf Wunsch dreiwöchige Präventivkuren.

Weniger mondän aber trotzdem gründlich: Seminarraum für Einsatznachbereitung. (Bild: Bundeswehr)

Kein Zwang in den USA und Grossbritannien

Anders sieht es bei den amerikanischen Streitkräften aus: Diese unterhalten zwar ähnliche Heimkehrer-Programme, die im Unterschied zu Frankreich und Deutschland aber nur für einen Teil ihrer Reservisten obligatorisch sind. Das seit 2008 bestehende «Yellow Ribbon Reintegration Program» startet 30 Tage nach der Heimkehr. In drei zweitägigen Modulen, an denen meist auch Familienangehörige teilnehmen, erhalten die Kriegsveteranen Beratung in beruflichen, finanziellen und gesundheitlichen Belangen sowie in Kommunikation und Stress-Management. Für alle Heimkehrer obligatorisch ist eine gesundheitliche Selbsteinschätzung, die aber offenbar von vielen nicht wahrheitsgetreu ausgefüllt wird.

Yellow Ribbon Event 2011. (Video: Youtube/DoDYellowRibbon)

Grossbritannien hat wie gehört ein Problem mit straffälligen Kriegsveteranen. Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums erklärt auf Anfrage, es gebe sowohl obligatorische als auch freiwillige Programme für Kriegsheimkehrer. Der britische Verband der Bewährungshelfer, der seit Jahren auf die hohe Zahl von inhaftierten Kriegsveteranen hinweist, hält die Bemühungen allerdings für unzureichend. Auch Parlamentarier haben in der Vergangenheit darauf gedrängt, dass unmittelbar nach Einsatzende mehr Hilfe verfügbar sein muss – und zwar unabhängig davon, ob die Soldaten dies wollen oder nicht.

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