«Time-out»: Der Abschied vom freundlichen Krieger
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«Time-out»Der Abschied vom freundlichen Krieger

Martin Steinegger bestreitet mit Biel heute sein 1024. Spiel in der NLA. Es wird voraussichtlich seine Abschiedsvorstellung sein. Eine Würdigung.

von
Klaus Zaugg
Martin Steinegger ist Biels Antwort auf Chris Chelios. (Bild: Keystone)

Martin Steinegger ist Biels Antwort auf Chris Chelios. (Bild: Keystone)

Wenn Biel heute gegen den EV Zug zum vierten Mal hintereinander verliert und aus den Playoffs ausscheidet, dann ist die 1024. NLA-Partie für Martin Steinegger auch die letzte. Nur Gil Montandon hat noch mehr NLA-Spiele bestritten (1080). «Stoney» wird nach dieser Saison Kevin Schläpfers Bürogehilfe (Assistent des Sportchefs).

Martin Steinegger geht als Biels Antwort auf Chris Chelios in die Geschichte ein. In der Schweiz wissen nur die Bieler wirklich, wer Chris Chelios ist. Der NHL-Titan verteidigte während des ersten NHL-Streikes in der Saison 1994/95 drei Partien für den EHC Biel. Es war Biels vorerst letzte NLA-Saison. Im Frühjahr 1995 folgte die Relegation und, wie wir heute wissen, erst 2008 die Rückkehr in die höchste Spielklasse.

In dieser Bieler Abstiegsmannschaft von 1995 steht der 23-jährige Verteidiger Martin Steinegger. Der Bub des Eismeisters. Der jüngste Captain in der NLA. Er bringt die gleiche explosive Mischung aus Talent, Emotionen und Härte aufs Eis wie Chelios. Er spielt, um zu siegen. Er checkt, um weh zu tun.

Ein Koffer voller Geld für Spielerlöhne

Aus welchem Holz der junge Martin Steinegger geschnitzt ist, wissen die Hockey-Barone in Bern. Sie holen ihn in einem der spektakulärsten Transfers aller Zeiten. Einem Transfer bei Nacht und Nebel und am Rande der Legalität von Biel nach Bern. Der SCB schiesst dem Nachbarn in finanzieller Not 300 000 Franken in bar (!) vor. Ein Kurier des damaligen Biel-Präsidenten Ulrich Roth bringt das Geld aus Bern in einem Aktenkoffer in die Kabine des Bieler Eisstadions und dort werden mit den Tausendernoten die Spielerlöhne bezahlt. So kommt Martin Steinegger nach Bern und aus «Steini» wird «Stoney».

Den SC Bern, so wie wir dieses Unternehmen heute kennen, gäbe es ohne Martin Steinegger nicht, und wir könnten mit dem Namen Marc Lüthi nichts anfangen. Seine grössten Verdienste hat «Stoney» nicht um die SCB-Meistertitel von 1997 und 2004. Seine ganz grosse, vergessene und dafür umso wertvollere Leistung: Er hat den SC Bern, das grösste Hockeyunternehmen der Schweiz, nach 1997 in der grössten Krise zusammengehalten. Er hat damals den SCB gerettet. Er war in einem Hockeyunternehmen der Leitwolf auf und neben dem Eis, das 1998 sogar die Schmach der Nachlassstundung über sich ergehen lassen musste.

Der Sündenbock von Bern

Wir wissen es: Nicht nur im Eishockey ist Undank der Welten Lohn. Im Frühjahr 2008 wird Martin Steinegger aus einem laufenden Vertrag heraus vom SC Bern wieder zurück nach Biel transferiert. Diesmal ganz offiziell und ohne Koffern voller Geldscheine. Er ist in Bern der Sündenbock für das klägliche Ausscheiden im Viertelfinal gegen Fribourg-Gottéron. Gerade weil Martin Steinegger ein so charismatischer Spieler ist, muss er als Sündenbock herhalten. So kann SCB-General Marc Lüthi den Eindruck erwecken, er habe - potz Heilantonner! – durchgegriffen und Trainer John van Boxmeer kann bleiben. Das «Opfer» ist gebracht, die zornigen Fans beruhigen sich. Wäre Martin Steinegger ein unbedeutender Spieler gewesen oder ein Opportunist wie Ivo Rüthemann, dann hätte ihn Marc Lüthi behalten.

Dieser Akt der Undankbarkeit ist das Glück des EHC Biel. Ich behaupte, dass sich die Bieler ohne Martin Steinegger nach dem Wiederaufstieg von 2008 nicht bis heute in der höchsten Spielklasse gehalten hätten und dass sie sich nicht für die Playoffs qualifiziert hätten. Ja, ja es stimmt: Steinegger war (und ist) oft verletzt und konnte auch diese Saison nicht immer spielen, wenn er dringend gebraucht worden wäre. Aber er befeuert mit seiner Präsenz den Überlebenswillen seine Mitspieler auch dann, wenn er die Schlittschuhe nicht binden kann. Weil er ein Krieger ist.

Die Mischung aus einem Samurai und Winkelried

Ja, ja, ich weiss: Worte aus der Kriegsberichterstattung sollten wir im Sport eigentlich nicht verwenden. Und doch gibt es einen träfen Ausdruck für Martin Steinegger aus der kriegerischen Sprache. Es ist eine nordamerikanische Wortschöpfung: «Warrior». Krieger also. Mit dieser Bezeichnung werden charismatische, kampfstarke Leitwölfe geadelt, die nie aufgeben und sich für ihre Mannschaft opfern. Sozusagen eine Mischung aus einem Samurai und Arnold Winkelried.

Wir haben in der Schweiz nur ganz wenige Spieler, die diese Ehrenbezeichnung verdienen. Vielleicht Rolf Schrepfer, der bärbeissige Stürmer, der in den Meisterteams der ZSC Lions und des SC Bern als «Warrior» eine Schlüsselrolle spielte. Oder Jean-Charles Rotzetter, der Vorkämpfer, der mit Fribourg-Gottéron von der 1. Liga bis in die NLA aufstieg. Er hat immer ohne Rücksicht auf Verluste gekämpft. 16 Mal haben sie ihm die Zähne ausgeschlagen. Zuerst acht echte, dann die acht dafür eingesetzten künstlichen. Viermal zertrümmerten sie ihm das Nasenbein und zweimal die Handgelenke. Aber als er 1988 den Stock zur Seite stellt, ist er körperlich ungebrochen, stolz und aufrecht.

Spieler wie er gehen gerne vergessen

Anders als Schrepfer und Rotzetter ist Martin Steinegger nicht Stürmer. Sondern Verteidiger. Einer der grössten unserer Hockeygeschichte. Charismatische, raue Abwehrspieler haben auf das Wesen und Wirken ihrer Mannschaften eher noch mehr Einfluss als Topskorer. Aber sie gehen gerne vergessen. Weil sie in den ewigen Ranglisten der Tore und Assists nicht vorne auftauchen. Dort lesen wir allenfalls die Namen der fliegenden Verteidiger wie Ron Wilson oder Petteri Nummelin, die beide schon die Skorerwertung der NLA gewonnen haben.

Mehr als 29 Punkte hatte Martin Steinegger noch nie in seiner Saisonstatistik und deshalb würden wir ihn übersehen, wenn wir nach der Suche der grössten aller Zeiten nur die Statistik konsultieren würden. Auch in seiner letzten Saison ist Martin Steinegger ein statistischer Hinterbänkler geblieben: In den 26 Spielen, die er in der abgelaufenen Qualifikation bestreiten konnte (die restlichen fehlte er verletzungshalber) hat er lediglich zwei Assists produziert.

Fairness und Respekt für den Gegenspieler

Aber Martin Steinegger ist ein freundlicher Krieger. Er verkörperte zwar das Böse im Spiel, das wir mit Abräumen, Einschüchtern, Schlagen, Zerstören, Provozieren, an-die-Bande-nageln oder aus-den-Schuhen-checken umschreiben. Aber er personifizierte während seiner ganzen Karriere noch viel mehr das Gute im Spiel. Sein Name steht in der Hockeygeschichte auch für Loyalität, Redlichkeit, Leidenschaft, Bescheidenheit, Engagement, Verantwortungsbewusstsein, Teamwork, Mut, Zähigkeit. Und trotz seiner einschüchternden Spielweise und seinen schmerzhaften Checks auch für Fairness und Respekt vor den Gegenspielern.

Nun wird aus dem Verteidigungsminister also ein Bürogeneral. Aus dem freundlichen Krieger ein Generalstäbler. Er wird seinen Weg machen – aber er muss schon ein wenig Umstellen. Loyalität zu seinen Freunden und Kumpels ist wichtig. Im richtigen Leben. Aber nicht im Amt als Assistent des Sportchefs. Da zählt nur die Loyalität zum Unternehmen EHC Biel und es braucht eine gewisse Zeit, um dafür das Gespür zu entwickeln. Jedenfalls berichten Gewährsleute, Sportchef Kevin Schläpfer sei auf Steineggers Anregung nicht eingegangen, auf nächste Saison von Sierre Thierry Paterlini (36) und von den ZSC Lions Thomas Ziegler (31) als Verstärkungen zu holen.

Spieler mit über 1000 NLA-Spielen

Gil Montandon (SC Bern, Fribourg) 1070

Martin Steinegger* (SC Bern, EHC Biel) 1023

Ronny Rüeger* (HC Lugano, EV Zug, Kloten Flyers) 1023

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