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«Wut ist absolut normal»Der Abstimmungsgegner auf der Couch

Wut, Entsetzen, Hilflosigkeit und sogar Hass. Die Gefühlswelt der Gegner der Anti-Minarett-Initiative wurde heftig strapaziert. Wie geht man mit solchen Niederlagen um? 20 Minuten Online begleitet einen erfundenen Stimmbürger bei seinem Gang zum Psychologen.

von
Patrick Toggweiler

Als guter Schweizer Bürger geht man abstimmen. Und der Staat tut vieles, um dem Bürger die Umsetzung dieses Bürgerrechts zu vereinfachen: In der Schule wird das korrekte Ausfüllen der Stimmunterlagen gelehrt. Wer per Brief abstimmt, kann sich sogar den sonntäglichen Gang zur Urne ersparen. Nur wenn es darum geht, wie man mit persönlichen Niederlagen an Abstimmungssonntagen umzugehen hat, wird der Wähler im Regen stehen gelassen. Bei Abstimmungen zur Renovierung des lokalen Kanalisationssystems mag sich die Verzweiflung im Falle einer Niederlage in Grenzen halten. Fühlt man durch das Abstimmungsresultat seine fundamentalsten persönlichen Werte verletzt, sieht die Sache anders aus.

Die Annahme der Anti-Minarett-Initiative widerspricht dem Wertesystem einer grossen Minderheit der Schweizer Bürger. Deshalb auch die spontanen Demonstrationen noch am Abend der Wahlsensation. Wie geht man damit um, wenn der Souverän das persönliche und über Jahre aufgebaute Wertesystem mit Füssen tritt – zumindest aus der eigenen Wahrnehmung? 20 Minuten Online hat einen fiktiven Gegner der Anti-Minarett-Initiative, Hermann K., zum real existierenden Psychologen Dr. phil. Psychologe Urs Imoberdorf auf die Couch geschickt.

Hermann K.: Ich habe ein Problem: Ich komme mit den Resultaten des Abstimmungssonntags nicht zurecht.

Dr. phil. Psychologe Imoberdorf: Können Sie Ihre Gefühlslage etwas genauer schildern?

Ich fühle mich missverstanden. Da ist eine Leere. Aber auch Wut. Beinahe eine Aggression gegenüber denjenigen, welche nicht wie ich abgestimmt haben.

Und was löst diese Leere und die Wut aus?

Ich habe das Gefühl, mein Wertesystem wird nicht geteilt.

Können Sie mir zwei oder drei Kernpunkte ihres Wertesystems nennen?

Menschlichkeit, Toleranz. Ich bin kein Religionsfan, aber auf jeden Fall gilt «leben und leben lassen»

Ihrem Dialekt nach sind Sie Schweizer – haben Sie das Gefühl, Schweizer zu sein habe sich seit Sonntag verändert?

Ich kann das so nicht beurteilen. Als sich das Resultat gestern anbahnte, war ich zu Beginn schon überrascht. Schnell stellte sich aber Zynismus ein. Ich war am Arbeiten und deshalb absorbiert, später im Tram nach Hause aber habe ich die Leute betrachtet und mir gedacht – jeder Zweite hat gegen meine Überzeugung gestimmt – gegen mich – es ist eine persönliche Sache. Da kamen dann schon Aggressionen hoch oder der Wunsch nach Radikalisierung.

Und jetzt fühlen Sie sich als Bürger hintergangen?

Ich mag das Wort Bürger nicht. Ich sehe mich nicht als Bürger, sondern einfach als Mensch. Und als solcher bin ich beleidigt, dass ich kein Umfeld generieren kann, das ein wenig Toleranz ausstrahlt.

Kann es sein, dass Ihre Wahrnehmung dieser Abstimmungsresultate als ungerecht, einseitig und intolerant genau solche Gefühle gegenüber den Befürwortern auslöst?

Absolut. Ich weiss ja, dass diese Wut nichts Gutes ist und ich schäme mich auch ein wenig dafür. Aber sie ist nun mal da.

Sie gehörten bei dieser Abstimmung zur Minderheit – können Sie sich nicht sagen, dass diese Minderheit diejenige ist, welche die Zukunft bedeutet? Obwohl Sie nicht Recht bekommen haben? Fühlen Sie sich moralisch im Recht?

Selbstverständlich fühle ich mich als moralischer Sieger. So fühlte ich mich schon vor der Abstimmung. Die Moral im Wort ist ohne Umsetzung aber nichts wert.

Sie sagen, Sie seien nicht als Bürger, aber als Mensch beleidigt. Diese Abstimmung fand aber nur in einem beschränkten Gebiet, der Schweiz, statt. Dafür gab es weltweite Reaktionen. Sie stehen also mit ihrer Meinung überhaupt nicht alleine da, sondern sind einfach überstimmt worden.

Ja, aber es sind ja 1,5 Millionen Menschen, die mich überstimmt haben. Und es war deutlich.

Ich kann den Frust nachvollziehen. Die Frage stellt sich: Können Sie mit diesem Frust nicht nur destruktiv umgehen, sondern ihn positiv kanalisieren?

Mir fällt das schwer. Ich habe mit Leuten gesprochen – das ist immer derselbe Kuchen und da ist man sich einig. Ich habe auch mit der Freundin gesprochen und das endete darin, dass wir um 23.00 Uhr joggen gingen. In der Diskussion haben wir uns nur noch im Kreis gedreht. Wir wissen, dass wir gleich empfinden. Joggen half ein wenig – aber es ist ja auch eine Resignation. Die Gefahr der Politikverdrossenheit besteht. Wie komme ich damit klar? Muss ich mich für meine Wut schämen?

Nein, überhaupt nicht. Emotional ist es sehr wichtig, dass Sie diese Wut zulassen und als Gefühl akzeptieren. Sich diesen Vorgängen bewusst werden: «Ich bin wütend.» Und ich habe das Gefühl, dass sie dies bereits tun. Danach ist es wichtig, dass man sich Zeit lässt und beobachtet, wie sich der Zustand der Betroffenheit langsam verändert. Rational könnten Sie sich überlegen, mit welchem Beitrag Sie das Bild der Schweiz ein bisschen korrigieren könnten.

Ich fürchte nicht um das Bild der Schweiz. Jeder, der mit mir Kontakt hat, merkt schnell, wie ich ticke. Man hat mit dieser Abstimmung die Welt ein bisschen zu einem schlechteren Ort gemacht.

Zu sehen, wie sie vor einer Wand stehen, finde ich als Zustandsbild sehr wichtig. Lassen Sie sich Zeit und beobachten Sie sich selbst und vielleicht finden Sie einen Weg, etwas zu unternehmen – Sie haben ja bereits etwas unternommen: Sie haben diskutiert, Sie gingen joggen, haben Ihre Wut körperlich abgeführt. Jetzt müssen Sie das weiterziehen und beobachten, wohin sich das Ganze entwickelt.

Kommt Zeit, kommt Rat?

Die Lösung muss nicht gleich kommen, die kann auch ich Ihnen nicht geben. Da sind Sie viel näher bei sich selber. Sie haben aber gut begonnen: Bewegung, Kommunikation. Die Wut kann man auch als Kraft sehen, wenn man ihr nicht blind folgt.

Was mich irritiert ist - Gewaltfantasien würde ich es nicht gerade nennen - die Vorstellung, zu illegalen Mitteln zu greifen. Ist das normal?

Das ist absolut normal. Ein Experte auf diesem Gebiet, der Name ist mir gerade entfallen, hat einmal dazu gesagt: «Wer sich nicht vorstellen kann, in grösster Wut jemanden totzuschlagen, der macht sich verdächtig.» Das Gefühl zu erleben «Ich könnte jetzt gleich …» ist viel wichtiger, als es zu verdrängen. Dass man aus einem Ohnmachtsgefühl gewisse Gewaltfantasien und den Wunsch entwickelt, zu undemokratischen Mitteln zu greifen, ist absolut normal. Auch hier wird der Verlauf der Zeit Veränderungen bringen.

Und wie ist das mit der Politikverdrossenheit? Das wäre dann ja den Frust negativ transformiert …

Manchmal entsteht aus einer Ohnmachtssituation ein Interesse für eine Sache. Das kann auch sein.

Vor der Abstimmung habe ich mit meiner Freundin halb ernst und halb im Spass vereinbart, dass wir im Falle der Annahme der Minarettinitiative innerhalb von 5 Jahren auswandern würden. Ist Auswandern eine Lösung?

Dass Sie das Gefühl entwickeln, dieses Land sei nicht mehr Ihre Schweiz, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Gerade im Abgleich der Wertesysteme. Wenn dieses Motiv stabil bleibt, dann kann das tatsächlich ein Impuls darstellen, das Land zu verlassen. Wer sagt, dass Kanada oder Australien oder wo auch immer Ihnen nicht auch eine schöne Zukunft bieten kann? Man muss einfach unterscheiden zwischen der ersten Reaktion und dem, was sich längerfristig durchsetzt.

Wie kann ich mich in Zukunft vor solchen Niederlagen schützen?

Sie haben eine Enttäuschung erlebt. Das tut weh. Vielleicht hatten Sie ein wenig ein zu idealistisches Bild der abstimmenden Schweiz. Enttäuschungen werden aber immer wieder kommen. Auch bei der Vorbereitung gilt es, die Frage zu beantworten: Kann ich ein konstruktives Gegengewicht aufbauen. Allerdings: Gerade in der Niederlage wird man sich der eigenen Werte bewusst. Dazu zu stehen fördert den inneren Reichtum. Es gibt Leute, die grandios scheiten, aber in ihren Werten einen Lebenssinn gefunden haben. Sie konnten sich nicht durchsetzten. Durchsetzung ist aber nicht der letzte Wert. Gerade ein Wertesystem, mit dem man gegen den Strom schwimmt, kann viel mehr zur seelischen Nahrung beisteuern. Mehr als ein solches, das immer und überall auf Gegenliebe stösst. Die Verteidigung gegen einen übermächtigen Gegner kann sehr befriedigend sein.

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