Unrechtsstaat Nordkorea: Der alltägliche Horror in Kims Reich
Aktualisiert

Unrechtsstaat NordkoreaDer alltägliche Horror in Kims Reich

Kim Jong-Il wurde im Westen oft als Witzfigur betrachtet. In Wirklichkeit gibt es in Nordkorea nichts zu lachen: Hunger und Unterdrückung sind die traurige Realität.

von
Peter Blunschi

Es ist der wohl schlechteste Kim-Witz überhaupt: Nordkorea hat sowohl den Zivilpakt wie auch den Sozialpakt der Vereinten Nationen unterzeichnet. Die beiden Abkommen verpflichten zur Einhaltung grundlegender Menschenrechte. Kein Staat ist davon weiter entfernt als Nordkorea. Unter der Herrschaft von Familie Kim wurde das Land nicht nur vom Rest der Welt abgeschottet, es gilt auch als das totalitärste System auf dem Planeten.

Nach 60 Jahren Kommunismus kann das Land nicht einmal die grundlegenden Bedürfnisse seiner Bevölkerung befriedigen. Vor allem in den ländlichen Gebieten leiden die Menschen an permanenter Unterernährung. Das Problem begann mit dem Kollaps der Sowjetunion vor 20 Jahren, als auf einen Schlag der wichtigste Handelspartner wegfiel. Mehrere schwere Überschwemmungen führten ab Mitte der 90er Jahre zu einer verheerenden Hungersnot, der nach internationalen Schätzungen bis zu einer Million Menschen zum Opfer fielen.

40 000 Kinder akut unterernährt

Seither hat sich das Problem nie mehr wirklich entschärft, nicht zuletzt aufgrund chronischer Misswirtschaft. Die internationale Hilfsbereitschaft war zuletzt jedoch eher am Schwinden. Nachbar Südkorea nimmt seit der Wahl des Hardliners Lee Myung-Bak zum Präsidenten eine deutlich kritischere Haltung ein. So soll der Norden im Hinblick auf den 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-Sung im April 2012 gezielt Nahrungsmittel horten. Weiter wird kritisiert, dass Nordkorea seine wenigen Devisen primär für das Militär ausgibt.

Ein Reporter des humanitäre Newsdienstes AlertNet durfte deshalb im Oktober erstmals die wichtigste Landwirtschaftsregion bereisen. Sein Befund ist alarmierend: Vor allem Kinder leiden unter Mangel- und Unterernährung (siehe Video). Die UNO-Kinderhilfswerk UNICEF schätzt, dass jährlich rund 40 000 nordkoreanische Kinder «akut unterernährt» sind. Auch die UNO zeichnete im Oktober ein bedenkliches Bild: Sechs Millionen Menschen sind im isolierten Land von Hunger bedroht – das wäre etwa jeder vierte Einwohner.

Horror in Kims Gulag

Der Hunger ist jedoch nur ein Aspekt der Misere: Wer es wagt, dem System Kim zu widersprechen, wird drakonisch bestraft. Es gibt in Nordkorea etwa sechs grosse Straflager und weitere zwölf bis fünfzehn «Umerziehungslager». In diesen findet zusätzlich zur Sklavenarbeit in Fabriken, Bergwerken oder Landwirtschaft noch ideologische Indoktrinierung statt. Wer nicht genügend leistet oder sonst negativ auffällt, muss mit dem Schlimmsten rechnen, in Form von Folter und öffentlicher Hinrichtung.

Aufgrund der ohnehin schlechten Nahrungsmittellage leben die Gefangenen zudem meist am Rande des Hungertods. Kang Cheol-Hwan, der zehn Jahre im Straflager Yodok verbracht hatte und nach Südkorea flüchten konnte, schilderte gegenüber der BBC die düstere Realität: «Wir waren dermassen unterernährt, dass wir Ratten und Regenwürmer gegessen haben, um zu überleben.» Rund 30 Prozent der Gefangenen seien gestorben.

Kang sass laut BBC wegen «politischer Verbrechen» seiner Familie im Lager. Sippenhaft ist für politische Gefangene in Nordkorea die Regel. Oft werden mehrere Generationen gemeinsam eingesperrt und verbringen den Rest ihres Lebens im Lager. Das Gulag-System wurde in den letzten Jahren ständig ausgebaut, wie Satellitenbilder zeigen. Ein UNO-Sonderberichterstatter bezifferte im Oktober die Zahl der Lagerinsassen auf bis 200 000.

Chinesische Handys als Infoquelle

Selbst wer ein halbwegs «normales» Leben führen kann, muss mit zahlreichen Einschränkungen klar kommen. So dürfen Nordkoreaner ihren Wohnort nur mit Erlaubnis der Behörden verlassen. Fernseh- und Radiogeräte werden von der Regierung verteilt und dürfen nicht verändert werden. Trotzdem empfangen viele Menschen heimlich Programme aus dem Süden. Werden sie dabei ertappt, sind laut Amnesty International lange Gefängnis- und Lagerstrafen die Regel. Der Zugang zu Internet und Mobilfunk ist stark eingeschränkt.

Trotz brutaler Repression wollen sich immer weniger Nordkoreaner mit den Verhältnissen abfinden. Tausende versuchen jedes Jahr, ins Ausland zu flüchten, was nicht einfach ist, denn die Grenze nach Süden ist hermetisch abgeriegelt. Viele versuchen es über China, wo sie riskieren, erwischt, zurückgeschafft und ins Lager gesteckt zu werden. Auch werden immer mehr chinesische Handys nach Nordkorea geschmuggelt. Sie ermöglichen zumindest in der Nähe der Grenze über das chinesische Netz eine Kommunikation mit der Aussenwelt.

Für Schlagzeilen sorgte der Fall eines Fabrikarbeiters, der Anfang 2010 öffentlich hingerichtet worden war. Er hatte mit einem China-Handy Informationen über das Leben im Norden an einen nach Südkorea geflüchteten Freund übermittelt. Solche Episoden zeigen, dass der nordkoreanische Beton zumindest kleine Risse aufzuweisen beginnt. Hoffnungen auf einen raschen Wandel nach dem Tod von Kim Jong-Il sind dennoch nicht angebracht.

Nordkorea testet Kurzstreckenrakete

Nordkorea hat nur wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Todes von Machthaber Kim Jong Il eine Kurzstreckenrakete getestet. Das meldete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap.

Ein südkoreanischer Regierungsvertreter erklärte, es gebe vermutlich keinen Zusammenhang zwischen dem Test und der Bekanntgabe von Kims Tod.

Die Nachricht vom Tode des nordkoreanischen Staatschefs weckte Befürchtungen über eine Destabilisierung der Region. Südkorea versetzte seine Streitkräfte umgehend in höchste Alarmbereitschaft.

Hinweise auf politische Säuberungswellen in Nordkorea

Amnesty International hat nach eigenen Angaben Hinweise, dass die nordkoreanische Regierung bereits politische Säuberungen durchgeführt hat. Hunderte von Beamten seien hingerichtet oder in Straflager verbannt worden, weil sie eine Bedrohung für die Nachfolge durch Kim Jong Un darstellten. Die Menschenrechtsorganisation geht davon aus, dass nach dem Tod von Staatschef Kim Jong Il die Unterdrückung noch verschärft wird, wie sie am Montag in einer Mitteilung schrieb. Die Nachrichten der letzten Monate aus Nordkorea liessen darauf schliessen, dass Kim Jong Un «jede kritische Stimme zum Schweigen bringen will».

Bereits als sein nun verstorbener Vater 1994 die Nachfolge seines Vaters angetreten habe, habe Kim Jong Il als Gegner wahrgenommene Menschen und deren Familien zu Zehntausenden in Straflager gesteckt. Politische Konkurrenten seien zudem in Geheimverhandlungen oder auch in Schauprozessen verurteilt und darauf hingerichtet worden.

In Nordkorea würden Hunderttausende in Straf- und Arbeitslagern festgehalten. Verurteilt zu harter Arbeit und ohne genügend Nahrung, wie auch die Millionen andere Nordkoreaner, litten die Gefangenen an Hunger. Amnesty International drückte zugleich die Hoffnung aus, dass sich nach dem Tod des Diktators die katastrophale Menschenrechtslage und die humanitäre Lage für die Bevölkerung des Landes verbessern könnte. Kim Jong Ils Tod sei eine Gelegenheit für einen Neuanfang, schrieb die Organisation. (sda)

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