Wer hat die besseren Chancen?: Der alte Bürokrat gegen den jungen Wilden
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Wer hat die besseren Chancen?Der alte Bürokrat gegen den jungen Wilden

Der Machtkampf zwischen Regierungschef Letta und Herausforderer Renzi um das Amt des Ministerpräsidenten könnte heute Nachmittag entschieden werden. Zeichnet sich ein Sieger ab?

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Auf diesem Bild vom 15. Dezember 2013 waren Matteo Renzi (links) und Enrico Letta noch gute Parteifreunde. Zwei Monate später sieht alles ganz anders aus.

Auf diesem Bild vom 15. Dezember 2013 waren Matteo Renzi (links) und Enrico Letta noch gute Parteifreunde. Zwei Monate später sieht alles ganz anders aus.

Der Kampf um das Amt des Regierungschefs in Rom geht am Donnerstag in eine entscheidende Runde. Am Nachmittag präsentierte Matteo Renzi, Bürgermeister von Florenz und Herausforderer von Ministerpräsident Enrico Letta, dem Vorstand seiner Demokratischen Partei (PD) ein Dokument, mit dem er ein Regierungswechsel in Italien fordert.

Im Land sei eine politische Wende notwendig. Die Regierung von Enrico Letta habe an Schwung verloren und habe keine der dringend notwendigen Reformen durchgesetzt. Die einzige Alternative zu Neuwahlen sei ein neues Mitte-links-Kabinett. «Wir wollen keinen Prozess gegen die Regierung Letta führen, sondern feststellen, ob wir in der Lage sind, eine neue Seite aufzuschlagen», erklärte Renzi.

Enrico Letta gewinnt Vertrauensabstimmung

Bisher lehnte es der Ministerpräsident ab, sein Amt an den Konkurrenten abzutreten. Niemand trete aufgrund von «Palastmanövern» oder «Gerede» zurück, meinte Letta am Mittwochabend, nachdem es Stunden zuvor zum Showdown zwischen den beiden gekommen war. Doch Lettas Stunden an der Spitze der Regierung dürften gezählt sein. Rund 140 führende Parteimitglieder werden noch am Donnerstag darüber entscheiden, ob sie Renzis Forderung nach einem Regierungswechsel unterstützen wollen.

Letta 1, Berlusconi 0

Ein Überblick der wichtigsten Punkte:

Was meint das Volk?

Vorteil Enrico Letta.

Eine Blitzumfrage der italienischen Zeitung «La Stampa» lässt tief blicken: Lediglich 34 Prozent der Italiener steht hinter Lettas Politik, doch kaum 14 Prozent der Befragten unterstützt Renzis Putschversuch. 39 Prozent der Teilnehmer findet es eine gute Idee, schon im Frühling Neuwahlen zu halten. Konkret: Das Volk wünscht sich zwar eine Veränderung, nur aber, wenn diese auf dem demokratischen Weg geschieht.

Wer hat die mächtigeren Unterstützer?

Unentschieden.

In seinen zwei Monaten als Linksdemokratenchef hat es Renzi geschafft, die Mehrheit seiner Partei gegen Premier Enrico Letta aufzubringen. Auch den rechten Koalitionspartner Lettas hat Renzi auf seiner Seite: Vizepremier Angelino Alfano sprach sich am Dienstag offen für den Florentiner Bürgermeister aus. Den verurteilten Ex-Premier Silvio Berlusconi hat Renzi wohl auch hinter sich. Gemeinsam mit dem Cavaliere hat er einen Vorschlag für eine Wahlrechtsreform ausgearbeitet.

Sollte das Präsidium der grössten Regierungspartei sich hinter Renzi und gegen Letta stellen, könnte Staatschef Giorgio Napolitano frühestens am Freitag Konsultationen über eine Lösung der Krise beginnen. Neuwahlen hat Napolitano jedoch als «Quatsch» abgetan. Er verlangt erst eine dringende Wahlrechtsreform. Ohne sie könnte die Wahl zu einem lähmenden Patt im Parlament führen.

Wer hat das bessere Image?

Vorteil Matteo Renzi.

Der 39-jährige Florentiner wird von den Italienern als ehrgeizig, dynamisch und energievoll wahrgenommen. In nur wenigen Wochen konnte er mit parteiinternen Intrigen seinen ehemaligen Kollegen Letta isolieren und sich als Reformer darstellen. Seine mangelnde Parlamentserfahrung wird ihm zudem eher als Pluspunkt ausgelegt.

Der Regierung des 47-jährigen Premiers werden hingegen Reformunfähigkeit vorgeworfen. Der unfähigen Politik fehle es an Ehrgeiz, um Probleme wie die Steuerlast und Steuerflucht und die schwerfällige Justiz anzugehen.

Wer ist medial präsenter?

Nochmals Vorteil Matteo Renzi.

Der 39-jährige Renzi geht mit den neuen Medien um wie kein anderer. Noch Anfang Januar versicherte er via dem Kurznachrichtendienst Twitter, dass er keine Ambitionen auf den Posten von des Premiers habe. Unter dem Hashtag #enricotaisereno («Enrico, bleib gelassen») meinte er damals noch: «Dir will niemand den Job wegnehmen.» Seine Posts wurden in nur wenigen Tagen zum Twitter-Hit. Der Ton der Hashtags wurde im Laufe der Wochen etwas bedrohlicher: #rottamare» («verschrotten»), #coseconcrete («konkrete Vorschläge») oder #lavoltabuona» («diesmal klappt es»). Der Twitter-Erfolg ist inzwischen so gross, dass sogar ältere Italiener Renzis Slogans benutzen, wenn sie über Politik sprechen.

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