Ölkatastrophe: Der Anfang vom Ende
Aktualisiert

ÖlkatastropheDer Anfang vom Ende

Verklebte Vögel, angeschwemmte Fische, tote Schildkröten: Die ersten Opfer hat der Ölteppich vor der Küste von Louisiana bereits gefordert. Und die Aussichten sehen nicht besser aus.

von
Amir Mustedanagic

Noch ist die Ölbrühe dünn, die in die Kanäle zwischen den kleinen Inseln vor der Küste Louisianas geschwappt ist. Doch das Leck der Bohrinsel «Deepwater Horizon» ist noch immer nicht geschlossen: Jeden Tag fliessen nach Schätzungen 800 000 Liter Öl aus dem Bohrloch und bedrohen das Naturschutzgebiet an der Küste der USA.

«Das ist vergleichbar mit einer endlosen Schlange von Tanklastern, die ihre Ladung ins Meer schütten», sagt Meeresbiologe Christian Bussau von Greenpeace. Während sich der Ölteppich stündlich der Küste nähert, versuchen die Einsatzkräfte vor Ort alles, um das hochsensible Gebiet des Mississippi-Deltas vor der giftigen Brühe zu schützen.

Tote Schildkröten angeschwemmt

Die ersten Opfer hat der Ölteppich bereits gefordert: Tierschützer haben verschmutzte Vögel entdeckt, tote Schildkröten und Fische wurden an Land gespült. «Wird der Ölausfluss nicht bald gestoppt, ist das erst der Anfang», so Bussau gegenüber 20 Minuten Online.

Den toten Vögeln und Fischen könnten bald auch die ersten Wale, Delfine und Walhaie folgen. «Wir müssen mit Horrorszenarien wie beim Amoko-Cadiz-Unglück rechnen», sagt Bussau. Der Tanker lief 1978 vor der französischen Küste auf Grund, das austretende Öl tötete über 100 000 Vögel. «Die Lage ist also sehr ernst.»

Kein Mittel gegen das Öl im Sumpf

Noch schwerwiegender sind die Folgen, wenn der Ölteppich die Küste erreicht: Das gefährdete Gebiet ist ein hochsensibles Ökosystem und steht unter Naturschutz, sagt Ökotoxikologin Cornelia Kienle von der Eawag, dem Wasserforschungs-Institut des ETH-Bereichs. Das Sumpfgebiet besteht weitgehend aus sensiblen Mangroven und Schilfpflanzen. «Das Öl verklebt die Luftwurzeln der Pflanzen, was ihren Tod bedeutet.» Absterben würde nicht nur die Pflanzenwelt, sondern auch ein grosser Teil der Tierwelt. In den Sümpfen leben zahlreiche Kleintiere wie Krebse, Mäuse, aber auch die berühmten Mississippi-Alligatoren.

«Erreicht das Öl erstmal die Küste, verbreitet es sich über die Wasserarme bis tief in die Sumpfgebiete hinein. Dann kann man fast nichts mehr machen», so Kienle. Anders als Sandküsten oder Steinküsten kann man Sumpfgebiete kaum von den Ölverschmutzungen befreien. Es wäre der Gau für die Kinderstube zahlreicher Tierarten: Zahlreiche Vogelarten haben ihre Brutstätten dort, Fische legen ihre Larven, und im Moment schlüpfen gerade die Schildkröten.

Schlimmer als «Exxon-Valdez»-Katastrophe?

Nebst dem kurzfristigen Pflanzen- und Tiersterben ist auch mit langfristigen Schäden zu rechnen: Über Muscheln und Krebse und andere am Meeresboden lebende Tieren in Bodennähe könnten die Schadstoffe über Jahre in den Nahrungskreis der Tiere gelangen. Die Folgen der «Exxon-Valdez»-Katastrophe von 1989 seien in Alaska auch 21 Jahre danach noch spürbar. «Die aktuelle Ölpest ist mindestens gleich schlimm, wenn nicht sogar schlimmer», so Kienle. Bereits jetzt haben die Behörden den Fischfang verboten und die Garnellensaison beendet, was die Existenz der dort heimischen Fischer gefährdet. Ob und wann wieder Fische gefangen werden dürfen, klären Wissenschaftler vor Ort ab.

Im Moment spielt sich das grösste Drama noch auf dem Meeresboden ab, wie Meeresbiologe Bussau sagt. «Eine dickflüssige Ölschicht bedeckt den Boden grossräumig.» Für Tiefseebewohner wie Schlangesterne, Seegurken oder auch Kraken der sichere Tod. Sichtbar werden diese Verluste aber kaum: «Die Schäden in der Tiefsee bleiben häufig unbemerkt», sagt der Meeresbiologe. Es werden nur selten Tiere aus dieser Tiefe angespült. Das aufsteigende Öl verursache im Moment aber auch ein Massensterben bei den Kleintieren: «Das Plankton wird durch das Öl verseucht und gelangt über Kleintiere oder auch Quallen in den Nahrungskreis.»

Drei Arten, um das Loch zu stopfen

Sowohl für Bussau als auch für Kienle ist im Moment die wichtigste Aufgabe, das Loch zu stopfen. «Wenn es nicht geschlossen wird, stehen wir erst am Anfang der Katastrophe», sagt Bussau. Momentan probieren die Einsatzkräfte vor Ort auf drei Arten, das Öl zu stoppen: Ferngesteuerte Roboter versuchen schon seit Tagen, den Notverschluss am Bohrloch zu aktivieren, dieser stählerne Korken soll das Bohrloch verschliessen. In der Zwischenzeit sind Bohrschiffe unterwegs, die Entlastungsbohrungen durchführen sollen, damit der Druck sinkt und das Öl nicht mehr so schnell ausfliesst. Auf dem Festland wird zudem an einer Kuppel gearbeitet, die über das Leck gestülpt werden soll. Diese Arbeiten benötigen aber noch mindestens sechs bis acht Tage. «Bis dahin muss versucht werden, so viel vom Öl wie möglich aus dem Wasser rauszuholen und von der Küste fernzuhalten», sagt Bussau.

Die Hoffnungen scheinen gering: Wie die Nachrichtenagenturen berichtet, arbeitet das Wetter gegen die Helfer vor Ort. Wind und Wellen verhindern auch am zweiten Tag bereits das Abbrennen und treiben den Ölteppich weiter gegen die Küste.

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