Aktualisiert 30.06.2016 06:09

Türken in der Schweiz

«Der Anschlag trifft uns mitten ins Herz»

Der Anschlag von Istanbul hat die Türken stark verunsichert. Der schwer bewachte Flughafen galt als einer der sichersten Orte des Landes.

von
ann
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Er soll nach Angaben des US-Abgeordneten Michael McCaul hinter dem Terroranschlag stecken: Achmed Tschatajew gibt nach seiner Haftentlassung in Georgien 2012 ein Interview. (Screenshot RegTV/Youtube)

Er soll nach Angaben des US-Abgeordneten Michael McCaul hinter dem Terroranschlag stecken: Achmed Tschatajew gibt nach seiner Haftentlassung in Georgien 2012 ein Interview. (Screenshot RegTV/Youtube)

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Die Familie Amiri hat bei dem Anschlag vier Mitglieder verloren: Angehörige tragen einen der Särge bei der Beerdigung in Istanbul. (30. April 2016)

Die Familie Amiri hat bei dem Anschlag vier Mitglieder verloren: Angehörige tragen einen der Särge bei der Beerdigung in Istanbul. (30. April 2016)

Keystone/EPA/Sedat Suna
Angespannte Stimmung in Istanbul: Sicherheitsleute patrouillieren vor dem Flughafen Atatürk. (29. Juni 2016)

Angespannte Stimmung in Istanbul: Sicherheitsleute patrouillieren vor dem Flughafen Atatürk. (29. Juni 2016)

Keystone

Die Türken in der Schweiz hat das Attentat am Atatürk-Flughafen schwer erschüttert. «Ich fühle mich furchtbar, der Anschlag ist schlimm, sehr schlimm und erst noch am Flughafen», sagt Elif*. Die schweizerisch-türkische Doppelbürgerin hat letzte Nacht kaum geschlafen und fühlt sich wie gelähmt. «Ich bin die ganze Zeit online und versuche herauszufinden, was genau passiert ist.»

Dieser Anschlag treffe die Türken mitten ins Herz, so Elif, weil der Atatürk-Flughafen einer der bestbewachten Orte in der ganzen Türkei sei. «Wer dorthin will, dem schaut man sogar in die Unterhose – die Kontrollen sind rigoros», sagt Elif. Dies fange vor dem Parkhaus an, wo Polizisten oder Sicherheitsbeamte bereits einen Blick ins Auto würfen.

Unfassbares Blutbad

Um vom Parkhaus ins Innere des Flughafens zu gelangen, müsse man einen ersten ausführlichen Sicherheitscheck durchlaufen. «Da zieht man die Schuhe aus, das Gepäck läuft durch einen Röntgenscanner – das volle Programm.»

Wer auf ein Flugzeug wolle, müsse durch mindestens drei solche Kontrollen. Auch das Gepäck werde mehrmals durchleuchtet. «Dass nicht nur einer, sondern gleich drei mutmassliche IS-Terroristen trotz diesen Kontrollen in den Flughafen gelangten und ein so grosses Blutbad anrichteten, können wir kaum fassen – das ist für alle Türken sehr schwer zu verkraften.»

Wer kann, bleibt zu Hause

Einer der Terroristen soll über einen Eingang für Crew-Mitglieder in den Flughafen gelangt sein. Ein weiterer soll im Parkhaus das Feuer eröffnet haben. «Sie haben die Schwachstellen gefunden und ein Massaker angerichtet», sagt Elif.

Es mache Angst, dass die Terroristen offenbar einen Weg fänden, wenn sie wollten. Viele ihrer Verwandten seien verzweifelt, so Elif. Die Strassen der sonst konstant überfüllten Millionen-Metropole seien deutlich leerer, würden ihre Verwandten erzählen. Wer könne, bleibe zu Hause.

«Jetzt überlegen sich viele, ihre Flüge zu stornieren»

Nach den vielen Anschlägen in jüngster Zeit versuchten viele Bewohner Orte, an denen sich viele Menschen ansammeln, zu meiden. Das sei aber gar nicht so einfach. «Meine Mutter oder meine Cousinen sagen, die Metro oder den Bus muss man immer wieder mal nehmen und auch einkaufen muss man gehen – sie können sich nicht ewig zu Hause verstecken.»

Angst haben nicht nur die Türken in Istanbul. Auch viele türkische Freunde und Verwandte von Elif in der Schweiz überlegen sich jetzt, ihre Flugtickets zu stornieren. «Sie wollen ihre Kinder nicht in Gefahr bringen und denken darüber nach, dieses Jahr nicht in die Türkei zu gehen.»

«Ich habe auch Angst, gehe aber trotzdem»

Elif selbst fliegt im Juli. Eine Woche wird sie bei ihrer Familie in Istanbul sein. «Für mich ist das extrem schwierig, auch ich habe Angst um meine Kinder.» Ein nächster Anschlag könne jederzeit und überall passieren, meint sie, auch im Ferienort, wo ihre Familie ein Haus am Strand habe.

Sie wolle aber nicht auf den jährlichen Besuch in der Türkei verzichten. «Das ist meine zweite Heimat, meine Eltern und viele Verwandte und Freunde leben dort.»

*Name geändert.

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